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135 JAHRE AMPHETAMIN

Ritalin wirkt im Gehirn wie Kokain

Heute vor 135 Jahren, am 18. Januar 1887, wurde vom rumänischen Chemiker Lazar Edeleanu ein Stoff „erfunden“, der  jahrelang gegen Asthma und Adipositas eingesetzt wurde, bis man seine psychotrope Wirkung als Droge entdeckte. Erst seit dem nannte man ihn „Amphetamin“.  Wegen seines Suchtpotenzials und seiner Nebenwirkungen wird der Stoff heute medizinisch nur noch zur Behandlung der Narkolepsie sowie der „ADHS“ verwendet. In der Drogen- und Dopingszene ist er sehr verbreitet. Erst kürzlich hat eine Metastudie erneut gezeigt, dass Amphetamin die Sportleistung eindeutig steigert und deshalb zurecht als illegales Doping gilt (2).  

Der bekannteste und inzwischen verrufene  Markenname für den Einsatz bei „ADHS“ ist inzwischen „Ritalin“ geworden, auch „Kinderkoks“ genannt aufgrund der chemischen und psychotropen Nähe dieses  Amphetaminderivats zu Kokain. Ritalin wirkt im Gehirn wie Kokain – nur langsamer.

Dabei ist Ritalin gar kein spezifisches ADHS-Medikament. Immer wieder wird behauptet, Methylphenidat (der Wirkstoff in Ritalin etc.) wirke spezifisch („paradox“) nur bei ADHS-Erkrankten. Damit wird denn auch seine Verabreichung als Medikament begründet, denn wenn es auch bei Gesunden wirken würde, wäre es ja nicht wirklich ein Medikament. So mancher behauptet sogar noch, die Wirkung von Ritalin beweise die Diagnose („ex juvantibus“).  In einer Auswertung aller vorliegenden relevanten Forschungsstudien zur Wirkung von Methylphenidat bei Gesunden kommen Linssen u. a. zum Ergebnis, dass bereits eine übliche Einmaldosis von Methylphenidat das Arbeitsgedächtnis, die Denkgeschwindigkeit, das verbale Lernen und Merken, die allgemeine Aufmerksamkeit und geistige Wachheit, das Nachdenken und Problemlösen auch bei Menschen ohne „ADHS“ deutlich verbessert (1).

Quellen:
(1) Linssen AM, Sambeth A, Vuurman EF, Riedel WJ.: Cognitive effects of methylphenidate in healthy volunteers: a review of single dose studies. Int J Neuropsychopharmacol.2014 Jan 15:1-17.
(2) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35022919/

RITALIN VERÄNDERT DAS GEHIRN VON KINDERN

Auch wenn Methylphenidathydrochlorid („Ritalin“) von immer mehr Kindern eingenommen wird, wurden bisher fast keine Untersuchungen zu den Wirkungen des Arzneimittels auf das sich bei Kindern noch entwickelnde Gehirn durchgeführt.

Eine Studie, die in der „JAMA Psychiatry“ veröffentlicht wurde, untersuchte erstmals die Wirkung von Ritalin auf das Gehirn von Kindern und Erwachsenen. Die Ergebnisse der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie zeigen, dass Ritalin eine deutliche Wirkung auf Kinder hat, die zu dauerhaften neurologischen Hirnveränderungen führen kann.“Da die Reifung mehrerer Hirnregionen erst im Jugendalter abgeschlossen ist, können Medikamente, die in den sensiblen frühen Lebensphasen verabreicht werden, die neurologischen Entwicklungsverläufe so beeinflussen, dass später tiefgreifende Auswirkungen folgen“, schreiben die Forscher unter der Leitung von Liesbeth Reneman, Ärztin und Forscherin an der Universität von Amsterdam. „Das jugendliche Gehirn ist ein sich schnell entwickelndes System, das ein hohes Maß an Plastizität besitzt. Daher ist das Gehirn möglicherweise besonders anfällig für Medikamente, die diese Prozesse stören oder die spezifischen Transmittersysteme dauerhaft verändern“. Man nennt dies „neurochemische Prägung“.

In ihrer Studie wurden männliche Kinder und Erwachsene, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, nach dem Zufallsprinzip entweder mit Placebo oder Methylphenidat behandelt. Nach 16 Wochen und einer einwöchigen Auswaschphase beobachteten die Forscher die dopaminerge Funktion mithilfe der fMRI-Technologie. Sie fanden signifikante Veränderungen im Gehirn von Kindern, die bei Erwachsenen nicht vorhanden waren. Die Vermutung, dass sich diese durch die Medikamente bei Kindern hervorgerufenen Hirnveränderungen positiv auf die ADHS-Symptome auswirken könnten, bestätigte sich hingegen nicht.

Diese Studie liefert den ersten Beweis dafür, dass die Verwendung von ADHS-Medikamenten bei Kindern die Entwicklung des Gehirns auf signifikante und potenziell dauerhafte Weise verändern kann. Die Autoren betonen, dass ihre Kurzzeitstudie in größeren Gruppen und über längere Zeiträume überprüft werden muss. Uns ist bis heute keine solche Studie bekannt.

https://jamanetwork.com/…/jamapsych…/fullarticle/2538518

ADHS-GENE GIBT ES NICHT

Die Konferenz ADHS kritisiert die Behauptung, ADHS sei primär genetisch bedingt. Neue Forschungsergebnisse aus der Epi- und Molekulargenetik weisen auf komplexe Wechselwirkungen mit starken psychosozialen Kontexteffekten hin.

Bereits vor einigen Jahren hat der amerikanische Forscher Jay Joseph herausgefunden, dass die Verhaltensgenetik bei ADHS keine Aussage über Genetik versus Umwelt zulässt. Alle Beobachtungen lassen sich auch vollständig durch nicht-genetische Einflüsse erklären. Joseph resümiert: „Wir können nicht erwarten, dass die führenden Verhaltensgenetiker eingestehen, dass die Grundannahmen ihres Forschungsgebiets falsch sind, dass ihre hochgelobten Forschungsmethoden massiv fehlerhaft und durch Umwelteinflüsse konfundiert sind, und dass familiäre, soziale, kulturelle, ökonomische und politische Einflüsse es sind, – und nicht genetische-, die psychiatrische Störungen und die Variation menschlichen Verhaltens hauptsächlich begründen“.

Dem lässt sich bis heute auch für die Molekulargenetik nichts hinzufügen. Von ihr erhoffte man sich eine Überwindung der Methodenschwäche der Verhaltensgenetik. Bobb u.a. haben 2004 alle über 100 Forschungsstudien zur molekularen Genetik der ADHS der Jahre 1991-2004 kritisch gesichtet, darunter drei genomweite Assoziationsstudien mit 94 Polymorphismen und 33 Kandidatengenen. Sie finden, dass ADHS eine sehr „komplexe“ Störung mit vielfältiger, aber jeweils schwacher genetischer Beteiligung sei, und fassen dann zusammen, dass es nur für vier Gene einigermaßen gesicherte, aber nur bescheidene und auch nur statistische Zusammenhänge gibt. 64 % aller Genstudien zu ADHS waren in 13 Forschungsjahren ergebnislos geblieben.

In einer Metaanalyse von über 300 molekulargenetischen Studien zu ADHS stellen Li u. a. abschließend fest: „Der gegenwärtige Forschungsstand genetischer Studien zu ADHS ist immer noch uneinheitlich und ergebnislos“, aber die Zukunft (und damit weitere Forschungsgelder) werde alles klären.

Plomin, der international bekannte Verhaltensgenetiker, konnte 2011 keinen einzigen replizierten, also in Nachfolgestudien bestätigten, Genfund anführen. Es müsse diese Erblichkeit auch molekulargenetisch aber trotzdem geben, man habe sie bisher nur noch nicht entdeckt, wird gesagt.

Einer der führenden deutschen ADHS-Vertreter ist T. Banaschewski. Vor nunmehr 13 Jahren stellte er fest, dass die bisherige Forschung die Frage, ob es ADHS als von anderen unterscheidbare spezifische Störung überhaupt gibt, im Unklaren lasse. Aus seiner damaligen Forschungsübersicht bisheriger Vergleiche von ADHS mit anderen neuropsychologischen, neurobiologischen und genetischen Korrelaten zog er den ernüchternden Schluss, dass es bisher keine ADHS-Spezifität gibt. Auf Deutsch: ADHS gibt es gar nicht. Neue Forschungen bestätigen dies nunmehr.

In zwei umfangreichen aktuellen Genstudien zeigte sich nämlich: Es gibt einen großen genetischen Überlappungsbereich von ADHS mit anderen psychiatrischen Krankheiten. Es gibt also keine spezifischen Gene für ADHS. Wissenschaftler des Brainstorm Consortiums unter Beteiligung von Humangenetikern des Universitätsklinikums Bonn haben dies kürzlich bestätigt. An der groß angelegten Studie arbeiteten mehr als 500 Forscher aus aller Welt. Ergebnisse der Arbeit hat jetzt das Fachjournal Science vorgestellt. Es zeigte sich, dass sich 25 verschiedene psychiatrische Krankheiten inkl. ADHS in Bezug auf ihre Genetik im Grunde nicht unterscheiden lassen. Dabei ist die gemessene genetische Beteiligung bei psychiatrischen Krankheiten sowieso sehr klein, in bisherigen Studien beläuft sie sich auf ca. 5-10 % der Gesamtvarianz, 90% der Varianz bleiben also genetisch unerklärt.

Auch eine zweite internationale Forschergruppe unter Demontis hat kürzlich einige Gene identifiziert, die mit ADHS assoziiert sind, aber auch sie sind mit sogar ca. 200 anderen Erkrankungen und Persönlichkeitsmerkmalen verbunden, z. B. auch mit niedrigerer Intelligenz oder zerebralen Entwicklungsstörungen. Die gefundenen Genvarianten können nach Berechnungen der Forscher ca. 20 % der genetischen Prädisposition erklären. Also auch in dieser sehr umfangreichen Studie bleiben 80% der Varianz unerklärt.

Auch A. Thapar betont in einer Übersicht über die genetischen Befunde der letzten 5 Jahre die große Überlappung von ADHS mit Autismus, geistiger Behinderung und vielen anderen psychiatrischen und nichtpsychiatrischen Störungen, sogar mit Lungenkrebs (was selbstredend nicht bedeutet, Kinder mit ADHS-Diagnose unterlägen einem erhöhten Lungenkrebsrisiko). Man könne also ADHS nicht länger als eigene Krankheit betrachten. Die Ergebnisse lassen sich damit vergleichen, dass man zunächst Fieber als eigene, spezifische Krankheit erklärt und dann herausfindet, dass es lediglich ein unspezifisches, multikausales Symptom darstellt. So wenig man also von einer spezifischen Fieberkrankheit sprechen dürfte, darf man auch nicht von einer spezifischen ADHS sprechen.

Eine aktuelle Übersichtsstudie zu den Fortschritten der Molekulargenetik der ADHS in China von Qian u. a. äußert sich selbstkritisch, indem sie u. a. herausstellt, dass die Ergebnisse insgesamt widersprüchlich und enttäuschend sind. Es gebe mehrere mögliche Gründe für das Versagen von GWAS- und Kandidatengenstudien, Gene zu identifizieren, die hoch mit ADHS assoziiert sind: So unterscheiden die in den verschiedenen Studien untersuchten Probanden sich stark in Bezug auf Alter, ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Komorbidität und diagnostische Merkmale. Auch werden Gen-Gen- sowie vor allem Gen-Umwelt-Wechselwirkungen nicht berücksichtigt. Ein eher schüchterner Verweis auf die in der ADHS-Forschung weitgehend ausgeblendete Bedeutung der Epigenetik.

Die neueren Erkenntnisse der Epigenetik lassen aber die gesamte Genetik zu einem Teilbereich des Hirnstoffwechsels werden und differenzieren die bisherigen Kenntnisse. Es ist Tatsache, dass die Umsetzung von genetischen Informationen unter dem Einfluss der Umwelt geschieht. Der damit einhergehende Fortschritt besteht darin, dass nicht mehr behauptet werden kann, es ginge bei der Genetik um die Vermittlung vorgegebener Codierungen – die klassische Vorstellung von “Erblichkeit”. Ein Gen kann noch so viel Pathologie enthalten: nur wenn es aktiviert wird, kommt es zur Wirkung. Damit gewinnen aktivierende oder abschaltende Einflüsse – sprich: Umweltfaktoren – entscheidende Bedeutung.

Aber die Erkenntnisse der Epigenetik sind weit davon entfernt, eine neue Phase zur Entschlüsselung des Genoms einzuleiten. Im Gegenteil: sie machen deutlich, dass die Genetik mit ihren unendlich vielfältigen wechselseitigen Wirkfaktoren den Gesetzen der Komplexität unterliegt und das Geschehen daher nicht durch die Eigenschaften einzelner Elemente, sondern durch deren Bedeutung im jeweiligen Kontext bestimmt wird. Angesichts dieses Erkenntnisstandes ist es erstaunlich, dass in der Fachliteratur über die Verursachung psychopathologischer Krankheits-“Bilder” wie „ADHS“ häufig noch die klassische Vorstellung von “Erblichkeit” vertreten wird, sobald familiäre Häufung und möglicherweise noch molekulargenetische Auffälligkeiten zu beobachten sind. Offenbar fällt es schwer, sich auf die Verunsicherung durch nichtlineare Systeme einzulassen. Diese Angst scheint so schwer zu wiegen, dass sie wissenschaftliche Befunde ausblenden lässt. Dies gilt nicht zufällig auch für die Thematik der Nichtlinearität in der Neurobiologie. Es empfielht sich allen Wissenschaftlern, Fachleuten und Betroffenen gleichermaßen, sich mit wirklichkeitsnäheren, komplexen Wechselwirkungsmodellen auseinander zu setzen. 

Quellen:

Bobb, AF. (2005): Molecular genetic studies of ADHD: 1991 to 2004. Am J Med Genet B Neuropsychiatr Genet. 2005

Joseph, J. (2011): The crumbling pillars of behavioral genetics. Genewatch http://www.councilforresponsiblegenetics.org/genewatch/GeneWatchPage.aspx?pageId=384

Li, Z. u. a.: (2014): Molecular genetic studies of ADHD and its candidate genes. A review. Psychiatry Res. 2014 Sep 30;219(1):10-24.

Banaschewski, T. u. a. (2005): Towards an understanding of unique and shared pathways in the psychopathophysiology of ADHD. Dev Sci. 2005 Mar;8(2):132-40.

Von Lüpke, H. (2014): Epigenetik. In: Evertz, K., Janus, L., Linder, L. (Hg.): Lehrbuch der Pränatalen Psychologie. Mattes Verlag Heidelberg, S.104-110.

Qian, GAO (2014): Advances in molecular genetic studies of attention deficit hyperactivity disorder in China. Shanghai Arch Psychiatry. 2014 Aug; 26(4): 194–206.

Brainstorm Consortium (2018): Analysis of shared heritability in common disorders of the brain. Science. 2018 Jun 22; 360(6395).

Thapar, A. (2018): Discoveries on the Genetics of ADHD in the 21st Century: New Findings and Their Implications. Am J Psychiatry. 2018 Oct 1;175(10):943-950.

Demontis, D. et. al. (2018): Discovery of the first genome-wide significant risk loci for attention deficit/hyperactivity-disorder. Nat Genet. 2018 Nov 26.

ADHS UND HOCHBEGABUNG

Was man nach wie vor in einschlägigen Internetforen über angebliche Zusammenhänge zwischen „ADHS“ und Hochbegabung liest, ist erstaunlich. Es hat sich bei Laien der Aberglaube verbreitet, Hochbegabung sei komorbid zu „ADHS“, als seien viele „ADHSler“ gleichzeitig hochbegabt, als seien sie besonders intelligente, „andere“, kreative und verkannte Genies. Es gibt ja sogar ein eigenes Forum, in dem solche Mythen fleißig kolportiert werden. Einer schreibt dabei vom anderen ab, wobei alles wieder mal so unspezifisch ist, dass sich wie in einem guten Horoskop fast jeder spontan wiedererkennt und gleich selber diagnostizieren kann. Wir haben hier zu diesem Thema bereits berichtet.

Aber auch ganz unabhängig von „ADHS“ grassiert sogar in Fachkreisen immer noch die allgemeine Überzeugung, Hochbegabung sei ein genereller psychosozialer Risikofaktor. Dabei liegt seit Jahren eine bahnbrechende Untersuchung von D. H. Rost vor, die Fachwelt und Laien längst eines Besseren belehren müsste. In einer der bisher größten längsschnittlichen Studien über hochbegabte und hochleistende Jugendliche mit großen Stichproben und Kontrollgruppen, wie es für Studien solcher Art bisher unüblich war, erstellen die Autoren ein umfassendes und verallgemeinbares Bild von Hochbegabung (Marburger Hochbegabten-Projekt).

Nicht wenige der in der Literatur zu findenden bisherigen Annahmen werden hier als unzulässige Verallgemeinerungen und platte Vorurteile entlarvt.So erwiesen sich hochbegabte oder leistungsbeste Schüler als psychisch besonders belastbar und psychosozial verantwortungsbewusst. Sie waren in ihrer Peer-Gruppe und in der Schulklasse gut integriert und allgemein psychisch unauffällig. Im Gegenteil, sie schnitten bei Persönlichkeitseigenschaften oft sogar positiver ab als durchschnittlich begabte Schüler. Nirgendwo in dieser vorbildlichen empirischen Studie fand sich eine Bestätigung für die These, dass Hochbegabung ein psychosozialer Risikofaktor sei. Vielmehr erwies sich Hochbegabung als psychosozial begünstigender Faktor. Hohe Intelligenz erleichtert das Leben.

Mir ist auch keine einzige Studie bekannt, die gezeigt hätte, dass in einer unausgelesenen Stichprobe von „ADHSlern“ mehr als die in der Normalbevölkerung zu erwartendenen 1-2 Prozent Hochbegabte vorkamen.Wenn einzelne Hochbegabte aber psychosozial auffällig werden oder scheitern, hat dies mit ihrer besonderen Intelligenz und Begabung nicht viel zu tun, es liegt auch nicht an einer sogenannten Krankheit „ADHS“, sondern an ganz individuellen, familiären psychischen Belastungen, die Hochbegabte genau so stören, wie alle anderen, weniger intelligenten Kinder auch. Oft liegt es daran, dass die Hochbegabung nicht erkannt wurde und sich daraus Erziehungsfehler entwickelten.

https://www.waxmann.com/waxmann-buecher/?no_cache=1…

𝗗𝗔𝗦 𝗞𝗜𝗡𝗗: 𝗠𝗘𝗜𝗡 𝗙𝗘𝗜𝗡𝗗

SCHWARZE PÄDAGOGIK BEI ADHS-DEUTSCHLAND e.V.

Wie Sie vielleicht gelesen haben, gab es in diesen Tagen einen Internet-Shitstorm gegen einen Bonner Kinderpsychiater, der Kindern angeblich teils jahrelang starke Antipsychotika verschrieben hat und wegen seiner an die Schwarze Pädagogik erinnernden Haltung kritisiert wird. Insbesondere wurde sein angeblich empathiearmer und autoritärer Umgang mit seinen Patienten bemängelt, von noch anderen Vorwürfen einmal abgesehen.

Was bisher niemanden gestört zu haben scheint ist, dass der eingetragene Verein ADHS-Deutschland seit Jahren einen Beitrag von Isabell und Johannes Streif (beide Vorstandsmitglieder des Vereins, Johannes Streif sogar stellvertretender Vorsitzender) auf seiner Webseite vorhält, der Vorstellungen einer Schwarzen Pädagogik sehr nahe kommt. Dies im Rahmen eines Vereins, der sich nicht von einer Psychopharmaka-Behandlung von Kindern abgrenzt, ein Vorwurf, der dem besagten Bonner Kinderpsychiater auch heftig gemacht wird.  Im Folgenden einige (kursive) Zitate aus dem Beitrag. Eingangs schränken die Autoren ihre anschließenden Empfehlungen ein:

𝙎𝙞𝙚 𝙨𝙚𝙩𝙯𝙚𝙣 𝙖𝙣 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙢 𝙋𝙪𝙣𝙠𝙩 𝙖𝙣, 𝙯𝙪 𝙙𝙚𝙢 𝙙𝙞𝙚 𝙀𝙡𝙩𝙚𝙧𝙣 𝙗𝙚𝙧𝙚𝙞𝙩𝙨 𝙫𝙞𝙚𝙡 𝙖𝙪𝙛 𝙥ä𝙙𝙖𝙜𝙤𝙜𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙢, 𝙩𝙝𝙚𝙧𝙖𝙥𝙚𝙪𝙩𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙢 𝙪𝙣𝙙 𝙢𝙚𝙙𝙞𝙯𝙞𝙣𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙢 𝙁𝙚𝙡d 𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧𝙣𝙤𝙢𝙢𝙚𝙣 𝙝𝙖𝙗𝙚𝙣, 𝙪𝙢 𝙙𝙖𝙨 𝙋𝙧𝙤𝙗𝙡𝙚𝙢𝙫𝙚𝙧𝙝𝙖𝙡𝙩𝙚𝙣 𝙞𝙣𝙣𝙚𝙧𝙝𝙖𝙡𝙗 𝙙𝙚𝙧 𝙁𝙖𝙢𝙞𝙡𝙞𝙚 𝙞𝙣 𝙙𝙚𝙣 𝙂𝙧𝙞𝙛𝙛 𝙯𝙪 𝙗𝙚𝙠𝙤𝙢𝙢𝙚𝙣.

Es geht also nicht darum, Problemverhalten selbstkritisch zu verstehen, sondern „in den Griff zu bekommen“. Diese Wortwahl sagt schon alles.

Wir wissen, dass Eltern, die vorher angeblich so viel Misserfolg mit alternativen Hilfsangeboten hatten, nicht ausreichend für Familientherapie motiviert worden sind und mit unfähigen/ungeeigneten Hilfeanbietern zu tun hatten. Man will Kinder nicht verstehen, sondern in den Griff bekommen.

Die Familien hätten bessere Hilfe finden können als die von den Autoren empfohlene autoritäre, unempathische und aggressiv gegen das Kind gerichtete elterliche Haltung, die nicht selten biografisch ohnedies der Grund für die Probleme war und nun mit den Ratschlägen der Autoren nur verschlimmert werden würde:

… 𝙨𝙤𝙡𝙡𝙩𝙚𝙣 𝙙𝙞𝙚 𝙀𝙡𝙩𝙚𝙧𝙣 𝙠𝙡𝙖𝙧 𝙙𝙖𝙧𝙡𝙚𝙜𝙚𝙣, 𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙚𝙨 𝙠𝙚𝙞𝙣𝙚𝙣 𝙕𝙬𝙖𝙣𝙜 𝙜𝙞𝙗𝙩, 𝙞𝙢 𝙃𝙖𝙪𝙨𝙝𝙖𝙡𝙩 𝙙𝙚𝙧 𝙁𝙖𝙢𝙞𝙡𝙞𝙚 𝙯𝙪 𝙡𝙚𝙗𝙚𝙣, 𝙨𝙤 𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙚𝙨 𝙙𝙚𝙢 𝙆𝙞𝙣𝙙/𝙅𝙪𝙜𝙚𝙣𝙙𝙡𝙞𝙘𝙝𝙚𝙣 𝙤𝙛𝙛𝙚𝙣 𝙨𝙩𝙚𝙝𝙩, 𝙨𝙞𝙘𝙝 𝙞𝙣 𝘼𝙗𝙨𝙥𝙧𝙖𝙘𝙝𝙚 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙢 𝙅𝙪𝙜𝙚𝙣𝙙𝙖𝙢𝙩 𝙗𝙚𝙞𝙨𝙥𝙞𝙚𝙡𝙨𝙬𝙚𝙞𝙨𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙚 𝙃𝙚𝙞m𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧𝙗𝙧𝙞𝙣𝙜𝙪𝙣𝙜 𝙖𝙣𝙯𝙪𝙨𝙘𝙝𝙖𝙪𝙚𝙣

Der Ausstoßungsmodus, den solche Kinder in ihrer Familie oft von Kleinauf erlebt haben, wird hier unreflektiert perpetuiert. Die Konfrontation, die in solchen Familie oft von Kleinauf zwischen Eltern und Kind herrschte, wird verstärkt. Was soll das helfen?

… 𝙨𝙤𝙡𝙡𝙩𝙚 𝙫𝙤𝙣 𝙙𝙚𝙣 𝙀𝙡𝙩𝙚𝙧𝙣 𝙞𝙣 𝙀𝙧𝙬ä𝙜𝙪𝙣𝙜 𝙜𝙚𝙯𝙤𝙜𝙚𝙣 𝙬𝙚𝙧𝙙𝙚𝙣, 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙢 𝙉𝙖𝙘𝙝𝙬𝙪𝙘𝙝𝙨 𝙙𝙞𝙧𝙚𝙠𝙩 𝙯𝙪𝙢 𝙅𝙪𝙜𝙚𝙣𝙙𝙖𝙢𝙩 𝙯𝙪 𝙜𝙚𝙝𝙚𝙣

Die drohende Haltung der Eltern in Konfrontation zum Kind ist massiv autoritär, hilflos und selbstschädigend.

𝘽𝙚𝙨𝙩𝙚𝙝𝙩 𝙙𝙞𝙚 𝙂𝙚𝙛𝙖𝙝𝙧, 𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙆𝙞𝙣𝙙𝙚𝙧 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙅𝙪𝙜𝙚𝙣𝙙𝙡𝙞𝙘𝙝𝙚 𝙨𝙞𝙘𝙝 𝙖𝙗𝙬𝙚𝙧𝙩𝙚𝙣𝙙 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙫𝙚𝙧𝙡𝙚𝙪𝙢𝙙𝙚𝙧𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙚𝙞𝙣 𝙀𝙡𝙩𝙚𝙧𝙣𝙩𝙚𝙞𝙡 ä𝙪ß𝙚𝙧𝙣 (𝙯.𝘽. 𝙁𝙧𝙚𝙪𝙣𝙙𝙚𝙣, 𝙉𝙖𝙘𝙝𝙗𝙖𝙧𝙣, 𝙇𝙚𝙝𝙧𝙚𝙧𝙣 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙖𝙣𝙙𝙚𝙧𝙚𝙣 𝙋𝙚𝙧𝙨𝙤𝙣𝙚𝙣 𝙚𝙣𝙩𝙜𝙚𝙜𝙚𝙣 𝙙𝙚𝙧 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙝𝙚𝙞𝙩 𝙗𝙚𝙧𝙞𝙘𝙝𝙩𝙚𝙣, 𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙨𝙞𝙚 𝙯𝙪𝙝𝙖𝙪𝙨𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙜𝙚𝙨𝙥𝙚𝙧𝙧𝙩, 𝙜𝙚𝙨𝙘𝙝𝙡𝙖𝙜𝙚𝙣, 𝙢𝙞𝙨𝙨𝙗𝙧𝙖𝙪𝙘𝙝𝙩 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙞𝙣 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙧 𝙙𝙚𝙢 𝘼𝙡𝙩𝙚𝙧 𝙣𝙞𝙘𝙝𝙩 𝙖𝙣𝙜𝙚𝙢𝙚𝙨𝙨𝙚𝙣𝙚𝙣 𝙒𝙚𝙞𝙨𝙚 𝙯𝙪 𝘼𝙧𝙗𝙚𝙞𝙩𝙚𝙣 𝙝𝙚𝙧𝙖𝙣𝙜𝙚𝙯𝙤𝙜𝙚𝙣 𝙬𝙚𝙧𝙙𝙚𝙣), 𝙨𝙤 𝙨𝙤𝙡𝙡𝙩𝙚𝙣 𝙀𝙡𝙩𝙚𝙧𝙣 𝙙𝙞𝙚𝙨𝙚𝙨 𝙑𝙚𝙧𝙝𝙖𝙡𝙩𝙚𝙣…
nicht ernst nehmen? Wer entscheidet in solchen Fällen, was Wahrheit oder Lüge ist? Die Gefahr, dass Kinder nicht gehört und nicht ernstgenommen werden, ist bekannt und groß.

𝙀𝙞𝙣 𝙧𝙚𝙨𝙤𝙡𝙪𝙩𝙚𝙧 𝙐𝙢𝙜𝙖𝙣𝙜 𝙢𝙞𝙩 𝙋𝙧𝙤𝙫𝙤𝙠𝙖𝙩i𝙤𝙣𝙚𝙣
ist nach Ansicht der Autoren wichtig. Es sind allerdings nicht die Provokationen von Eltern gemeint, auch nicht die, die eine Familienrichterin und ein Psychologe bei ADHS-Deutschland Eltern empfehlen.

Es sind Empfehlungen zu weiterer Konfrontation zwischen Eltern und Kindern. Man will Kinder „in den Griff bekommen“. Das ist Schwarze Pädagogik von oben nach unten, autoritär, nicht-empathisch und hilflos.

Nichts wird davon gut.

http://www.adhs-deutschland.de/des…/tabid-17/74_read-7757/

ADHS-FORSCHUNG OHNE HIRNSCHMALZ

Seit es die fabrizierte Krankheit (L. Eisenberg) ADHS gibt, suchen Wissenschaftler vergeblich nach deren Ursache. Vor allem das Gehirn wird als angeblicher Tatort ausgemacht. In tausenden Studien untersucht man seit Jahrzehnten das Hirnvolumen, die Struktur und die Entwicklung des „ADHS-Gehirns“. Die Ergebnisse sind widersprüchlich und summa summarum wertlos.

Das liegt vor allem daran, dass in fast allen diesen Studien keine sorgfältige Ausschlussdiagnostik für die Diagnose ADHS erfolgt. Bekanntlich ist die ADHS-Symptomatik vieldeutig und unspezifisch, so dass sich hinter dem Etikett „ADHS“ eine Vielzahl unerkannter anderer Störungen verbirgt. Eine Reihe dieser Studien hat z. B. ein vermindertes Hirnvolumen als angebliche Ursache von ADHS gefunden. Man misst „ADHS“ mittels irgendwelcher Fragebögen oder Selbstbeurteilungen und setzt das dann in Beziehung zum per Bildgebung gemessenen Hirnvolumen. Dass eine solch anspruchslose Forschungsstrategie misslingen muss, scheint die Wissenschaft weiter nicht zu interessieren.

Was bei all diesen Studien ignoriert wird sind die Folgen individueller Erfahrungen für die Hirnentwicklung. Das menschliche Gehirn hat eine sehr hohe Plastizität und Anpassungsfähigkeit an Umwelt-und Erfahrungseinflüsse, so dass seine Struktur, Größe und Funktion nicht starr vorgegeben, sondern permanent veränderbar sind. Viele Umwelteinflüsse und Erfahrungen wirken sich auch auf die Hirnentwicklung und -funktion aus. Die ADHS-Forschung blendet dies aus.

Eine aktuelle Studie zeigt z. B: Wenn die Eltern ihr Kind regelmäßig angeschrien hatten, wütend auf sein Verhalten reagiert oder es geschüttelt hatten, dann waren später bei den Jugendlichen zwei bestimmte Gehirnbereiche kleiner und weniger entwickelt. Die beiden Bereiche spielen bei der Regulierung von Emotionen und dem Auftreten von psychischen Störungen eine wichtige Rolle. Die Jugendlichen litten häufiger unter Angststörungen und Depressionen. Die Studie zeigt zum ersten Mal, dass Erziehungspraktiken nicht nur die Funktionsweise des Gehirns, sondern sogar seine physische Struktur verändern.

Solange die ADHS-Forschung solche Faktoren ausblendet, bleibt sie erfolglos.

https://www.deutschlandfunknova.de/nachrichten/entwicklung-harte-erziehung-sieht-man-im-gehirn?fbclid=IwAR1dzs5SXbodPj7NcnK-IF0JGMUsuz7ooCsyq3jzOvOaIyUxZ-sgHG6a_Sg

SCHLECHTE LEHRBÜCHER FÜR SCHÜLER UND STUDENTEN



WAS LERNEN SCHÜLER UND STUDENTEN ÜBER ADHS?

Der gegenwärtige Forschungsstand zur Genetik der sog. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leitet sich aus Ergebnissen der Verhaltensgenetik, der Molekulargenetik und der Epigenetik ab.

Verhaltensgenetik
Die inzwischen überholte Verhaltens- bzw. quantitative Genetik befasste sich bekanntlich gar nicht mit den Genen selbst, sondern versuchte deren Einfluss lediglich aus menschlichem Verhalten zu berechnen. Trotz erheblicher Methodenkritik an dieser Vorgehensweise mit all ihren Vergleichen von gemeinsam oder getrennt aufgewachsenen Zwillingen, eineiigen und zweieiigen Zwillingen, Adoptiv- und Geschwisterkindern behaupten immer noch Wissenschaftler, dass ADHS zu bis zu 80% vererbt sei. Der bekannte amerikanische Forscher Jay Joseph hat die Fortschritte dieser Verhaltensgenetik der letzten 20 Jahre inklusive ADHS kritisch analysiert und kommt zu einem sehr ernüchternden Ergebnis: Vergleichende Familien- und Zwillingsstudien lassen in Wahrheit überhaupt keine Aussage über Genetik versus Umwelt zu, denn all die auftretenden Unterschiede lassen sich auch vollständig durch nicht-genetische Einflüsse erklären (Joseph 2011).

Molekulargenetik
Konnte nun aber die moderne Molekulargenetik die Ergebnisse der Verhaltensgenetik bestätigen? Bobb u.a. haben 2004 alle über 100 Forschungsstudien zur molekularen Genetik der ADHS der Jahre 1991-2004 kritisch gesichtet, darunter 3 genomweite Assoziationsstudien mit 94 Polymorphismen und 33 Kandidatengenen. Seit dieser mittlerweile fast 17 Jahre alten Übersichtsstudie hat sich bis heute nichts Essentielles getan.

Die Forscher fanden damals, dass ADHS eine sehr „komplexe“ Störung mit vielfältiger, aber jeweils schwacher genetischer Beteiligung sei, und fassen dann zusammen, dass es nur für 4 Gene einigermaßen gesicherte, aber sehr bescheidene und auch nur statistische Zusammenhänge gibt. 36 % aller Studien konnten Zusammenhänge finden, 47 % aber nicht, die restlichen 17 % zeigten nur ‚Trends“, wobei man diese 17 % statistisch nicht gesicherten Studien durchaus zu den erfolglosen 47 % addieren darf. Damit sind also 64 % aller Genstudien zu ADHS in 13 Forschungsjahren ergebnislos geblieben.

Aber auch bei den „positiven“ Ergebnissen besteht nach wie vor das Problem einer nur sehr bescheidenen Beteiligung (Effektstärke) dieser Gene an der Varianz des ADHS-Verhaltens betonen die Autoren. Die Befunde decken meist nur ca. 5 % ab, 95 % bleiben also unklar. Die Kausalität ist dabei ohnedies unklar, ein statistischer Zusammenhang zweier Merkmale besagt ja nicht viel mehr, als dass der Storch die Kinder bringt, weil die Geburtenzahl zeitgleich mit der Rückkehr der Störche aus dem Süden steigt. Vor allem aber hat man inzwischen herausgefunden, dass es für ADHS (und für viele andere psychiatrische Störungen) gar keine spezifische Genetik gibt. Psychiatrische Krankheiten lassen sich genetisch gar nicht unterscheiden.

Diese sehr mageren molekulargenetischen ADHS-Befunde werden vor der Öffentlichkeit derzeit denn auch gerne versteckt, so dass vor allem in den Kreisen der ADHS-Betroffenen und ihrer Selbsthilfevereine nach wie vor von einer genetischen Bedingtheit von bis zu 80% fabuliert wird. Verhaltens-genetiker suchen unterdessen in Analogie zur schwarzen Materie des Weltalls die sog. „unentdeckte Erblichkeit“ (missing heritability) der ADHS, um die krasse Differenz zwischen quantitativen und molekulargenetischen Befunden zu erklären. Es müsse diese Erblichkeit auch molekulargenetisch ganz einfach geben, sagen sie, man habe sie bisher nur noch nicht entdeckt. In einer Metaanalyse von über 300 molekulargenetischen Studien zur ADHS stellen Li u. a. abschließend fest: „…current findings from genetic studies of ADHD are still inconsistent and inconclusive…“ Übersetzt: Der gegenwärtige Forschungsstand genetischer Studien zu ADHS ist immer noch uneinheitlich und ergebnislos, aber die Zukunft (und damit weitere Forschungsgelder) werde alles klären (Li 2014).

Was lernen Studenten über die ADHS-Genetik?
Haben diese Erkenntnisse inzwischen Einzug in die Lehrbücher für Studenten gehalten? Niederländische Forscher der Universität Groningen um te Meerman haben 43 Lehrbücher von 10 niederländischen Universitäten danach durchsucht, was sie angehenden Medizinern über die Genetik der ADHS vermitteln. Sie betonen, wie wichtig es sei, die hohen Vererbungsangaben aus der quantitativen Verhaltensforschung den nur geringen Effektstärken aus der Molekulargenetik gegenüber zu stellen.

Werden Medizinstudenten nun also hierüber ausgewogen informiert? Nein! Nur ein Viertel der Lehrbücher erwähnt die Effektgrößen sowohl für die Verhaltens- als auch für die Molekulargenetik, ein weiteres Viertel macht gar keine entsprechenden Angaben. Und fast die Hälfte aller Lehrbücher erwähnt nur die spektakulären Effektgrößen der Verhaltensgenetik, ohne auf die mageren, aber valideren Ergebnisse der Molekulargenetik hinzuweisen. Die meisten Lehrbücher informieren angehende Mediziner also einseitig und damit falsch (te Meerman 2020).

Was lernen Kinder und Jugendliche über ADHS?
In einer weiteren Studie haben niederländische Forscher um Laura Batstra gefragt, was Kinder und Jugendliche aus neun niederländischen Büchern über ADHS erfahren. Sie finden, dass die häufigsten Textpassagen ADHS als eine Gehirnanomalie beschreiben, zusammen mit einer medizinischen Behandlung und einer Verhaltenstherapie. Die psychosoziale Sicht auf ADHS kommt dagegen zu kurz (Batstra 2020). Kindern und Jugendlichen wird hier also eine einseitig biomedizinische Sicht auf ADHS vermittelt.

Wie sieht es in Deutschland aus?
Wir haben 30 aktuelle deutsche Lehrbücher danach untersucht, was dort über die Genetik der ADHS gelehrt wird.

Nur ein einziges Lehrbuch führt Effektstärken sowohl zur Verhaltens- als auch zur Molekulargenetik an und betont dabei die Molekulargenetik. 18 andere Bücher (60 %) machen gar keine Angaben zu Effektstärken, 7 davon gewichten auch nicht die Verhaltens- im Vergleich zur Molekulargenetik. 6 davon (20 %) betonen besonders die Ergebnisse der Verhaltensgenetik, während die restlichen 5 (17 %) die Molekulargenetik hervorheben. 11 Lehrbücher (36,6 %) machen Angaben zur Effektstärke nur für die Verhaltensgenetik. Kein einziges der durchgesehenen Lehrbücher erwähnt die große Bedeutung der Epigenetik bei Phänomenen wie ADHS.

Es bleibt also festzuhalten, dass 60 % der durchsuchten Lehrbücher keinerlei Angaben zu vergleichenden Effektstärken enthalten, 36,6 % geben Effektstärken nur für die Verhaltensgenetik an. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs wird also ein völlig unkritisches und einseitiges Bild der Genforschung zur ADHS vermittelt, das die große Differenz der Forschungsergebnisse von Verhaltens- und Molekulargenetik nicht aufzeigt oder hinterfragt. Auch das völlige Fehlen neuer epigenetischer Befunde erscheint besonders problematisch.

Fazit
Kinder, Jugendliche und Studenten werden demnach in den Niederlanden und Deutschland über ADHS einseitig und damit falsch informiert.
 

Quellen:
te Meerman, S., Batstra, L., Hoekstra, R. & Grietens, H., (2019). Academic textbooks on ADHD genetics: Balanced or biased?International journal of qualitative studies on health and well-Being. 14, 1, 1616433.

Bobb, AF. (2005): Molecular genetic studies of ADHD: 1991 to 2004.  Am J Med Genet B Neuropsychiatr Genet. 2005

Joseph, J. (2011): The crumbling pillars of behavioral genetics. Genewatch http://psychrights.org/Research/Digest/Genetics/CrumblinPillarsOfBehavioralGeneticsJoseph2011.htm

Li, Z. u. a.: (2014): Molecular genetic studies of ADHD and its candidate genes. A review.  Psychiatry Res. 2014 Sep 30;219(1):10-24.

Banaschewski, T. u. a. (2005): Towards an understanding of unique and shared pathways in the psychopathophysiology of ADHD. Dev Sci. 2005 Mar;8(2):132-40.

Von Lüpke, H. (2014): Epigenetik. In: Evertz, K., Janus, L., Linder, L. (Hg.): Lehrbuch der Pränatalen Psychologie. Mattes Verlag Heidelberg, S.104-110.

Qian, GAO (2014): Advances in molecular genetic studies of attention deficit hyperactivity disorder in China. Shanghai Arch Psychiatry. 2014 Aug; 26(4): 194–206.

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PHARMAWERBUNG FÜR ADHS

VIEL GELD FÜR VERBOTENE ADHS-WERBUNG
Pharmawerbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist außer in USA und Neuseeland in der ganzen Welt verboten. Aber die Pharmaunternehmen unterlaufen dieses Verbot mit einer Vielzahl indirekter Werbekampagnen. Auch das Konstrukt ADHS mitsamt der zur Behandlung angebotenen Psychopharmaka wird auf diese Weise seit vielen Jahren massiv mit viel Geld gepusht, derzeit rollt eine Werbekampagne für „ADHS bei Erwachsenen“ durch Deutschland, die von einigen sog. Fachleuten, Ärzten, Selbsthilfevereinen und -verbänden und vor allem auch hörigen Medien betrieben wird. Man kann davon ausgehen, dass die Pharmaindustrie im Hintergrund viel Geld und Lobbyarbeit einsetzt, die Geldempfänger darüber aber natürlich vornehm schweigen.

Auch der Verein ADHS-Deutschland, der eben jetzt die Werbung für Erwachsene betreibt, hat bis vor einigen Jahren Pharmagelder erhalten und bezieht seither Gelder zur Förderung spezieller ADHS-Projekte, die stets einen Werbecharakter haben. Potentielle Interessenkonflikte durch eine Betätigung als „Mietmaul“ für die Pharmakonzerne muss man in Deutschland nicht öffentlich machen, im Unterschied zu den USA. Der US-Universitätsprofessor Joseph Biederman beispielsweise hatte aber trotzdem 1,6 Millionen US-Dollar Pharmagelder, auch für seine ADHS-Forschung, verschwiegen.

AWARENESS-KAMPAGNE: WELTKONGRESS ADHS
Eine beliebte versteckte Werbung für ADHS und Psychopharmaka erfolgt häufig mittels „Awareness-Kampagnen“ in Form von Weiterbildungsseminaren oder internationalen Kongressen. Der 8. Weltkongress der „ADHD World Federation“ vom 06.- 09.05.2021 gibt hierfür ein treffliches Beispiel ab, auch ADHS-Deutschland rührt dafür die Werbetrommel, obwohl sich die meisten seiner Mitglieder den hohen Teilnehmerbeitrag des obendrein in Englisch ablaufenden Kongresses wohl gar nicht leisten können. Dieser Kongress wurde 2007 in der damaligen Ritalin-Hochburg Würzburg gegründet.

Kongresspräsident ist ein Weggenosse von Joseph Biederman, nämlich S.V. Faraone. Er hat Einnahmen von den Pharmafirmen Shire, Rhodos, KenPharm, McNeil, Janssen, Pfizer, Eli Lilly, Sunovion, Ironshore und Novartis erhalten. Der notorische Biederman selbst sitzt im wissenschaftlichen Ausschuss, ebenso die Geschäftsführerin von ADHS-Deutschland e.V. und Weltkongress-Mitbegründerin Alexandra Philipsen, die als Beraterin und Vortragende zum Thema ADHS für die Firmen Medice Arzneimittel Pütter GmbH sowie Shire/Takeda tätig war, auch finanzielle Kongressunterstützung von Janssen-Cilag, Servier sowie Forschungsmittel von der Firma Medice erhalten hat. Co-Vorsitzender des wissenschaftlichen Ausschusses ist auch ein Luis A. Rohde, der von Novartis/Sandoz, Shire/Takeda, Bial, Pfeizer, Janssen sowie Medice Honorare erhalten hat. Sponsoren des Kongresses sind die Pharmafirmen Takeda, Medice, Caddar sowie SFI (Boehringer). Takeda ist einer der weltweit größten Pharmakonzerne und hat 2019 für 62 Milliarden die Firma Shire („Evanse“, „Intuniv“) gekauft.

Es verwundert also nicht, dass wir und viele andere Experten einen Zusammenhang sehen zwischen exzessivem Pharma-Marketing und inflationierenden ADHS-Diagnosen sowie den stetig steigenden Verschreibungszahlen von Psychopharmaka.

Liebe Gäste, wenn Sie sich also wirklich die Teilnahme an diesem Kongress zumuten wollen, werden Sie feststellen: In guter Gesellschaft sind Sie nicht!

ABERGLAUBE ADHS: RITALIN WIRKT PARADOX

RITALIN®:  PARADOXE WIRKUNG?

Immer wieder wird behauptet, Methylphenidat (der Wirkstoff in Ritalin etc.) wirke spezifisch nur bei ADHS-Erkrankten. Damit wird denn auch seine Verabreichung als Medikament begründet, denn wenn es so auch bei Gesunden wirken würde, wäre es ja nicht wirklich ein Medikament, sondern Hirndoping. Es wird behauptet, bei Gesunden putsche es auf, bei „ADHS“ gleiche es einen krankhaften Dopaminmangel im Gehirn aus und beruhige. So mancher behauptet sogar noch, die Wirkung von Ritalin beweise die Diagnose ADHS („ex juvantibus“).

Abgesehen davon, dass noch bei keiner psychiatrischen Krankheit, also auch nicht bei „ADHS“, ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn als Ursache gefunden wurde: in einer Auswertung aller vorliegenden relevanten Forschungsstudien zur Wirkung von Methylphenidat bei Gesunden kommen Linssen u. a. zum Ergebnis, dass bereits eine übliche Einmaldosis von Methylphenidat das Arbeitsgedächtnis, die Denkgeschwindigkeit, das verbale Lernen und Merken, die allgemeine Aufmerksamkeit und geistige Wachheit, das Nachdenken und Problemlösen deutlich verbessert (1). Das sind alles Verbesserungen, die man auch bei sogenannten ADHS-Patienten erzielen will. Es wird also deutlich, dass es keinen Unterschied macht, ob man Ritalin als Medikament gegen „ADHS“ oder als Neuroenhancement bei Gesunden verwendet.

Kein Wunder bei einem Amphetaminabkömmling. Kein Wunder also, wenn schulisch (aus welchen Gründen auch immer) beeinträchtigte Kinder mit Ritalin „besser“ werden (aber nach Absetzen des Medikaments nicht bleiben), bis hin zu einer leserlicheren Handschrift. Kein Wunder, wenn es auch Menschen mit allerlei anderen Malaisen damit vorübergehend besser zu gehen scheint. Kein Wunder auch, wenn Ritalin als Alltagsdoping im Sinne von Neuro-Enhancement verwendet wird.

Mph putscht auf, wenn man es als Droge überdosiert. Aber als Medikament beruhigt es und fördert die Kognition, dafür lieben es ja einige Eltern und Lehrer so. Und: Diese Wirkung hat es unabhängig von „ADHS“ bei (fast) allen Menschen.  „…In neueren Studien zeigte sich jedoch, dass die Wirkungen von Methylphenidat bei Menschen mit und ohne ADHS gleichartig sind.“

https://www.adhspedia.de/wiki/Paradoxe_Reaktion_bei_ADHS