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KINDER BRAUCHEN KEINEN PSYCHIATER

Die wirklichen Mythen um ADHS

„Es gibt wahrscheinlich keine Erkrankung, über die so meinungsstark, aber faktenschwach diskutiert wird wie über ADHS“, sagt Andreas Reif. Mit einem Video will der Frankfurter Professor deshalb angeblich gängige „Mythen“ über die Aufmerksamkeitsstörung ADHS ausräumen. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Frankfurt ist auch Koordinator eines europaweiten Forschungsprogramms zu ADHS. Er erklärt: „Es existieren wahnsinnig viele Vorurteile zu dem Thema.“

Über die von ihm und anderen Angehörigen der ADHS-Glaubensgemeinschaft permanent verbreiteten Mythen erzählt er allerdings nichts. Deshalb lassen wir erneut Prof. Dr. Laura Batstra und KollegInnen klarstellen, welche Fakten bei ADHS tatsächlich zur Kenntnis genommen werden müssen, wenn Mythen ausgeräumt werden sollen. Wir zitieren aus der u. g. Studie:

1. Der Geburtsmonat zählt
Erzieher und Lehrer missdeuten harmlose Entwicklungsunreife als ADHS.

2. Es gibt keine einzige Ursache für ADHS
ADHS ist eine Verhaltensbeschreibung, die auf Kriterien basiert, die für Subjektivität und kognitive Verzerrungen empfindlich sind. Es gibt keine messbaren biologischen Marker oder objektiven Tests, um das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von ADHS festzustellen.

3. Fast alle ADHS-Kinder haben ein normales Gehirn.
Eine ADHS-Diagnose ist ein schlechter Prädiktor für die Gehirngröße, und die Gehirngröße ist ein schlechter Prädiktor für eine ADHS-Diagnose.

4. Es gibt keinen Beweis dafür, dass ADHS genetischen Ursprung hat.
In genetischen Assoziationsstudien, die genetisches Material analysieren und den Einfluss der Genetik von anderen ätiologischen Quellen unterscheiden können, zeigen assoziierte Gene nur sehr geringe Auswirkungen. Zusammen erklären sie weniger als 10% der Varianz.

5. Medikamente helfen auf Dauer nicht.
In 8 Jahre späteren Nachuntersuchungen gibt es keinen Unterschied zwischen ehemals medikamentierten und nichtmedikamentierten Kindern.

6. Eine ADHS-Diagnose kann für Kinder schädlich sein
Die Stigmatisierung als neurologisch Kranker kann teils lebenslängliche Nachteile nach sich ziehen. Zum Beispiel: Die umstrittenen, aber weit verbreiteten Behauptungen, dass ADHS eine genetisch bedingte neurologische Entwicklungsstörung ist, könnten dazu führen, dass sich Lehrer und andere pädagogische Fachkräfte nicht mehr zuständig fühlen und auf psychiatrischer Problemlösung bestehen.

Fazit: Kinder brauchen keine Psychiatrisierung, sondern Zeit und Geld.

Anmerkung: Man beachte, dass in Pkt. 2 ADHS nicht als eigene Krankheit, sondern als bloße Verhaltensbeschreibung definiert wird. ADHS als spezifische neurologische Krankheit gibt es also gar nicht.

https://www.waz.de/…/kampagne-will-mit-mythen-ueber-adhs-au…

https://www.tandfonline.com/…/full/10…/17482631.2017.1298267

STELL DIR VOR, ES GIBT LEITLINIEN, UND KEINER NIMMT SIE ERNST

Auch für die ADHS gelten medizinische Leitlinien. Darunter versteht man von Fachgremien konsensual formulierte, evidenzbasierte Feststellungen, die z. B. Ärzte bei ihren Entscheidungen über die angemessene Gesundheitsversorgung unter spezifischen klinischen Umständen unterstützen sollen. Solche Leitlinien werden in gewissen Abständen regelmäßig überarbeitet und aktualisiert, so dass dann Anpassungen in der klinischen Praxis erforderlich werden.

Bei der ADHS gilt seit Mai 2018 die „interdisziplinäre, evidenz- und konsensbasierte S3-Leilinie für die ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“. An ihrem Konsens waren fast alle deutschen Fachgesellschaften für Psychiatrie und Psychologie beteiligt. Solche Leitlinien sind im Unterschied zu Richtlinien zwar nicht bindend, aber offiziell wird sehr gerne auf sie verwiesen, wenn es darum geht, den aktuellen, angeblich seriösen Stand der wissenschaftlichen klinischen Praxis gegenüber der Öffentlichkeit darzustellen. Nur: Welchen Effekt auf die tatsächliche klinische Praxis haben solche imposant daherkommenden Leitlinien überhaupt?

Dieser bisher unbeantworteten Frage sind australische Forscher um Nguyen T. in einer aktuellen Metaanalyse nachgegangen. Sie fanden, dass in fast 40 % der Fälle gar keine und in den anderen Fällen nur kleine, unwesentliche Effekte eintraten. Im Großen und Ganzen verpuffen solche Leitlinien also wie heiße Luft. Außer Spesen nichts gewesen.

Wenn man dies bei der Bewertung der alltäglichen Praxis sowie von ADHS-Forschungsstudien berücksichtigt, wenn Forscher und Kliniker sozusagen frei nach Schnauze diagnostizieren und behandeln, versteht man die totale Unvergleichbarkeit der Ergebnisse und das Chaos in den Praxen.

Die bei der S3-ADHS-Leitlinie federführenden Wissenschaftler hatten zudem zu über 67 % Interessenkonflikte mit der Pharmaindustrie., alle Koordinatoren, also 100 % hatten ebenfalls solche Konflikte. In einer unabhängigen Bewertung der Leitlinie hinsichtlich solcher Interessenkonflikte erreichte sie denn auch nur 6 von 18 möglichen Punkten.

Man könnte also vermuten, dass sich die Kliniker auch deshalb nicht an solche Leitlinien halten, weil sie deren unseriösen Hintergrund kennen.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31732189?fbclid=IwAR26JVbTaFVe-7BuNmirDYpKEeIaTgeZ8JXwK3wRDaIfvf2bPfGFQnYTwNM

https://www.leitlinienwatch.de/adhs-bei-kindern-jugendlichen-und-erwachsenen/?fbclid=IwAR00jsCmtPuSEns2QOMfWu0KD0OPTxXzim0bREMycM-xVvSXuqXExaNxI-M

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WAS „ADHS“ IN WAHRHEIT IST

VIELE STÖRUNGEN HABEN DIESELBEN SYMPTOME WIE „ADHS“

Es gibt zahlreiche Störungsbilder, die Symptome von Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung zeigen. Sie müssten differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden, wenn man eine einigermaßen zuverlässige und spezifische ADHS-Diagnose erzielen möchte. Der Viersener Psychiater Ingo Spitzok von Brisinski stellt folgende Liste zusammen:

Autistische Störungen – Hospitalismus – Bindungsstörung – Reaktionen auf schwere Belastungen – Anpassungsstörungen – Schlafstörungen – stereotype Bewegungsstörung – Störungen des Sozialverhaltens – auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens – Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen – Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen – Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten – Angststörungen – Depression – Ticstörungen – Substanzabusus (Alkohol, Drogen, Koffein, Medikamente)- hebephrene Schizophrenie – Manie – emotional instabile Persönlichkeitsstörung – Borderline-Persönlichkeitsstörung – Anorexia nervosa – Leserechtschreibstörung/Legasthenie – Rechenstörung – Zentrale Hörstörung/auditive Wahrnehmungsstörung – Störung der visuellen Wahrnehmung – kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten – Hochbegabung – Lernbehinderung – Geistige Behinderung – Frühkindliche Hirnschädigungen – Leichte kognitive Störung vor, während oder nach einer Vielzahl zerebraler und systemischer Infektionen und körperlicher Erkrankungen (einschließlich HIV) – Chorea minor (Sydenham) – Enzephalitis (akut oder subakut, z. B. subakute sklerosierende Panenzephalitis) -Enzephalomyelitis disseminata (Multiple Sklerose ) – Organische Persönlichkeitsstörung nach lokaler Hirnschädigung – Postenzephalitisches Syndrom – Organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma – Sehstörungen – Hörstörungen – Allergien (z. B. Neurodermitis) – Epilepsie (Absencen, komplex-partielle Anfälle) – Hyperthyreose – andere Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Phenylketonurie, usw.) – Chromosomale Störungen wie z.B. Fragiles X-Syndrom, Klinefelter-Syndrom, usw.) – neurotoxische Substanzen, z. B. Bleiintoxikation Zink-, Eisen-, Magnesium- oder Vitaminmangel – Medikamentöse Nebenwirkungen (z. B. Phenobarbital, Carbamazepin, Fluoxetin, andere antriebssteigernde Antidepressiva) – Ehekonflikt der Eltern – Krankheitsfall in der Familie – Alkoholproblem oder andere psychische Störung eines oder beider Elternteile – Misshandlung – sexueller Missbrauch – Beziehungsprobleme zu Erziehern/Lehrern und/oder Gleichaltrigen (zit. Spitczok v. Brisinski 2002).

Ergänzen muss man inzwischen: Fetales Alkoholsyndrom (FAS) – mütterliches Rauchen in der Schwangerschaft – pränatale schädliche Einwirkunken auf den Fötus inkl. Stress der Mutter – Frühgeburt – Kaiserschnitt – frühe Einschulung – Moyamoya – HHNA  (niedrige Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren – Achse) – Fetale Drogenexposition – Eicosapentaensäure (EPA)-Mangel – Organophosphate – Hypoglykämie

(Fortsetzung folgt)

KEINE EINIGKEIT BEI DER DREIEINIGKEIT

ADHS-ABERGLAUBE 39:
EINIGKEIT BEI DER DREIEINIGKEIT ?

Aufmerksamkeit, Impulsivität, Hyperaktivität: das sind die bekannten 3 Heiligen aus dem ADHS-Land. Wir haben uns schon öfter darüber ausgelassen, wie vieldeutig und unscharf diese angeblichen Kernsymptome definiert und gemessen werden, wie unzuverlässig und willkürlich die auf sie gründende ADHS-Diagnose daherkommt. Ganz zu schweigen von der völlig ungeklärten Frage, was dabei gemessen wird: unspezifisches, situatives Verhalten, eine psychogene Störung  oder eine veritable medizinische Krankheit?

Aber auch weitere Fragen bleiben bisher unbeantwortet: Wer hat sich eigentlich diese syndromatische Dreieinigkeit ausgedacht? Warum gerade diese Verhaltensweisen, warum gerade deren drei? Und besteht überhaupt Einigkeit über diese Dreieinigkeit?

Keineswegs! Nicht einmal die Kernfrage ist klar, ob diese 3 Symptombereiche wirklich ein Syndrom, noch dazu ein ADHS-spezifisches, bilden, oder ob sie für ganz unterschiedliche Störungen bzw. Krankheiten stehen.

Noch unklarer wird es, wenn man das Konzept der angeblichen Subtypen von ADHS betrachtet. In den gebräuchlichen Diagnosekatalogen ICD10 und im DSM5 werden unterschiedliche Subtypen aufgeführt. Im DSM5, der sich auch bei uns immer mehr durchsetzt, wird zwischen dem ADHS-Mischtyp, dem vorwiegend unaufmerksamen ADHS-Typ und dem vorwiegend hyperaktiv-impulsiven ADHS-Typ unterschieden.

Bernfeld, J. betont, dass es trotz umfangreicher Forschung nur wenige Hinweise auf die diagnostische Validität dieser drei Subtypen gibt. Lahey u.a. finden, dass die Subtypen instabil sind und bei der Einzeldiagnostik wenig Sinn machen. Diamant, A. bezweifelt, dass ADHS ohne Hyperaktivität (das „Träumerle“) überhaupt ein Subtyp von ADHS ist. Es sei vielmehr eine andere Störung als ADHS, sowohl hinsichtlich der Ätiologie, der typischen Verhaltensweisen, der Komorbiditäten und der medikamentösen Behandlung. Adams u.a. greifen dies erneut auf und regen entsprechende weitere Forschungen an.

Riley u.a. finden keinen wesentlichen Unterschied in der Funktionsbeeinträchtigung zwischen Kindern mit der Mischtyp-Diagnose und solchen von vorwiegend hyperaktiv-impulsivem Subtyp. Parke EM u.a. finden, dass es Sinn mache, bei ADHS auch die Impulsivität zu berücksichtigen, nicht nur Hyperaktivität und Aufmerksamkeit.

Willcutt u.a. stellen in einer Metaanalyse von 546 einschlägigen Studien fest, dass man Kinder zwar in Hyperaktivität, Aufmerksamkeit und Impulsivität unterscheiden kann (wer hätte das bezweifelt?), kommen aber zu dem Schluss, dass man keine einzelnen Subgruppen mit ausreichender Langzeitstabilität identifizieren kann, die eine Klassifizierung von verschiedenen Subtypen der ADHS rechtfertigen können.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=bernfeld+adhd
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16061767
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18454040
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25915789
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22612200
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16262993…
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19072751…

ADHS BEI ERWACHSENEN RELOADED

Die wissenschaftliche Kontroverse über Sinn und Unsinn des Konstrukts „ADHS bei Erwachsenen“ dauert bekanntlich an. Sie reicht von der Auffassung, Kindheits-ADHS würde in bis zu 80 % der Fälle im Erwachsenenalter fortbestehen, bis zur Auffassung, dass es ADHS im Erwachsenenalter gar nicht gebe, es handele sich jeweils um ganz andere Störungen.  (Eine weitere Gruppe von Wissenschaftlern ist davon überzeugt, dass es „ADHS“ weder bei Kindern noch bei Erwachsenen gibt; dieser Auffassung gehört Café Holunder bekanntlich auch an, aber dies hier nur am Rande).

Wir haben uns mit diesem Thema früher bereits beschäftigt und Belege dafür gezeigt, dass z. B. nur bei ca. 10 % der erwachsenen ADHSler die Kindheits-ADHS fortdauerte, und dass vor allem die rückblickende Diagnose bei Erwachsenen, der zufolge ADHS bereits in der Kindheit bestanden haben muss, nur bei ca. 27 % der Patienten zutraf, bei 73 % war die Diagnose einer Erwachsenen-ADHS also falsch (Belege s. Link unten).

Neue Studien bestätigen diese Befunde nun: Breda u.a. stellen fest, dass die von 22-Jährigen berichteten Erinnerungen an ihre Kindheitssymptome in nur 55 % der Fälle zutrafen, ein Wert knapp über der Zufallsgrenze. Die Sensitivität der Erinnerungen lag bei nur 33 % und der Vorhersagewert bei lediglich 41 %. Die Autoren stellen insgesamt fest, dass das Verwenden von Selbstberichten über ADHS-Symptome in der Kindheit eine unzuverlässige Methode ist.

Lecendreux u.a. haben ADHS-Kinder im Alter von 6-12 Jahren neun Jahre später nachuntersucht und gefunden, dass nur bei  knapp 17 % von ihnen die Diagnose noch stimmte. (Lustigerweise gefällt ihnen dieser niedrige Wert dann aber selber nicht, so dass sie eine neue Kategorie hinzurechnen wollen für „unterschwellige ADHS“, womit sie rechnerisch auf immerhin knapp 28 % Persistenz kämen. Ein schönes Beispiel für wissenschaftliche Unseriosität).

Wir können als zusammenfassend festhalten, dass „ADHS bei Erwachsenen“ eine unhaltbare Kategorie ist. ADHS bei Erwachsenen ist eine klassische Modekrankheit.

https://www.facebook.com/ADHS.KOMPETENZ/photos/adhs-aberglaube-24adhs-im-erwachsenenaltervon-der-wiege-bis-zur-bahrenachdem-die/628676837307340/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31087826

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30968792

 

 

 

ADHS BEI ERWACHSENEN

VON DER WIEGE BIS ZUR BAHRE?

Nachdem die Pharmaindustrie einsehen musste, dass der Ritalin-Markt bei Kindern begrenzt ist, hat sie die Unspezifität der ADHS-Symptome dazu benutzt, auch bei Erwachsenen „ADHS“ zu suchen – und natürlich gefunden. Schließlich findet sich diese Allerweltssymptomatik ganz normal fast überall, man muss nur verbreiten, dass es sich um eine Krankheit handelt. Die Pillen dagegen lagern schon zentnerweise in den Regalen. Und bezahlte fachliche Mietmäuler, die alles pseudowissenschaftlich aufbereitet verbreiten, gibt es wie immer auch.

Es gibt kaum etwas Absurderes als die ADHS-Diagnose bei Erwachsenen. Das Bestehen der „Krankheit“ muss seit der Kindheit (seit dem 6. bzw. 12. Lebensjahr) belegt sein, weil sich Kinder-ADHS im Erwachsenenalter angeblich keineswegs „auswächst“. Meist werden die erwachsenen Patienten selbst befragt, wie sie rückblickend ihre Kindheit beurteilen. Dass dieses Vorgehen eine Menge Fehlermöglichkeiten in sich birgt, liegt auf der Hand. Die Patienten können natürlich bewusst oder unbewusst beeinflussen, wie die Diagnose aussehen wird. Wer ADHS haben will (und das gibt es!), der kriegt es. Das subjektive rückblickende Vorgehen kann in keiner Weise dem strengen Ausschlussverfahren gerecht werden, das sonst allgemein bei der Diagnostik berücksichtigt werden sollte.

Untersuchungen, wie zuverlässig solche Selbstauskünfte von Patienten über ihre „ADHS“-Vergangenheit sind, gibt es kaum. Mannuzza S, u. a. haben schon vor Jahren herausgefunden, dass nur 27 Prozent aller Erwachsenen, die die Diagnose „ADHD“ erhalten hatten, richtig diagnostiziert worden waren, 73 Prozent aber nicht. Die Autoren kannten die Kindheitsdiagnosen ihrer erwachsenen Versuchspersonen aus einer prospektiven, 16 Jahre andauernden Längsschnittuntersuchung. Sie ließen die 25jährigen Erwachsenen von Diagnostikern, die diese Kindheitsdiagnosen nicht kannten, untersuchen und nach ihren Kindheitserinnerungen befragen. Die rückblickende Selbstauskunft konnte dann mit der „wirklichen“ Diagnose aus der Kindheit verglichen werden. Die Autoren schließen daraus, dass rückblickende ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen, die sich auf Selbstauskünfte beziehen, in den meisten (drei Viertel) Fällen falsch sind.

Nun sind in jüngerer Zeit 3 weitere gute prospektive Studien erschienen, die sich mit der Frage befassen, ob ADHS wirklich im Erwachsenenalter fortdauert, eine aus Neuseeland, eine aus Brasilien sowie eine britische. Die Frage war, ob eine Erwachsenen-ADHS-Diagnose im Zusammenhang steht mit einer solchen in der Kindheit. Ohne hier auf die Einzelheiten einzugehen (die man in den Studien selber nachlesen kann): nur in 10, in 17,2 und in 21,9 Prozent der Fälle traf dies zu. Im Durchschnitt gab es also nur in 16,4 Prozent der Fälle einen Zusammenhang zwischen Kindheits-ADHS und Erwachsenen-ADHS, oder anders ausgefrückt: in 83,4 Prozent der Fälle nicht. Nicht nur, dass die Erwachsenendiagnosen weit überwiegend falsch sind, es gibt auch kein Andauern von ADHS im Erwachsenenalter. Worunter man auch leiden mag, „ADHS“ ist es nicht.

Fazit: „ADHS“ bei Erwachsenen gibt es nicht.

http://archpsyc.jamanetwork.com/article.aspx…
http://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4904985…

DOPING FÜR ALLE


Methylphenidat ist gar kein spezifisches Medikament

Immer wieder wird behauptet, Methylphenidat (der Wirkstoff in Ritalin etc.) wirke spezifisch nur bei ADHS-Erkrankten. Damit wird denn auch seine Verabreichung als Medikament begründet, denn wenn es auch bei Gesunden wirken würde, wäre es ja nicht wirklich ein Medikament. So mancher behauptet sogar noch, die Wirkung von Ritalin beweise die Diagnose ADHS. In Klammern: Ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn Morphium oder auch Cannabis wirken ja bekanntlich auch bei Gesunden, werden aber auch medikamentös eingesetzt. Allerdings sind hier die bei Gesunden und Kranken erhofften Wirkungen (z.B. Schmerzlinderung versus Sinnesrausch) doch sehr unterschiedlich. Wie verhält sich dies bei Ritalin?

In einer Auswertung aller vorliegenden relevanten Forschungsstudien zur Wirkung von Methylphenidat bei Gesunden kommen Linssen u. a. zum Ergebnis, dass bereits eine übliche Einmaldosis von Methylphenidat das Arbeitsgedächtnis, die Denkgeschwindigkeit, das verbale Lernen und Merken, die allgemeine Aufmerksamkeit und geistige Wachheit, das Nachdenken und Problemlösen deutlich verbessert (1). Das sind alles Verbesserungen, die man auch bei sogenannten ADHS-Patienten erzielen will. Es wird also deutlich, dass es keinen wesentlichen Unterschied macht, ob man Ritalin als Medikament oder als Neuroenhancement bei Gesunden verwendet.

Kein Wunder bei einem Amphetaminabkömmling. Kein Wunder also, wenn schulisch (aus welchen Gründen auch immer) beeinträchtigte Kinder mit Ritalin „besser“ werden (aber nach Absetzen des Medikaments nicht bleiben), bis hin zu einer leserlicheren Handschrift. Kein Wunder, wenn es auch Menschen mit allerlei anderen Malaisen damit vorübergehend besser zu gehen scheint. Kein Wunder auch, wenn Ritalin als Alltagsdoping im Sinne von Neuro-Enhancement verwendet wird.

Methylphenidat ist gar kein Medikament. Es ist Doping für alle, leider vor allem für kleine Kinder. Eigentlich ein nach oben offener Markt für die Pharma.

Der eigentliche Skandal liegt aber woanders

Sobald ein Kind die Diagnose ADHS hat, interessieren sich Kliniker und leider auch viele Eltern kaum noch dafür, ob psychosoziale Ursachen wie Missbrauch, Vernachlässigung oder gestörte Familiendynamiken mitspielen. Darauf weist die Londoner Kinder- und Jugendpsychiaterin Louise Marie-Elaine Richards in einer Studie hin. Bei einem Vergleich von ADHS-Kindern mit verhaltensgestörten Kindern fanden Kliniker, die die Diagnose der Kinder nicht kannten, bei beiden Gruppen gleich viele psychosoziale Auffälligkeiten. Wenn sie allerdings die Diagnose kannten, übersahen sie solche Faktoren bei ADHS häufig (2; 3).

Für die Kinder kann das verheerende Folgen haben, wenn ihr wirkliches Leid mit der medizinischen Pseudodiagnose ADHS verdeckt und unerkannt bleibt. Die oft jahrelange Psychopharmaka-Medikation hinter dem Deckmäntelchen einer angeblich körperlichen Krankheit „ADHS“ sorgt dann dafür, solche psychosozialen Einflüsse weiter zu ignorieren. Man kann in solchen Fällen von medikalisierter Kindesmisshandlung sprechen.  Richards fordert deshalb, die bereits umfangreich erforschten psychosozialen Faktoren bei Ätiologie, Diagnostik und Therapie von ADHS nicht länger zu leugnen. „Es wird Zeit für die bessere Integration von bio-psycho-sozialen Faktoren bei ADHS“, sagt sie zu Recht (2).
Natürlich liegen nicht bei allen Kindern mit der Diagnose ADHS psychosoziale Ursachen zugrunde, denn die Symptomatik ist multikausal, d. h. es existieren noch viele andere Hintergründe, auch unerkannte medizinische.

Aber die Bedeutung psychosozialer Faktoren bei der Entstehung einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wurde bisher sträflich vernachlässigt. Die deutlichen Zusammenhänge von ADHS mit seelischer Gesundheit der Eltern, Kindesmisshandlung, posttraumatischer Belastungsstörung, Anpassungsstörung, Vernachlässigung, gestörter Familiendynamik, häuslicher Gewalt, niedrigem psychosozialem Status und anderen Umwelteinflüssen dürfen nun nicht länger ausgeblendet und medikamentös zugedeckt bleiben. Kliniker unterschätzen bislang die Bedeutung solcher psychosozialer Faktoren und sehen sie bestenfalls als Folgen von ADHS, nicht aber auch als Ursachen. Neurobiologische Forschungen, die den Einfluss von frühem Missbrauch und Anpassungsstörungen auf die Hirnentwicklung zeigen, müssen ebenfalls endlich zur Kenntnis genommen werden (3).

Die Bedeutung vieler vorliegender Befunde zum Einfluss psychosozialer Faktoren bei ADHS sowohl für Kliniker als auch für die allgemeine Öffentlichkeit ist weitreichend, vor allem auch für unser Schulsystem. Das bisher einseitig biologisch-medizinische Krankheitsmodell ADHS, das Verhalten zwar beschreibt, aber falsch erklärt, muss endlich optimiert werden.

 

Quellen:
(1) Linssen AM, Sambeth A, Vuurman EF, Riedel WJ.: Cognitive effects of methylphenidate in healthy volunteers: a review of single dose studies. Int J Neuropsychopharmacol.2014 Jan 15:1-17.
(2) Richards, LM.: It is time for a more integrated bio-psycho-social approach to ADHD
Clin Child Psychol Psychiatry. 2012 Oct 26.
(3) Overmeyer S, Taylor E, Blanz B, Schmidt MH: Psychosocial adversities underestimated in hyperkinetic children. J Child Psychol Psychiatry. 1999 Feb;40(2):259-63