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FAMILIENTHERAPIE BEI „ADHS“

Eine bereits klassische Erkenntnis der Familientherapie besagt, dass das Problem eines Familienmitgliedes erst im Kontext seiner Familie und Familiengeschichte verständlich und behandelbar wird. Sein Problem steht für etwas in seiner Familie, es ist Symptom eines übergeordneten Familienproblems. Wenig Zweifel besteht an der Erkenntnis, dass psychologische Familienprobleme Hauptursache oder zumindest Hauptrisikofaktor für kindliche Verhaltensprobleme darstellen.

Viele kindliche Verhaltensprobleme entstehen oder erscheinen nicht (zumindest nicht in erheblicher Ausprägung), wenn familiäre Hintergrundprobleme fehlen. Sie verschwinden (oder reduzieren zumindest ihre Intensität), wenn die Familienprobleme beigelegt werden können. Selbst eher körperlich begründbare Verhaltensprobleme können bei Fehlen chronischer oder massiverer familiärer Hintergrundprobleme weniger intensiv bis völlig unauffällig sein bzw. besser kompensiert werden oder keine sekundären Probleme entwickeln. Eine bekannte und vorbildliche, fast klassische Studie, die diese allgemeinen Zusammenhänge gut belegt, stammt von Esser u. Schmidt (s.u.).

Carlson EA, Jacobvitz D, Sroufe LA. haben bereits gezeigt, dass in erster Linie Familienfaktoren darüber entscheiden, ob ein Kind „ADHS“ entwickelt oder nicht. Zwei neue Studien haben nun auch den engen Zusammenhang zwischen kindlichem „ADHS“ und mütterlicher seelischer Gesundheit sowie Eltern-Kind-Konflikten belegt:

Lesesne CA, Visser SN, White CP fanden einen engen Zusammenhang zwischen mütterlicher seelischer Gesundheit und dem Vorhandensein von „ADHS“ bei ihren Schulkindern. Zwischen mütterlicher Gesundheit und dem sich daraus ergebenden Verhalten ihrer Kinder bestehe eine enge Verbindung. Sie betonen denn auch die Notwendigkeit einer familienbezogenen Therapie. Auch Burt SA, Krueger RF, McGue M, Iacono W. finden, dass chronische Eltern-Kind-Konflikte ein grundlegender Risikofaktor bei der Entwicklung kindlicher Verhaltensstörungen (darunter auch „ADHS“) darstellen. Sie stellen  fest, dass die zwischen verschiedenen kindlichen Komorbiditäten nichts anderes als die gemeinsame Basis familiärer Hintergrundkonflikte widerspiegeln.

Die bisher von Medizinern konzipierte sog. multimodale Therapie bei „ADHS“ erscheint in diesem Zusammenhang als Stückwerk. Der Familienaspekt fehlt völlig. L.H. Diller, aber auch Th. Armstrong betonen zwar, wie wichtig ein familienorientiert-systemisches Verständnis und Therapieren bei „ADHS“ ist, in der klinischen Praxis dominiert aber überall ein eingeengtes, biologistisch auf das „kranke“ Kind zentriertes (oft rein medikamentöses) Vorgehen. Der Mythos von der lebenslänglichen Krankheit „ADHS“ spiegelt denn auch womöglich nur die Ineffizienz dieses biologistischen Sparprogramms wider, das die Psyche, die Familie und die Familiengeschichte des Kindes völlig ausblendet. Der Verdacht, das gängige medizinische „ADHS“-Konzept erwachse aus genau diesem Abwehrmechanismus, bietet sich zwanglos an.

Eine wirklich multimodale Therapie bei „ADHS“ muss deshalb in einer systemischen Familientherapie bestehen, in deren Rahmen sich kindbezogene Maßnahmen (auch eine Medikation) sinnvoll einbauen lassen müssen. Teamarbeit von Familie, Familientherapeut, Arzt, Kindertherapeut, Erzieherin bzw. Lehrer ist notwendige Voraussetzung. Besonders die Väter müssen in jedem Fall -auch bei geschiedenen Eltern- mit einbezogen werden. Die konfliktarme und konstruktive Zusammenarbeit der Eltern stellt den Hauptfakor eines hilfreichen Familiensystems dar. Aber auch Geschwister finden ihre Rolle im Kontext der familiären Veränderungen, die helfen können.

Eine allein auf das „ADHS-Kind“ zentrierte Problemsicht und Therapie ist jedenfalls in keinem Fall ausreichend. Die meisten Eltern, die darüber klagen, dass sie schon „alles“ versucht hätten und nichts geholfen habe (außer am Schluss Ritalin), waren nur aufs Kind zentriert. Sich selbst haben sie unfreiwillig ausgespart, mit Erzieherinnen und Lehrern lagen sie im Konflikt, und die Hilfseinrichtungen, mit denen sie es bisher zu tun hatten, haben sie darin unfreiwillig bestärkt.

Hilfesuchende Eltern sollten also immer ein familienorientiertes Therapiekonzept bei „ADHS“ zu finden versuchen. Nachfrage fördert auch in diesem Falle das Angebot. Am ehesten finden sie dies derzeit in Erziehungs- und Familienberatungsstellen, aber auch in immer mehr SPZs und FFZs. Systemische Psychotherapie ist seit Kurzem eine von den Krankenkassen anerkannte Therapiemethode. Die meisten Ärzte oder Psychotherapeuten in Einzelpraxen können sich ein solches teamorientiertes und familienbezogenes Vorgehen aus Kostengründen derzeit leider gar nicht leisten, obwohl sie es fachlich oftmals bevorzugen würden.

Literatur:

G. Esser, M.H. Schmidt: Epidemiologie und Verlauf kinderpsychiatrischer Störungen im Schulalter – Ergebnisse einer Längsschnittstudie. Nervenheilkunde 1987, 6, 27-35.

Weitere Literatur per PN

𝗔𝗗𝗛𝗦-𝗗𝗜𝗔𝗚𝗡𝗢𝗦𝗘 𝗚𝗘𝗛𝗧 𝗘𝗜𝗡𝗛𝗘𝗥 𝗠𝗜𝗧 𝗩𝗘𝗥𝗠𝗘𝗛𝗥𝗧𝗘𝗥 𝗦𝗘𝗟𝗕𝗦𝗧𝗩𝗘𝗥𝗟𝗘𝗧𝗭𝗨𝗡𝗚 𝗕𝗘𝗜 𝗞𝗜𝗡𝗗𝗘𝗥𝗡

Australische Forscher verglichen Kinder mit oder ohne ADHS-Diagnose, wobei alle dieselben ADHS-Symptome hatten. Bei Untersuchungsbeginn waren die Kinder 6-7 Jahre alt, bei der Nachuntersuchung 14-15 Jahre:

„Diejenigen, die die Diagnose erhielten, schnitten schlechter ab, weil sie nicht das Gefühl hatten, zur Schule zu gehören und schulisch erfolgreich sein zu können, weniger ein Gefühl der Selbstwirksamkeit hatten und negatives soziales Verhalten zeigten. Am besorgniserregendsten war, dass sie ein höheres Maß an Selbstverletzung aufwiesen. Tatsächlich war die Wahrscheinlichkeit, sich selbst Schaden zuzufügen, bei Kindern mit ADHS-Diagnose 2,53-mal höher als bei Kindern, die das gleiche Ausmaß an ADHS-Symptomen hatten, aber keine Diagnose erhielten“.

Die Forscher konnten auch belegen, dass die verringerte Lebensqualität und die erhöhte Selbstverletzung der Diagnostizierten nicht auf die „grundlegende Störung“ zurückzuführen sind, wie Befürworter der ADHS-Diagnose oft argumentiert haben, sondern eben auf den Umstand der Diagnose.

Diese wichtige Studie zeigt erstmalig, was Praktiker lange erleben: Die ADHS-Diagnose stigmatisiert die Kinder und führt zu vermindertem Selbstwert, zu Misserfolgsmotivation und Verhaltensproblemen.

Abschließend schreiben die Forscher:

„Leider zeigen unsere Ergebnisse keine vorteilhaften Zusammenhänge zwischen einer ADHS-Diagnose und der Lebensqualität von Jugendlichen, was sehr besorgniserregend ist. Dies impliziert, dass die mit einer ADHS-Bezeichnung verbundenen Schäden (wie Stigmatisierung, Vorurteile, Ablenkung von anderen Problemen oder die wahrgenommene Unfähigkeit, sich zu ändern) möglicherweise nicht durch Vorteile im Zusammenhang mit der Diagnose oder Behandlung ausgeglichen werden. Dies ist problematisch, da es darauf hindeutet, dass Jugendliche durch die Diagnose geschädigt werden können und unterstützende Interventionen nicht die gewünschte Wirkung erzielen.“

https://www.madinamerica.com/…/adhd-diagnosis-leads…/…

𝗔𝗗𝗛𝗦: 𝗪𝗘𝗡𝗜𝗚 𝗜𝗡𝗧𝗘𝗥𝗘𝗦𝗦𝗘 𝗔𝗡 𝗠𝗜𝗦𝗦𝗛𝗔𝗡𝗗𝗟𝗨𝗡𝗚 𝗨𝗡𝗦𝗘𝗥𝗘𝗥 𝗞𝗜𝗡𝗗𝗘𝗥

Es wird Zeit für ein besseres Modell von ADHS

Sobald ein Kind die Diagnose ADHS hat, interessieren sich Kliniker kaum noch dafür, ob psychosoziale Ursachen wie Missbrauch oder Vernachlässigung mitspielen. Darauf weist die Londoner Kinder- und Jugendpsychiaterin Louise Marie-Elaine Richards in einer Studie hin (1). Bei einem Vergleich von ADHS-Kindern mit verhaltensgestörten Kindern fanden Kliniker, die die Diagnose der Kinder nicht kannten, bei beiden Gruppen gleich viele psychosoziale Auffälligkeiten. Wenn sie allerdings die Diagnose kannten, übersahen sie solche Faktoren häufig, weil sie ADHS für eine genetische Krankheit halten (2).

Für die Kinder kann das verheerende Folgen haben, wenn ihr wirkliches Leid mit der medizinischen Pseudodiagnose ADHS verdeckt und unerkannt bleibt. Richards fordert deshalb, die bereits umfangreich erforschten psychosozialen Faktoren bei Ätiologie, Diagnostik und Therapie von ADHS nicht länger zu leugnen. „Es wird Zeit für die bessere Integration von bio-psycho-sozialen Faktoren bei ADHS“, sagt sie zu Recht.

Die Bedeutung psychosozialer Faktoren bei der Entstehung einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wurde bisher erheblich vernachlässigt. Die deutlichen Zusammenhänge von ADHS mit seelischer Gesundheit der Eltern, Kindesmisshandlung, posttraumatischer Belastungsstörung, Anpassungsstörung, Vernachlässigung, gestörter Familiendynamik, häuslicher Gewalt, niedrigem psychosozialem Status und anderen Umwelteinflüssen dürfen nun nicht länger ausgeblendet bleiben. Kliniker unterschätzen bislang die Bedeutung solcher psychosozialer Faktoren und sehen sie bestenfalls als Folgen von ADHS, nicht aber auch als Ursachen. Neurobiologische Forschungen, die den Einfluss von frühem Missbrauch und Anpassungsstörungen auf die Hirnentwicklung zeigen, müssen ebenfalls zur Kenntnis genommen werden.

Die Bedeutung vieler vorliegender Befunde zum Einfluss psychosozialer Faktoren bei ADHS sowohl für Kliniker als auch für die allgemeine Öffentlichkeit ist weitreichend, vor allem auch für unser Schulsystem. Das bisher einseitig biologisch-medizinische Krankheitsmodell ADHS, das Verhalten nur beschreibt, aber nicht erklärt, muss endlich qualifiziert werden.

Quellen:

(1) Richards, LM.: It is time for a more integrated bio-psycho-social approach to ADHD. Clin Child Psychol Psychiatry. 2012 Oct 26.

(2) Overmeyer S, Taylor E, Blanz B, Schmidt MH: Psychosocial adversities underestimated in hyperkinetic children. J Child Psychol Psychiatry. 1999 Feb;40(2):259-63

ADHS WIRD UMBENANNT

𝗛𝗙𝗦: 𝗗𝗔𝗦 𝗛𝗨𝗖𝗞𝗟𝗘𝗕𝗘𝗥𝗥𝗬-𝗙𝗜𝗡𝗡-𝗦𝗬𝗡𝗗𝗥𝗢𝗠

Es gibt ja derzeit Bestrebungen, den Begriff ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivititätsstörung) irgendwie durch eine attraktivere Bezeichnung zu ersetzen, weil der bisherige Begriff einerseits ein unmögliches Monstrum darstellt, wissenschaftlich unbefriedigend sei sowie gesellschaftlich veralbert werde.

Wir schlagen deshalb vor, die Bezeichnung HFS (Huckleberry-Finn-Syndrom) einzuführen, und zwar aus folgenden überzeugenden Gründen:

– Jedweder verbindet mit Huckleberry Finn und seinem Spezi Tom Sawyer positive Kindheitserinnerungen

– Die Symptomatik deckt sich zu 180% mit der des ADHS-Konstrukts, weshalb alle 150 000 bisherigen Studien zu ADHS ihre Gültigkeit behalten

– Das Syndrom wird von Mark Twain schon früher beschrieben als Heinrich Hoffmanns Zappelphilipp

– Die ADHS-Symptomatik ist so unspezifisch, dass es eigentlich egal ist, wie man sie benennt.

Wir haben unseren Vorschlag an die BVfdVgAKbB (Bundesvereinigung für die Vereinfachung und gesellschaftliche Akzeptanz von Krankheitsbezeichnungen in Beratzhausen) weitergeleitet und hoffen nun auf eine Adaption innerhalb der nächsten 25 Jahre.

https://gedankenwelt.de/das-huckleberry-finn-syndrom/

RITALIN UND PANZERSCHOKOLADE

Seit jeher werden Amphetamine und Stimulanzien als Leistungsdoping und Neuroenhancement verwendet. Was man heute als Crystal oder Speed bezeichnet, hieß im Dritten Reich Pervitin und wurde bei der Reichswehr offiziell und massenhaft eingesetzt (z.B. als Schokolade), um die Soldaten lange wach und aufmerksam zu halten. Die Schnelligkeit, mit der die Wehrmacht z.B. Polen überrannte, führt man auf den Einsatz von Pervitin zurück. Viele damaligen Soldaten waren pervitinsüchtig, einer der bekanntesten war Heinrich Böll.

Aber auch außerhalb des Militärs sind und waren Drogen immer schon weit verbreitet. Bis 1906 enthielt Coca-Cola tatsächlich Kokain, das damals sehr beliebt war, auch Sigmund Freud probierte es eine zeitlang aus. Kaffee, Nikotin, Alkohol sind heute legale Drogen. Um illegalen Drogen einen Markt zu öffnen, werden sie nicht selten als Medikamente definiert und anschließend von Ärzten gegen Krankheiten verschrieben, im Falle von Methylphenidat (z.B. Ritalin) sogar gegen eine extra dafür ausgedachte Krankheit „ADHS“.

In Wahrheit handelt es sich aber auch in solchen Fällen um nichts anderes als medizinisch legalisiertes Doping bzw. Neuroinhancement, denn Ritalin wirkt auch bei Menschen ohne „ADHS“. Eine aktuelle Forschungsstudie von Lin Li u.a. belegt die leistungssteigernde Wirkung des Amphetaminderivats Methylphenidat damit, dass es die Arbeitsfähigkeit der Konsumenten (sprich: die Verkürzung ihrer Langzeitarbeitslosigkeit) erhöhte. In ADHS-Lobbykreisen feiert man nun dieses Ergebnis als Beleg für die heilende „Therapie“ von „ADHS“.

Dabei wiederholt sich im Prinzip nur das, was die ehemalige Panzerschokolade schon konnte.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35476068/

ADHS: WANN GIBT ES ENDLICH EINEN BIOMARKER?

Wie fänden Sie es, wenn man bei Ihnen eine Krebsdiagnose allein mittels eines subjektiven Fragebogens stellen würde, also ohne exakte Untersuchung von Biomarkern z.B. in Form von pathologischen Zellstrukturen? Eine Horrorvorstellung, nicht wahr?

Bei der ADHS-Diagnostik muss man sich aber mit Fragebögen und subjektiven Einschätzungen begnügen, weil es keine objektiven, zuverlässigen und validen Biomarker gibt. Da hilft es auch nicht, wenn die ADHS-Vertreter eine neuere Studie von DG Amen u.a. zitieren, mittels derer sie Laien einreden, man habe nun endlich einen Biomarker gefunden. Das erinnert an die vergangenen Sensationsmitteilungen, denen zufolge man immer wieder angeblich das ADHS-Gen gefunden hatte. Dass es sich bei der Suche nach dem Biomarker auch wieder um eine Falschdarstellung handelt, wird aus Folgendem deutlich:

𝗗𝗶𝗲 𝗦𝘁𝘂𝗱𝗶𝗲
DG Amen u.a. haben in ihren eigenen Kliniken eine Gruppe von Patienten erstellt, die „reine ADHS“ hatten ohne eine Komorbidität oder andere psychiatrische Diagnose. Diese Gruppe haben sie mit einer kleinen, mit Medien gesammelten und deshalb zweifelhaften Kontrollgruppe von Menschen ohne ADHS und andere psychiatrische Diagnosen mittels funktioneller SPECT verglichen (dabei wird eine Radiopharmakon-Injektion gegeben, um dann Schnittbilder des Gehirns anzufertigen).

Die Forscher haben Unterschiede in verschiedenen Hirnarealen zwischen den Gruppen gefunden, die ADHS als Biomarker kennzeichnen könnten. Aber stimmt das?

𝗞𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗔𝘂𝘀𝘀𝗮𝗴𝗲 𝘇𝘂𝗿 𝗞𝗮𝘂𝘀𝗮𝗹𝗶𝘁ä𝘁
Die Studie ist zunächst einmal retrospektiv und kann allein schon deshalb keine Aussage zur Kausalität von Hirnbesonderheiten und ADHS-Symptomatik machen. Dass Hirnbesonderheiten der (diagnostische) Grund für ADHS sind, lässt sich mit einem solchen Studiendesign gar nicht feststellen. Es kann ja plausibler sein, dass unterschiedliche Lebensbedingungen (sprich Hirnnutzungsbedingungen) die Ursache für Verhaltens- und Hirnanpassungen sind (sprich Epigenetik). Man kennt ja das berühmte Beispiel der veränderten Gehirne von Londoner Taxifahrern, die nicht Taxifahrer geworden waren, weil sie ein anderes Gehirn hatten, sondern bei denen die jahrzehntelange Kurverei im komplizierten Londoner Straßennetz das Gehirn verändert hatte. Keine Krankheit also, sondern ein schönes Beispiel für die wunderbare Plastizität unseres Gehirns.

𝗠𝗮𝗻𝗴𝗲𝗹𝗵𝗮𝗳𝘁𝗲 𝗔𝘂𝘀𝘀𝗰𝗵𝗹𝘂𝘀𝘀𝗱𝗶𝗮𝗴𝗻𝗼𝘀𝘁𝗶𝗸
Zum anderen hat die Studie eine mangelhafte Ausschlussdiagnostik betrieben, als sie für ihre Versuchsgruppe „reines ADHS“ gesucht hat. Die Autoren stellen selber fest, dass bei ADHS Komorbidität die Regel ist und „reines“ ADHS die Ausnahme. Deshalb muss man viel mehr mögliche ADHS-Ursachen als lediglich sieben psychiatrische ausschließen, als es die Autoren getan haben. Es gibt viel mehr einschlägige psychiatrisch-psychologische Störungen, und somatische Ursachen haben sie überhaupt nicht ausgeschlossen (z.B. Schilddrüsenstörungen und vieles andere). Insofern ist die ADHS-Diagnostik der Studie völlig unspezifisch, und damit die gesamten Ergebnisse.

Generell kann man ADHS als spezifische Krankheit ja sowieso nur mittels eines Vergleichs mit anderen Störungen, nicht mit „Normalos“, identifizieren. Das hat diese Studie versäumt.

𝗩𝗲𝗿𝘀𝘂𝗰𝗵𝘀𝗽𝗲𝗿𝘀𝗼𝗻𝗲𝗻 𝘂𝗻𝘁𝗲𝗿 𝗣𝘀𝘆𝗰𝗵𝗼𝗽𝗵𝗮𝗿𝗺𝗮𝗸𝗮
Besonders problematisch ist, dass die Versuchsgruppe unter dem Einfluss von Psychopharmaka stand. Waren die Hirnbesonderheiten wirklich Ausdruck von ADHS, oder nicht nur von Psychopharmaka? Dieser Verdacht entwertet das Untersuchungsergebnis zusätzlich gravierend.

Die Autoren betonen abschließend selbst, dass ihre Studie mit „reinem“ ADHS angesichts der massiven Komorbidität bei ADHS nicht ausreicht, um einen soliden Biomarker zu finden. Zitat: „Daher reicht eine Studie über reines ADHS nicht aus, um einen klinisch nützlichen bildgebenden Biomarker für ADHS zu identifizieren.“

𝗔𝗠𝗘𝗡
DG Amen ist bekannt für seine jahrzehntealten, verbiesterten Versuche, eine hirnfunktionelle Ursache für ADHS zu finden, aber alle sind im biologistischen Nirwana verschwunden. Von Epigenetik und Neuroplastizität hat er noch nie gehört und mit den Patienten seiner eigenen Kliniken amortisiert er seine SPECT-Apparate.

Interessenkonflikt
Da alle Versuchspersonen und Forscher aus Amen-Kliniken stammen, kann ein grundsätzlicher Interessenkonflikt nicht ausgeschlossen werden. Ein Co-Autor ist Präsident und Haupteigentümer von Synaptic Space, einem Beratungsunternehmen für Neuroimaging. Ein weiterer Co-Autor der Studie ist der alleinige Eigentümer von Amen Clinics, einer Gruppe von neun neuropsychiatrischen Kliniken, die Gehirn-SPECT-Bildgebung durchführen. Finanzielle Interessen sind damit sicherlich verbunden.

𝗙𝗔𝗭𝗜𝗧
Man muss damit aufhören, Laien wissenschaftliche Halbgarheiten als Fortschritte einzureden. Es bleibt bei dem Zitat von L. Furman: „Es ist unwahrscheinlich, dass ADHS eine spezifische Krankheit ist“. Ohne Biomarker. Amen.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34899414/

ADHS: WAS IST DAS?

von Dr. med. Lydia Furman, Cleveland

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird als die meistverbreitete neuropsychologische kindliche Störung dargestellt. Wir bezweifeln aber, dass ADHS eine Krankheit per se ist. Stattdessen handelt es sich vielmehr um eine Ansammlung von Symptomen aller möglichen emotionalen und psychologischen Störungen und/oder Lernschwierigkeiten. Immer mehr Kinder, vor allem Jungen, werden mit ADHS diagnostiziert und ganz simpel mit Stimulanzien behandelt. Eine sorgfältige Sicht der wissenschaftlichen Studien lässt an diesem Zustand Bedenken aufkommen:

Die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität sind nicht spezifisch für ADHS. Andere sog. komorbide psychiatrische Diagnosen und Lernprobleme wie Depressionen und Ängste überschneiden sich in der Symptomatik zu 12 bis 60 Prozent mit ADHS. Dazu kommen diagnostische Probleme und die Erfolge evidenzbasierter Behandlungsmethoden ohne Einsatz von Psychostimulanzien.

Es gibt keinen zuverlässigen neuropsychologischen Test für ADHS. Strukturelle und funktionelle neurologisch-bildgebende Verfahren konnten keinerlei spezifische Ätiologie entdecken. Ein eindeutiger genetischer Marker konnte ebenso wenig gefunden werden, und Erblichkeitsstudien sind mit familiären Umweltfaktoren konfundiert. Die Gültigkeit der revidierten Conners-Skala wurde inzwischen ernsthaft in Frage gestellt, Eltern- und Lehrerfragebögen für Schulkinder sind häufig diskrepant und legen den Schluss nahe, dass der Gebrauch subjektiver, mit Einschätzskalen oder Interviews erhobener Daten keine zuverlässige diagnostische Grundlage abgibt. Studien, die das Verhalten unter Stimulanziengabe erforschten, zeigten keine Unterschiede zwischen ADHS- und Nicht-ADHS-Kindern.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die derzeit herrschende Lehre, ADHS sei eine spezifische neuropsychologische Krankheit, einer genaueren wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Wir müssen stattdessen die erzieherischen, psychologischen, psychiatrischen und familiären Bedürfnisse der Kinder besser berücksichtigen, um ihnen gerecht zu werden.

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16417850/

SCHLAFEN ADHSler SCHLECHT?

𝗦𝗖𝗛𝗟𝗔𝗙𝗘𝗡 𝗔𝗗𝗛𝗦𝗹𝗲𝗿 𝗦𝗖𝗛𝗟𝗘𝗖𝗛𝗧?

Ein aktuelles Beispiel für die methodisch chronisch schlechte ADHS-Forschung liefert der Psychiater Dr. Martin Winkler auf einer seiner Webseiten (auf der er nebenbei um Kaffeespenden für sich bittet). Er behauptet, ADHSler würden schlechter schlafen als Nicht-ADHSler. Dabei unterstellt er eine Kausalität, der zufolge die ADHS die Ursache für die Schlafstörungen sei.

Genau dieser Fehler passiert in der ADHS-Forschung regelmäßig: Aus irgendwelchen gleichzeitigen Beobachtungen liest man einseitig eine Kausalität heraus, die der eigenen Theorie gelegen kommt. Andere Erklärungen werden erst gar nicht zugelassen.

Denn gleichzeitige Beobachtungen können sich ja immer wechselseitig bedingen, oder sie bedingen sich gar nicht, sondern sind durch etwas Drittes bedingt.

Die Kausalität kann deshalb natürlich auch so aussehen: Menschen mit chronischen Schlafstörungen sind unaufmerksamer, unruhiger, weniger leistungsfähig etc. Nicht, weil sie ADHS haben, sondern weil sie schlecht schlafen. Der Grund für ihre Schlafstörung liegt nicht in ihrer ADHS, sondern in vielerlei anderen Hintergründen, wie Sorgen, Alkohol, organische Krankheit, etc. Schlafstörungen sind multikausal.

Um diese Kausalität zu verstehen, braucht es das Konstrukt ADHS gar nicht. Aber genau deshalb wird sie in der ADHS-Forschung und bei Dr. Winkler nicht erwähnt, denn was täte man ohne ADHS?

Man mag ADHS eben!

135 JAHRE AMPHETAMIN

Ritalin wirkt im Gehirn wie Kokain

Heute vor 135 Jahren, am 18. Januar 1887, wurde vom rumänischen Chemiker Lazar Edeleanu ein Stoff „erfunden“, der  jahrelang gegen Asthma und Adipositas eingesetzt wurde, bis man seine psychotrope Wirkung als Droge entdeckte. Erst seit dem nannte man ihn „Amphetamin“.  Wegen seines Suchtpotenzials und seiner Nebenwirkungen wird der Stoff heute medizinisch nur noch zur Behandlung der Narkolepsie sowie der „ADHS“ verwendet. In der Drogen- und Dopingszene ist er sehr verbreitet. Erst kürzlich hat eine Metastudie erneut gezeigt, dass Amphetamin die Sportleistung eindeutig steigert und deshalb zurecht als illegales Doping gilt (2).  

Der bekannteste und inzwischen verrufene  Markenname für den Einsatz bei „ADHS“ ist inzwischen „Ritalin“ geworden, auch „Kinderkoks“ genannt aufgrund der chemischen und psychotropen Nähe dieses  Amphetaminderivats zu Kokain. Ritalin wirkt im Gehirn wie Kokain – nur langsamer.

Dabei ist Ritalin gar kein spezifisches ADHS-Medikament. Immer wieder wird behauptet, Methylphenidat (der Wirkstoff in Ritalin etc.) wirke spezifisch („paradox“) nur bei ADHS-Erkrankten. Damit wird denn auch seine Verabreichung als Medikament begründet, denn wenn es auch bei Gesunden wirken würde, wäre es ja nicht wirklich ein Medikament. So mancher behauptet sogar noch, die Wirkung von Ritalin beweise die Diagnose („ex juvantibus“).  In einer Auswertung aller vorliegenden relevanten Forschungsstudien zur Wirkung von Methylphenidat bei Gesunden kommen Linssen u. a. zum Ergebnis, dass bereits eine übliche Einmaldosis von Methylphenidat das Arbeitsgedächtnis, die Denkgeschwindigkeit, das verbale Lernen und Merken, die allgemeine Aufmerksamkeit und geistige Wachheit, das Nachdenken und Problemlösen auch bei Menschen ohne „ADHS“ deutlich verbessert (1).

Quellen:
(1) Linssen AM, Sambeth A, Vuurman EF, Riedel WJ.: Cognitive effects of methylphenidate in healthy volunteers: a review of single dose studies. Int J Neuropsychopharmacol.2014 Jan 15:1-17.
(2) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35022919/

RITALIN VERÄNDERT DAS GEHIRN VON KINDERN

Auch wenn Methylphenidathydrochlorid („Ritalin“) von immer mehr Kindern eingenommen wird, wurden bisher fast keine Untersuchungen zu den Wirkungen des Arzneimittels auf das sich bei Kindern noch entwickelnde Gehirn durchgeführt.

Eine Studie, die in der „JAMA Psychiatry“ veröffentlicht wurde, untersuchte erstmals die Wirkung von Ritalin auf das Gehirn von Kindern und Erwachsenen. Die Ergebnisse der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie zeigen, dass Ritalin eine deutliche Wirkung auf Kinder hat, die zu dauerhaften neurologischen Hirnveränderungen führen kann.“Da die Reifung mehrerer Hirnregionen erst im Jugendalter abgeschlossen ist, können Medikamente, die in den sensiblen frühen Lebensphasen verabreicht werden, die neurologischen Entwicklungsverläufe so beeinflussen, dass später tiefgreifende Auswirkungen folgen“, schreiben die Forscher unter der Leitung von Liesbeth Reneman, Ärztin und Forscherin an der Universität von Amsterdam. „Das jugendliche Gehirn ist ein sich schnell entwickelndes System, das ein hohes Maß an Plastizität besitzt. Daher ist das Gehirn möglicherweise besonders anfällig für Medikamente, die diese Prozesse stören oder die spezifischen Transmittersysteme dauerhaft verändern“. Man nennt dies „neurochemische Prägung“.

In ihrer Studie wurden männliche Kinder und Erwachsene, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, nach dem Zufallsprinzip entweder mit Placebo oder Methylphenidat behandelt. Nach 16 Wochen und einer einwöchigen Auswaschphase beobachteten die Forscher die dopaminerge Funktion mithilfe der fMRI-Technologie. Sie fanden signifikante Veränderungen im Gehirn von Kindern, die bei Erwachsenen nicht vorhanden waren. Die Vermutung, dass sich diese durch die Medikamente bei Kindern hervorgerufenen Hirnveränderungen positiv auf die ADHS-Symptome auswirken könnten, bestätigte sich hingegen nicht.

Diese Studie liefert den ersten Beweis dafür, dass die Verwendung von ADHS-Medikamenten bei Kindern die Entwicklung des Gehirns auf signifikante und potenziell dauerhafte Weise verändern kann. Die Autoren betonen, dass ihre Kurzzeitstudie in größeren Gruppen und über längere Zeiträume überprüft werden muss. Uns ist bis heute keine solche Studie bekannt.

https://jamanetwork.com/…/jamapsych…/fullarticle/2538518