SACKGASSE ADHS

Andrea M. Ruisser

DIE SACKGASSE ADHS
Was ist eigentlich „ADHS“?

Wir haben früher bereits betont, dass das Krankheitskonstrukt ADHS wissenschaftlich in einer Sackgasse steckt. Andrea M. Ruissen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am  Amsterdam University Medical Center, hat dies in ihrem Beitrag „Die Sackgasse namens ADHS“ herausgearbeitet. Ihre Kritik bezieht sich dabei auf einen Beitrag ihrer Kollegin Kooij über ADHS bei Erwachsenen, in dem Kooij einen einseitig neurobiologischen Ansatz vertritt, wie er gegenwärtig allgemein vorherrscht.  

Ruissen sagt, dass es in der aktuellen Psychiatrie zwei extreme Positionen gibt, wenn es um die Ätiopathogenese psychiatrischer Krankheiten geht: zum einen wird behauptet, dass psychiatrische Erkrankungen naturgegeben sind, „entdeckt“ werden können und dieselbe Entität haben wie beispielsweise Infektionen oder bösartige Erkrankungen. Nach dieser Auffassung können psychiatrische Erkrankungen – wenn die Wissenschaft irgendwann einmal soweit sein sollte – objektiv gefunden oder ausgeschlossen werden.

Das andere Extrem sind Psychiater, die psychiatrische Bilder als soziale Konstrukte betrachten. Unser Klassifizierungssystem ist eine künstliche Unterteilung in Störungskategorien. Psychiatrische Störungen können nicht „diagnostiziert“, aber verstanden werden. Die meisten Psychiater bewegen sich derzeit irgendwo zwischen diesen Extremen.

Ruissen fährt fort, dass die historische Perspektive zeige, dass Harvard-Professor Leo Eisenberg Mitte des letzten Jahrhunderts einen Kampf führte, um „Hyperkinesie“ zu einer offiziellen Klassifikation zu machen. „Wir haben gewonnen“, sagte er später. Im Jahr 2007 blickte er zurück und stellt mit Bedauern fest, dass der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Fabrikation von ADHS unerwünscht war und ist. Er wirft auch die bis heute nicht beantwortete grundlegende Frage: „Was genau ist ADHS?“. Wir verwenden jetzt die DSM-5-Kriterien, die ausschließlich von ADHS-Befürwortern erstellt wurden – Kritiker waren dabei nicht zugelassen.

Zur neurobiologischen Perspektive zu ADHS gibt es laut Ruissen viel zu sagen. Schließlich wurden auch neurobiologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen sowie zwischen Linkshändern und Rechtshändern gefunden. Frauen, Homosexuelle und Linkshänder leiden in einigen Kulturen und Umgebungen stark. Dennoch betrachten wir weibliches Geschlecht, Homosexualität oder Linkshändigkeit nicht – oder nicht länger – als Krankheit.

Ruissen betont, wissenschaftliche Daten zu ADHS seien keineswegs eindeutig. Beispielsweise ergab eine kürzlich in dem Artikel von Kooij zitierte Studie keine Unterschiede im Volumen verschiedener Hirnregionen zwischen Erwachsenen mit und ohne ADHS. Gegenüber diesen und anderen Studien zu neurobiologischen Merkmalen von ADHS stehen viele Artikel und Studien, die belegen, dass ADHS nicht existiert. Die biologischen Beweise sind daher zu Recht umstritten.

Bei den meisten psychiatrischen Erkrankungen sind Ätiologie und Pathogenese bis heute unklar. Die Symptome von Aufmerksamkeitsmangel und Hyperaktivität finden sich auch sehr häufig bei Schlafstörungen, Stress oder Verlieben, bei Psychosen, Manie und Hypomanie, Persönlichkeitsstörungen und Autismus sowie bei vielen somatischen Störungen. Es handelt sich also um unspezifische und häufig auftretende psychologische Phänomene.

Und dann die Diagnose ‚ADHS‘: sie sei ziemlich vage. Diagnostik und Klassifikation müssen unterschieden werden; eine Klassifizierung allein reicht für eine Indikation überhaupt nicht aus. In Kooijs Artikel fehlt jedoch eine diagnostische Formulierung, und es stellt sich, so Ruissen,  erneut die Frage: Was genau ist ADHS?

Schließlich wird auch die Politik diskutiert. Verhaltensinterventionen sind für verhaltensauffällige Kinder von größter Bedeutung, aber ohne ADHS-Diagnose bekommen sie solche Hilfen nicht. Die einseitige neurobiologische Sichtweise von ADHS in Kooijs Artikel sei generell nicht ausreichend belegt.

Abschließend betont Ruissen, dass es auf anderen Gebieten der Psychiatrie eine offene, kritische Diskussion gebe. Nicht so in der Debatte um ADHS. Die Vertreter unterschiedlicher Positionen scheinen sich kaum zu verstehen, Anschuldigungen sind weit verbreitet, es werden Disziplinarverfahren durchgeführt und Drohungen ausgesprochen. Was als Psychiater Leo Eisenberg begann, ADHS als psychiatrische Störung anzuerkennen, hat sich zu einem Stillstand entwickelt. Dialog und  gemeinsame Forschung fehlen.

Die grundlegende Frage bleibt nach wie vor: Was ist eigentlich ADHS? Eine Frage, die laut gestellt werden kann und muss, so Ruisser.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29098975/

Autor: adhskritik

Hans-Reinhard Schmidt, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Gutachter, Buchautor, Supervisor, Dozent.