DAS TRÄUMERLE IST GAR NICHT KRANK

Immer wieder melden sich „Betroffene“, die selbst (oder deren Kind) ein „Hypo“ seien, ein „Träumerchen“, jemand, der auffallend wenig aktiv, also „hypoaktiv“, aber „aufmerksamkeitsgestört“ sei. Solche Menschen fragen z.B. nach Fachliteratur oder Forschungsergebnissen und hören dann nie etwas wissenschaftlich Seriöses. Andere sprechen vom „reinen ADS“, wenn ausschließlich eine Aufmerksamkeitsstörung vorliege, was vorwiegend bei Mädchen auftrete. Wieder andere glauben an so etwas wie SCT (Sluggish Cognitive Tempo).

Das Ärzteblatt verbreitet dieser Tage in gewohnt unkritischer Art, dass angeblich nicht alle ADHS-Kinder hyperaktiv seien. Helga Simchen hat dazu schon vor 17 Jahren ein überflüssiges Buch geschrieben, es handelt sich also keineswegs um eine Neuigkeit, sondern um Schnee von vorgestern.

Sehen wir genauer hin: Manfred Döpfner meint: „In den Fachkreisen besteht Uneinigkeit darüber, ob für die Diagnose einer hyperkinetischen Störung Auffälligkeiten in allen 3 Kernbereichen (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) vorliegen müssen oder ob es verschiedene Unterformen von hyperkinetischen Störungen gibt, nämlich:

– hyperkinetische Störungen mit Auffälligkeiten in allen 3 Kernbereichen,
– hyperkinetische Störungen, die hauptsächlich durch Aufmerksamkeitsschwächen, aber weniger durch Impulsivität und motorische Unruhe gekennzeichnet sind, und
– hyperkinetische Störungen, die hauptsächlich durch Impulsivität und motorische Unruhe und weniger durch Aufmerksamkeitsschwächen gekennzeichnet sind.“

Man weiß also wieder einmal gar nichts genau. Dass sogenannte Hypoaktivität bei einem sogenannten Hyperkinetischen Syndrom vorkommen soll, klingt doch sehr nach einem schwarzen Schimmel. Hypokinese bzw. Akinese kennt man sonst eigentlich nur im Zusammenhang mit psychiatrischen Krankheitsbildern wie Parkinson oder Schizophrenie.

Auch der schweizer ADHS-Fachmann Piero Rossi bezweifelt, ob es bei ADHS überhaupt ein spezifisches, selektives Aufmerksamkeitsdefizit gibt: „Leider konnte in Untersuchungen bisher keine ADHS-spezifische Aufmerksamkeitsschwäche gefunden werden…Wahrscheinlich wird man das ADHS-kennzeichnende Aufmerksamkeitsdefizit gar nie entdecken, da es -so meine persönliche Vermutung- gar nicht existiert.“

Huang-Pollock u. a sind dieser alten Grundfrage noch einmal nachgegangen und haben Aufmerksamkeitsstörungen bei ADHS-diagnostizierten Kindern des primär unaufmerksamen Typs sowie bei solchen des kombinierten (hyperaktiven und unaufmerksamen) Typs gesucht – und keine gefunden. In keiner der beiden ADHS-Untergruppen fanden sie selektive Aufmerksamkeitsstörungen. Sie schließen daraus, dass wahrscheinlich die meisten ADHS-diagnostizierten Kinder eine völlig normale Aufmerksamkeit haben. Dass es bei ADHS einen Subtyp der primär aufmerksamkeitsgestörten Kinder überhaupt gibt, ziehen sie denn auch in Zweifel.

Das bestätigt auch unsere klinische Erfahrung mit sog. „ADHS-Kindern“. Bei den wenigsten dieser Kinder konnten wir in einer testpsychologischen Nachuntersuchung und in der längeren klinischen Beobachtung spezifische Aufmerksamkeitsstörungen feststellen, auch nicht mit bewährten Tests wie z.B. dem DAT (Dortmunder Aufmerksamkeitstest). Nur bei 2 Prozent dieser diagnostizierten Kinder gab es hierbei unterdurchschnittliche Werte. Das, was Eltern und/oder Lehrer als Aufmerksamkeitsproblem, Zerstreutheit oder „Schusseligkeit“ beschrieben, war meistens motivational zu verstehen (z.B. schulische Über- bzw. Unterforderung, seelische Belastung, Traumatisierung, Depressionen, elterliche Scheidung, familiäre Störung, etc.).

Und was bleibt? Die sog. Hyperaktivität und Impulsivität, die erst recht keiner objektiv, zuverlässig und valide messen kann? Und deren „Ursachen“ genauso vielfältig sind wie die Lebensgeschichten der Kinder?

Aufmerksamkeitsdefizit, Impulsivität, Hyperaktivität: das sind die bekannten 3 Heiligen aus dem ADHS-Land. Wir haben uns schon öfter darüber ausgelassen, wie vieldeutig und unscharf diese angeblichen Kernsymptome definiert und gemessen werden, wie unzuverlässig und willkürlich die auf sie gründende ADHS-Diagnose daherkommt. Wer hat sich eigentlich diese syndromatische Dreieinigkeit ausgedacht? Warum gerade diese Verhaltensweisen, warum gerade deren drei? Und besteht überhaupt Einigkeit über diese Dreieinigkeit?

Keineswegs! Nicht einmal die Kernfrage, ob diese 3 Symptome wirklich ein Syndrom bilden oder für ganz unterschiedliche Störungen bzw. Krankheiten stehen, ist klar.

Diamant bezweifelt schon länger, dass ADHS ohne Hyperaktivität überhaupt ein Subtyp von ADHS ist. Es sei vielmehr eine andere Störung als ADHS, sowohl hinsichtlich der Ätiologie, der typischen Verhaltensweisen, der Komorbiditäten und der medikamentösen Behandlung. Adams u.a. greifen dies erneut auf und regen entsprechende weitere Forschungen an. Auch der berühmte ADHS-Forscher Russell Barkley hält ADS nicht für einen Subtyp von ADHS, sondern für eine andere, eigene Störung, genannt Sluggish Cognitive Tempo (SCT).

Das sogenannte Träumerchen hätte demnach gar keine ADHS, es hat irgendetwas anderes, wie immer bei ADHS.
Aber schon wieder war eine neue Krankheit „entdeckt“!

Quellen:
Diamant: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16262993
Adams: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1907275
Döpfner: Wackelpeter u. Trotzkopf. Beltz 2000, S. 18 ff.
Huang Pollock: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16238668
Piero Rossi: https://www.adhspedia.de/wiki/Piero_Rossi

KINDER BRAUCHEN KEINEN PSYCHIATER

Die wirklichen Mythen um ADHS

„Es gibt wahrscheinlich keine Erkrankung, über die so meinungsstark, aber faktenschwach diskutiert wird wie über ADHS“, sagt Andreas Reif. Mit einem Video will der Frankfurter Professor deshalb angeblich gängige „Mythen“ über die Aufmerksamkeitsstörung ADHS ausräumen. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Frankfurt ist auch Koordinator eines europaweiten Forschungsprogramms zu ADHS. Er erklärt: „Es existieren wahnsinnig viele Vorurteile zu dem Thema.“

Über die von ihm und anderen Angehörigen der ADHS-Glaubensgemeinschaft permanent verbreiteten Mythen erzählt er allerdings nichts. Deshalb lassen wir erneut Prof. Dr. Laura Batstra und KollegInnen klarstellen, welche Fakten bei ADHS tatsächlich zur Kenntnis genommen werden müssen, wenn Mythen ausgeräumt werden sollen. Wir zitieren aus der u. g. Studie:

1. Der Geburtsmonat zählt
Erzieher und Lehrer missdeuten harmlose Entwicklungsunreife als ADHS.

2. Es gibt keine einzige Ursache für ADHS
ADHS ist eine Verhaltensbeschreibung, die auf Kriterien basiert, die für Subjektivität und kognitive Verzerrungen empfindlich sind. Es gibt keine messbaren biologischen Marker oder objektiven Tests, um das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von ADHS festzustellen.

3. Fast alle ADHS-Kinder haben ein normales Gehirn.
Eine ADHS-Diagnose ist ein schlechter Prädiktor für die Gehirngröße, und die Gehirngröße ist ein schlechter Prädiktor für eine ADHS-Diagnose.

4. Es gibt keinen Beweis dafür, dass ADHS genetischen Ursprung hat.
In genetischen Assoziationsstudien, die genetisches Material analysieren und den Einfluss der Genetik von anderen ätiologischen Quellen unterscheiden können, zeigen assoziierte Gene nur sehr geringe Auswirkungen. Zusammen erklären sie weniger als 10% der Varianz.

5. Medikamente helfen auf Dauer nicht.
In 8 Jahre späteren Nachuntersuchungen gibt es keinen Unterschied zwischen ehemals medikamentierten und nichtmedikamentierten Kindern.

6. Eine ADHS-Diagnose kann für Kinder schädlich sein
Die Stigmatisierung als neurologisch Kranker kann teils lebenslängliche Nachteile nach sich ziehen. Zum Beispiel: Die umstrittenen, aber weit verbreiteten Behauptungen, dass ADHS eine genetisch bedingte neurologische Entwicklungsstörung ist, könnten dazu führen, dass sich Lehrer und andere pädagogische Fachkräfte nicht mehr zuständig fühlen und auf psychiatrischer Problemlösung bestehen.

Fazit: Kinder brauchen keine Psychiatrisierung, sondern Zeit und Geld.

Anmerkung: Man beachte, dass in Pkt. 2 ADHS nicht als eigene Krankheit, sondern als bloße Verhaltensbeschreibung definiert wird. ADHS als spezifische neurologische Krankheit gibt es also gar nicht.

https://www.waz.de/…/kampagne-will-mit-mythen-ueber-adhs-au…

https://www.tandfonline.com/…/full/10…/17482631.2017.1298267

STELL DIR VOR, ES GIBT LEITLINIEN, UND KEINER NIMMT SIE ERNST

Auch für die ADHS gelten medizinische Leitlinien. Darunter versteht man von Fachgremien konsensual formulierte, evidenzbasierte Feststellungen, die z. B. Ärzte bei ihren Entscheidungen über die angemessene Gesundheitsversorgung unter spezifischen klinischen Umständen unterstützen sollen. Solche Leitlinien werden in gewissen Abständen regelmäßig überarbeitet und aktualisiert, so dass dann Anpassungen in der klinischen Praxis erforderlich werden.

Bei der ADHS gilt seit Mai 2018 die „interdisziplinäre, evidenz- und konsensbasierte S3-Leilinie für die ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“. An ihrem Konsens waren fast alle deutschen Fachgesellschaften für Psychiatrie und Psychologie beteiligt. Solche Leitlinien sind im Unterschied zu Richtlinien zwar nicht bindend, aber offiziell wird sehr gerne auf sie verwiesen, wenn es darum geht, den aktuellen, angeblich seriösen Stand der wissenschaftlichen klinischen Praxis gegenüber der Öffentlichkeit darzustellen. Nur: Welchen Effekt auf die tatsächliche klinische Praxis haben solche imposant daherkommenden Leitlinien überhaupt?

Dieser bisher unbeantworteten Frage sind australische Forscher um Nguyen T. in einer aktuellen Metaanalyse nachgegangen. Sie fanden, dass in fast 40 % der Fälle gar keine und in den anderen Fällen nur kleine, unwesentliche Effekte eintraten. Im Großen und Ganzen verpuffen solche Leitlinien also wie heiße Luft. Außer Spesen nichts gewesen.

Wenn man dies bei der Bewertung der alltäglichen Praxis sowie von ADHS-Forschungsstudien berücksichtigt, wenn Forscher und Kliniker sozusagen frei nach Schnauze diagnostizieren und behandeln, versteht man die totale Unvergleichbarkeit der Ergebnisse und das Chaos in den Praxen.

Die bei der S3-ADHS-Leitlinie federführenden Wissenschaftler hatten zudem zu über 67 % Interessenkonflikte mit der Pharmaindustrie., alle Koordinatoren, also 100 % hatten ebenfalls solche Konflikte. In einer unabhängigen Bewertung der Leitlinie hinsichtlich solcher Interessenkonflikte erreichte sie denn auch nur 6 von 18 möglichen Punkten.

Man könnte also vermuten, dass sich die Kliniker auch deshalb nicht an solche Leitlinien halten, weil sie deren unseriösen Hintergrund kennen.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31732189?fbclid=IwAR26JVbTaFVe-7BuNmirDYpKEeIaTgeZ8JXwK3wRDaIfvf2bPfGFQnYTwNM

https://www.leitlinienwatch.de/adhs-bei-kindern-jugendlichen-und-erwachsenen/?fbclid=IwAR00jsCmtPuSEns2QOMfWu0KD0OPTxXzim0bREMycM-xVvSXuqXExaNxI-M

.

WAS „ADHS“ IN WAHRHEIT IST

VIELE STÖRUNGEN HABEN DIESELBEN SYMPTOME WIE „ADHS“

Es gibt zahlreiche Störungsbilder, die Symptome von Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung zeigen. Sie müssten differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden, wenn man eine einigermaßen zuverlässige und spezifische ADHS-Diagnose erzielen möchte. Der Viersener Psychiater Ingo Spitzok von Brisinski stellt folgende Liste zusammen:

Autistische Störungen – Hospitalismus – Bindungsstörung – Reaktionen auf schwere Belastungen – Anpassungsstörungen – Schlafstörungen – stereotype Bewegungsstörung – Störungen des Sozialverhaltens – auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens – Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen – Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen – Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten – Angststörungen – Depression – Ticstörungen – Substanzabusus (Alkohol, Drogen, Koffein, Medikamente)- hebephrene Schizophrenie – Manie – emotional instabile Persönlichkeitsstörung – Borderline-Persönlichkeitsstörung – Anorexia nervosa – Leserechtschreibstörung/Legasthenie – Rechenstörung – Zentrale Hörstörung/auditive Wahrnehmungsstörung – Störung der visuellen Wahrnehmung – kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten – Hochbegabung – Lernbehinderung – Geistige Behinderung – Frühkindliche Hirnschädigungen – Leichte kognitive Störung vor, während oder nach einer Vielzahl zerebraler und systemischer Infektionen und körperlicher Erkrankungen (einschließlich HIV) – Chorea minor (Sydenham) – Enzephalitis (akut oder subakut, z. B. subakute sklerosierende Panenzephalitis) -Enzephalomyelitis disseminata (Multiple Sklerose ) – Organische Persönlichkeitsstörung nach lokaler Hirnschädigung – Postenzephalitisches Syndrom – Organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma – Sehstörungen – Hörstörungen – Allergien (z. B. Neurodermitis) – Epilepsie (Absencen, komplex-partielle Anfälle) – Hyperthyreose – andere Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Phenylketonurie, usw.) – Chromosomale Störungen wie z.B. Fragiles X-Syndrom, Klinefelter-Syndrom, usw.) – neurotoxische Substanzen, z. B. Bleiintoxikation Zink-, Eisen-, Magnesium- oder Vitaminmangel – Medikamentöse Nebenwirkungen (z. B. Phenobarbital, Carbamazepin, Fluoxetin, andere antriebssteigernde Antidepressiva) – Ehekonflikt der Eltern – Krankheitsfall in der Familie – Alkoholproblem oder andere psychische Störung eines oder beider Elternteile – Misshandlung – sexueller Missbrauch – Beziehungsprobleme zu Erziehern/Lehrern und/oder Gleichaltrigen (zit. Spitczok v. Brisinski 2002).

Ergänzen muss man inzwischen: Fetales Alkoholsyndrom (FAS) – mütterliches Rauchen in der Schwangerschaft – pränatale schädliche Einwirkunken auf den Fötus inkl. Stress der Mutter – Frühgeburt – Kaiserschnitt – frühe Einschulung – Moyamoya – HHNA  (niedrige Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren – Achse) – Fetale Drogenexposition – Eicosapentaensäure (EPA)-Mangel – Organophosphate – Hypoglykämie – pränatale Methamphetamin-Exposition

(Fortsetzung folgt)

KEINE EINIGKEIT BEI DER DREIEINIGKEIT

ADHS-ABERGLAUBE 39:
EINIGKEIT BEI DER DREIEINIGKEIT ?

Aufmerksamkeit, Impulsivität, Hyperaktivität: das sind die bekannten 3 Heiligen aus dem ADHS-Land. Wir haben uns schon öfter darüber ausgelassen, wie vieldeutig und unscharf diese angeblichen Kernsymptome definiert und gemessen werden, wie unzuverlässig und willkürlich die auf sie gründende ADHS-Diagnose daherkommt. Ganz zu schweigen von der völlig ungeklärten Frage, was dabei gemessen wird: unspezifisches, situatives Verhalten, eine psychogene Störung  oder eine veritable medizinische Krankheit?

Aber auch weitere Fragen bleiben bisher unbeantwortet: Wer hat sich eigentlich diese syndromatische Dreieinigkeit ausgedacht? Warum gerade diese Verhaltensweisen, warum gerade deren drei? Und besteht überhaupt Einigkeit über diese Dreieinigkeit?

Keineswegs! Nicht einmal die Kernfrage ist klar, ob diese 3 Symptombereiche wirklich ein Syndrom, noch dazu ein ADHS-spezifisches, bilden, oder ob sie für ganz unterschiedliche Störungen bzw. Krankheiten stehen.

Noch unklarer wird es, wenn man das Konzept der angeblichen Subtypen von ADHS betrachtet. In den gebräuchlichen Diagnosekatalogen ICD10 und im DSM5 werden unterschiedliche Subtypen aufgeführt. Im DSM5, der sich auch bei uns immer mehr durchsetzt, wird zwischen dem ADHS-Mischtyp, dem vorwiegend unaufmerksamen ADHS-Typ und dem vorwiegend hyperaktiv-impulsiven ADHS-Typ unterschieden.

Bernfeld, J. betont, dass es trotz umfangreicher Forschung nur wenige Hinweise auf die diagnostische Validität dieser drei Subtypen gibt. Lahey u.a. finden, dass die Subtypen instabil sind und bei der Einzeldiagnostik wenig Sinn machen. Diamant, A. bezweifelt, dass ADHS ohne Hyperaktivität (das „Träumerle“) überhaupt ein Subtyp von ADHS ist. Es sei vielmehr eine andere Störung als ADHS, sowohl hinsichtlich der Ätiologie, der typischen Verhaltensweisen, der Komorbiditäten und der medikamentösen Behandlung. Adams u.a. greifen dies erneut auf und regen entsprechende weitere Forschungen an.

Riley u.a. finden keinen wesentlichen Unterschied in der Funktionsbeeinträchtigung zwischen Kindern mit der Mischtyp-Diagnose und solchen von vorwiegend hyperaktiv-impulsivem Subtyp. Parke EM u.a. finden, dass es Sinn mache, bei ADHS auch die Impulsivität zu berücksichtigen, nicht nur Hyperaktivität und Aufmerksamkeit.

Willcutt u.a. stellen in einer Metaanalyse von 546 einschlägigen Studien fest, dass man Kinder zwar in Hyperaktivität, Aufmerksamkeit und Impulsivität unterscheiden kann (wer hätte das bezweifelt?), kommen aber zu dem Schluss, dass man keine einzelnen Subgruppen mit ausreichender Langzeitstabilität identifizieren kann, die eine Klassifizierung von verschiedenen Subtypen der ADHS rechtfertigen können.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=bernfeld+adhd
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16061767
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18454040
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25915789
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22612200
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16262993…
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19072751…

ADHS BEI ERWACHSENEN RELOADED

Die wissenschaftliche Kontroverse über Sinn und Unsinn des Konstrukts „ADHS bei Erwachsenen“ dauert bekanntlich an. Sie reicht von der Auffassung, Kindheits-ADHS würde in bis zu 80 % der Fälle im Erwachsenenalter fortbestehen, bis zur Auffassung, dass es ADHS im Erwachsenenalter gar nicht gebe, es handele sich jeweils um ganz andere Störungen.  (Eine weitere Gruppe von Wissenschaftlern ist davon überzeugt, dass es „ADHS“ weder bei Kindern noch bei Erwachsenen gibt; dieser Auffassung gehört Café Holunder bekanntlich auch an, aber dies hier nur am Rande).

Wir haben uns mit diesem Thema früher bereits beschäftigt und Belege dafür gezeigt, dass z. B. nur bei ca. 10 % der erwachsenen ADHSler die Kindheits-ADHS fortdauerte, und dass vor allem die rückblickende Diagnose bei Erwachsenen, der zufolge ADHS bereits in der Kindheit bestanden haben muss, nur bei ca. 27 % der Patienten zutraf, bei 73 % war die Diagnose einer Erwachsenen-ADHS also falsch (Belege s. Link unten).

Neue Studien bestätigen diese Befunde nun: Breda u.a. stellen fest, dass die von 22-Jährigen berichteten Erinnerungen an ihre Kindheitssymptome in nur 55 % der Fälle zutrafen, ein Wert knapp über der Zufallsgrenze. Die Sensitivität der Erinnerungen lag bei nur 33 % und der Vorhersagewert bei lediglich 41 %. Die Autoren stellen insgesamt fest, dass das Verwenden von Selbstberichten über ADHS-Symptome in der Kindheit eine unzuverlässige Methode ist.

Lecendreux u.a. haben ADHS-Kinder im Alter von 6-12 Jahren neun Jahre später nachuntersucht und gefunden, dass nur bei  knapp 17 % von ihnen die Diagnose noch stimmte. (Lustigerweise gefällt ihnen dieser niedrige Wert dann aber selber nicht, so dass sie eine neue Kategorie hinzurechnen wollen für „unterschwellige ADHS“, womit sie rechnerisch auf immerhin knapp 28 % Persistenz kämen. Ein schönes Beispiel für wissenschaftliche Unseriosität).

Wir können als zusammenfassend festhalten, dass „ADHS bei Erwachsenen“ eine unhaltbare Kategorie ist. ADHS bei Erwachsenen ist eine klassische Modekrankheit.

https://www.facebook.com/ADHS.KOMPETENZ/photos/adhs-aberglaube-24adhs-im-erwachsenenaltervon-der-wiege-bis-zur-bahrenachdem-die/628676837307340/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31087826

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30968792

 

 

 

ADHS BEI ERWACHSENEN

VON DER WIEGE BIS ZUR BAHRE?

Nachdem die Pharmaindustrie einsehen musste, dass der Ritalin-Markt bei Kindern begrenzt ist, hat sie die Unspezifität der ADHS-Symptome dazu benutzt, auch bei Erwachsenen „ADHS“ zu suchen – und natürlich gefunden. Schließlich findet sich diese Allerweltssymptomatik ganz normal fast überall, man muss nur verbreiten, dass es sich um eine Krankheit handelt. Die Pillen dagegen lagern schon zentnerweise in den Regalen. Und bezahlte fachliche Mietmäuler, die alles pseudowissenschaftlich aufbereitet verbreiten, gibt es wie immer auch.

Es gibt kaum etwas Absurderes als die ADHS-Diagnose bei Erwachsenen. Das Bestehen der „Krankheit“ muss seit der Kindheit (seit dem 6. bzw. 12. Lebensjahr) belegt sein, weil sich Kinder-ADHS im Erwachsenenalter angeblich keineswegs „auswächst“. Meist werden die erwachsenen Patienten selbst befragt, wie sie rückblickend ihre Kindheit beurteilen. Dass dieses Vorgehen eine Menge Fehlermöglichkeiten in sich birgt, liegt auf der Hand. Die Patienten können natürlich bewusst oder unbewusst beeinflussen, wie die Diagnose aussehen wird. Wer ADHS haben will (und das gibt es!), der kriegt es. Das subjektive rückblickende Vorgehen kann in keiner Weise dem strengen Ausschlussverfahren gerecht werden, das sonst allgemein bei der Diagnostik berücksichtigt werden sollte.

Untersuchungen, wie zuverlässig solche Selbstauskünfte von Patienten über ihre „ADHS“-Vergangenheit sind, gibt es kaum. Mannuzza S, u. a. haben schon vor Jahren herausgefunden, dass nur 27 Prozent aller Erwachsenen, die die Diagnose „ADHD“ erhalten hatten, richtig diagnostiziert worden waren, 73 Prozent aber nicht. Die Autoren kannten die Kindheitsdiagnosen ihrer erwachsenen Versuchspersonen aus einer prospektiven, 16 Jahre andauernden Längsschnittuntersuchung. Sie ließen die 25jährigen Erwachsenen von Diagnostikern, die diese Kindheitsdiagnosen nicht kannten, untersuchen und nach ihren Kindheitserinnerungen befragen. Die rückblickende Selbstauskunft konnte dann mit der „wirklichen“ Diagnose aus der Kindheit verglichen werden. Die Autoren schließen daraus, dass rückblickende ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen, die sich auf Selbstauskünfte beziehen, in den meisten (drei Viertel) Fällen falsch sind.

Nun sind in jüngerer Zeit 3 weitere gute prospektive Studien erschienen, die sich mit der Frage befassen, ob ADHS wirklich im Erwachsenenalter fortdauert, eine aus Neuseeland, eine aus Brasilien sowie eine britische. Die Frage war, ob eine Erwachsenen-ADHS-Diagnose im Zusammenhang steht mit einer solchen in der Kindheit. Ohne hier auf die Einzelheiten einzugehen (die man in den Studien selber nachlesen kann): nur in 10, in 17,2 und in 21,9 Prozent der Fälle traf dies zu. Im Durchschnitt gab es also nur in 16,4 Prozent der Fälle einen Zusammenhang zwischen Kindheits-ADHS und Erwachsenen-ADHS, oder anders ausgefrückt: in 83,4 Prozent der Fälle nicht. Nicht nur, dass die Erwachsenendiagnosen weit überwiegend falsch sind, es gibt auch kein Andauern von ADHS im Erwachsenenalter. Worunter man auch leiden mag, „ADHS“ ist es nicht.

Fazit: „ADHS“ bei Erwachsenen gibt es nicht.

http://archpsyc.jamanetwork.com/article.aspx…
http://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4904985…