11. WIE KANN ICH MICH GEGENÜBER MEINEN KINDERN DURCHSETZEN?

Hallo Herr Schmidt,
in den letzten Jahren haben sich viele Probleme bei mir angestaut. Ich bin 30 Jahre jung, habe vier Kinder, bin geschieden, habe aber einen lieben Freund. Die wichigsten möchte ich kurz anschneiden, da diese mittlerweile zur absoluten Ratlosigkeit und nervlichen Problemen führen. Während meiner damaligen Ehe stellte ich fest, daß mein Sohn Dennis, als er 2,5 Jahre alt war, hyperaktiv ist. Damit fing einiges an, das gerenne von einem Arzt zum nächsten Psychologe, zur Ergotherapie usw. Nichts half. Aber das war nicht so schlimm für mich, ich liebe meinen Sohn ja. Schlimm war, daß ich einen charaktermäßig “ schlechten“ mnn hatte, vor dem ich meinen Sohn schützen mußte, der sonst den Bach runtergegangen wäre, da mein damaliger Mann immer ausrastete, wenn Dennis auffiel. Er unterstütze mich auch in rein gar nichts.

Mittlerweile ist es so, daß ich geschieden bin,aber mein Sohn überhaupt kein “ Respekt“ vor mir hat. Es soll ja nicht viel sein, nur ein wenig Achtung, aber ich habe das Gefühl, daß mein Exmann dazu beigetragen hat durch seine Art, daß mein Sohn einerseits nichts besonderes in mir sieht, und andererseits meint, er könne seiner Krankheit freien Lauf lassen, ich würde ihn weiter schützen, also es ginge immer so weiter. Da ich aber nun seit fast 3 Jahren mit den Kinder bei meinem Freund lebe, hat sich das geändert, ich brauche keine Angst haben, daß ihm was passiert, da mein Freund ganz anders ist. Ich habe das auch meinem Sohn gesagt ( 9 Jahre alt), aber irgendwie will er mit aller macht meinen Schutz weiterhaben, und nutzt mich gnadenlos aus, obwohl ich nun dank meines Freundes zumindest wieder etwas ein Jemnad sein könnte, und meinen Sohn nun nicht mehr immer decken möchte. Ich meine, nach fast 3 Jahren, müßte er es doch auch trotz hyperaktivität einigermaßen verstehen können.

Hinzu kommt, daß meine Tochte Franz ( 7,5 Jahre) eher wohl ins hypoaktive schlägt, und mir dadurch Probleme in genau anderer Richtung macht. Sie denkt nur langsam, lügt ungewöhnlich häufig, gibt erst lange nach der Fragestellung Antwort und ist von ausreden nur so gesegnet. Sie kann die Regeln in der Familie nicht befolgen, weil sie die Schulregeln schon lernen müßte, seit einem Jahr! Oder weil sie sie grad zufällig vergessen habe, oder ch sie ihr nicht zum hundertsten male gesagt hätte usw. Sie gibt oft Antworten auf Fragen, die ich überhaupt nicht gestellt habe, weint unheimlich schnell, ist ungewöhnlich stur und langsam in Bewegungen, wirft mind. ein mal täglich irgendwas um oder hin……Gläser, Schüsseln usw.

Egal was ich sage, sie tut es grundsätzlich nicht, sondern genau das Gegenteil, manchmal habe ich das Gefühl, daß sie in der geistigen Entwicklung Schritte rückwärts macht. Sie bringt mich damit mehr aus der Fassung, als mein Sohn mit seiner Art.Laut enem Intelligenztest, auf den ich pers. nicht viel gebe, ist sie nicht dumm, und laut test für Gehirnströme ist auch alles ok. Auch sie tut mich ignoriren, nicht ernst und für voll nehmen, sie denkt, sie kann mich runheben, auch wenn ich ihr Konequenzen für ihr Verhalten gebe, ändert das nichts.

Mittlerweile fangen die beiden Kleinsten ( fast 6 Jahre und fast 2 Jahre) an, das Dilemme der beiden Großen mit Hingabe nachzueifern. Die 6 jähr. gibt mir auf die Frage, warum sie ohne Erlaubnus an die Creme geht und ihre Schwester eincremt, die Antwort, daß sie zur Toilitte gemußt hätte usw. Sie gehorcht absolut nicht, da kann ich machen, was ich will!

Wir leben mit 6 Personen auf 75 qm2, da sind Reglen unerläßlich. Man redet gegen Mauern. Hunzkommt, daß mein Sohn noch Diabetes bekommen hat, der nur schwer einstellbar ist, undmich viele Nächte wach sitzen läßt, weil er wieder mal unterzuckert, was mir alles mit meinem Rheuma doch sehr schwerfällt.Mein Sohn geht übrigens auf eine Schule, für verhaltnesauffällige Kinder, die ihm helfen soll.

Ach ja, und meine Fastschwiedermutter meint, Kinder wären Kaiser und dürften alles tun und lassen, Regeln brächten sie nicht, es wären schließlich Kinder, und verhält sich auch so, wenn si her ist oder babysittet. Wenn ich dann wieder zu Hause bin, ist esdas absolute Chaos, Essen liegt auf den Fußboden, die Kinderzimmer sind komplett im Wohnzimmer verteilt, die Kinder klatschnaß geschwitzt, und danach noch aufsässiger, als je zuvor. Mit ihr reden hat keinen Sinn, habe ich schon getan, da bin ich dann eine Rabemutter, viel zu streng und werde blöd angesehen von ihr. Werde ich dann  mal richtig böe, weilich die Kinder erziehen möchte, wie ich es gemäß der Krankheiten und unserem Alltag für richtig halte, dann ist sie zutiefst enttäuscht und heult, us. Sie lebt in einer totalen Scheinwelt. Sie hat den Bezug zur heutigen Realität total verloren, zund ich finde, daß Regeln einfach als Vorbereitung aufs spätere Leben wichtig sind, denn dort gibt es auch nicht nur das Wort “ Ja“ zu hören.

Nun meine Frage, wie kann ich mich endlich durchsetzen, so daß meine Kinder mich endlich ernst nehmen, und darauf hören, was ich sage? Erklärungen, Gespräche, Konsequenzen usw, brachten ja nichts. Daß vier Kinder machen, was sie wollen, und mir auf de Nase runtanzen, geht auf Dauer nicht gut, es zehrt enorm an meinen Kräften zu den vielen anderen Dingen hinzu.Ich möche doch nur, daß sie soweit auf mich hören, daß ein geregeltes, harmonisches Zusammenleben möglich ist, und nicht dieses Chaos. Ich will keine Duckmäuser, sie sollen ruhig mal meckern usw. aber nicht jede Minute am Tag.
Was kann ich tun, muß ich einfach strenger weden, damit sie merken, daß ich alles so meine, wie ich sage, oder wie soll ich mich verhalten? Für einen Tipp wäre ich echt dankbar, ich könte es gut gebrauchen…..:-)

Liebe Grüße
A.

Liebe Frau A.,
herzlichen Dank für die anschauliche Schilderung Ihres Familienlebens. Sie haben es nicht ganz leicht mit Ihrer Familie: Vier Kinder (beim ersten waren Sie ca. 21 Jahre alt), eine Scheidung, die nicht bewältigt ist (die Beziehungen zwischen Ihnen, dem Kindesvater und den Kindern wirken sehr belastet), die Krankheiten Ihres Ältesten (wobei Sie wissen müssen, dass „Hyperaktivität“ heute nicht selten eine „Modediagnose“ sein kann. Ist das pädiatrisch-kinderneurologisch mal kompetent untersucht worden?), ein Lebenspartner, den Sie gegenüber den Kindern anscheinend dem leiblichen Vater deutlich vorziehen, Ihr gestörtes Verhältnis zu Ihrer Fastschwiegermutter, der „stille“ Protest Ihrer Tochter gegen Sie (so verstehe ich deren Verhalten)…das alles kommt zusammen und ergibt das Gesamtbild eines wenig erfreulichen Familienlebens.

Sie selbst machen auf mich denn auch den Eindruck einer oft schlecht gelaunten, reizbaren und selbstunzufriedenen Frau und Mutter. Ihre Kinder haben sicher oft das Gefühl, dass Sie sie nicht mögen (was natürlich nicht stimmt, aber Sie geben sich wohl oft so). Kein Wunder, wenn die Kinder dann unleidlich reagieren. Auch Ihre Fastschwiegermutter stoßen Sie vor den Kopf mit Ihrer Ungenießbarkeit. Ist es nicht so?

Ich glaube, Sie müssen Ihre Einstellung gegenüber Ihren Kindern grundsätzlich überdenken: statt einen Machtkampf zu inszenieren (Sie wollen sich durchsetzen, die Kinder sollen Sie ernst nehmen, schreiben Sie), sollten Sie ernsthaft versuchen, mehr Liebe und Freundlichkeit in Ihrer Familie zu leben. Nur dann nehmen Sie Ihre Kinder „ernst“.
Die Frage ist nur, wie Sie das emotional schaffen werden. Wie können Sie selbstzufriedener und innerlich ausgeglichener werden? Das sehe ich als Ihre Hauptaufgabe, die es zu lösen gilt in Zukunft. Dabei wäre auch ganz wichtig, eine bessere Zusammenarbeit mit dem Vater Ihrer Kinder anzustreben, sobald es um die Kinder geht. Haben Ihre Kinder einen guten Kontakt zu ihrem Vater? Unterstützen Sie das möglichst einvernehmlich mit dem Kindesvater?  Das ist für Scheidungskinder extrem wichtig, dass ihre Eltern Eltern bleiben trotz Scheidung!

Liebe Frau A., ich rate Ihnen, für die Lösung all dieser Probleme fachliche Hilfe in Ihrer regionalen Erziehungs- und Familienberatungsstelle einzuholen. Das ist kostenlos und qualifiziert. Lassen Sie sich dort helfen, wie Sie dafür sorgen können, damit mehr Liebe, mehr Humor, mehr Freundlichkeit in Ihre Familie einziehen können. Das kann man üben und dann merken, wie positiv es wirkt. Erfragen Sie in Ihrem Jugendamt die Adresse. Ich glaube, dass Sie es sonst alleine vielleicht nicht schaffen.

Mit freundlichem Gruß und den besten Wünschen für Sie und Ihre Familie,
Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt.

 

12. BITTE UM BALDMÖGLICHSTE ANTWORT
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin seit 4 Jahren geschieden. Habe 2 Kinder 1 mit 13 und ein Mädchen mit 10 Jahren. Mein Mädchen ist sehr unruhig und aggressiv, zur Zeit gebe ich Ihr die Zappelin Probulis. Habe ich habe den Eindruck die helfen nichts. Kann ich Ihr ab und zu ein Antidepressiva geb und welches würden Sie mir empfehlen.Die ganze Familie leidet darunter. Wir waren auch schon beim Psychologen, aber da habe ich nichts erffahren. Lisa geht zu keinen Arzt mehr. Was soll Ich tun?   Bitte um baldmöglichste Antwort

Sehr geehrte Familie ohne Namen,
Sie schreiben aber wirklich sehr oberflächlich über die möglichen seelischen Probleme Ihrer Tochter! Anstatt über Tabletten nachzudenken, sollten Sie doch viel einfühlsamer sein und ernsthaft darüber nachdenken, welchen Kummer Ihre kleine Tochter hat. Nur das kann helfen.

Einem 10jährigen Kind sollte man grundsätzlich keine Psychopharmaka geben, schon gar nicht ohne sorgfältige Indikation durch einen guten Kinderarzt oder Jugendpsychiater.
Stattdessen müssen Sie ernsthaft herausfinden, was seelisch nicht stimmt mit Ihrer Tochter.  Wenn Sie bei einem Psychologen „nichts erfahren“ haben, haben Sie entweder nicht richtig nachgefragt oder es war ein schlechter Psychologe. Gehen Sie dann sofort zu einem besseren, z. B. kostenfrei in Ihrer nächsten Erziehungsberatungsstelle. Dort können Sie auch erst einmal alleine hingehen, falls sich Ihre Tochter weigert. Hat das Verhalten Ihrer Tochter mit Ihrer Scheidung zu tun? Sehnt sie sich nach ihrem Vater? Was macht Ihre Tochter unglücklich, was belastet sie seelisch? Vielleicht auch das mangelhafte Einfühlungsvermögen ihrer Mutter?

Denken Sie beim Berater einmal in Ruhe und ausführlich über das bisherige Leben Ihrer Familie und Ihrer Tochter nach, ich bin sicher, Sie finden dann auch Einsicht, Verständnis, eine Antwort und damit den richtigen Weg zur Abhilfe. Machen Sie es sich nicht weiterhin zu leicht. Allein Medikamente zu geben, löst keine seelischen Probleme, im Gegenteil, es macht sie nur schlimmer, von nicht ungefährlichen Nebenwirkungen ganz abgesehen.

Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

 

13. KAMPF UMS SORGERECHT

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich befinde mich im Sorgerechtsstreit mit meiner getrennt lebenden Ehefrau.
Ich habe das alleinige Sorgerecht für unseren 2 1/2-jährigen Sohn beantragt,
weil ich der Meinung bin, dass er bei mir und meiner neuen Lebensgefährten
die beseren Entwicklungsmöglichkeit hat. Es sind auch sonst noch einige
gravierende Vorfälle passiert. Das Gericht gibt jetzt ein familienpsychologisches Gutachten in Auftrag.

Was kommt jetzt auf mich bzw. auf unseren Sohn zu?

Mit freundlichen Grüßen
Walter.
Hallo Walter,
ich kann Ihre individuelle Situation natürlich nicht beurteilen, weil Sie darüber nichts mitteilen. Vor allem beschreiben Sie nicht, warum Sie denken, das Kind sei bei Ihnen und Ihrer Partnerin besser aufgehoben als bei seiner Mutter.

In den meisten Fällen verbirgt sich hinter solchen Anträgen auf alleinige elterliche Sorge eine heftige und chronische Rechthaberei der Kindeseltern, die für das Kind aber seelisch sehr stark schädigend ist. Statt solche Anträge bei Gericht durchzufechten (was heutzutage sowieso selten geling), ist es viel sinnvoller, das gemeinsame Sorgerecht verantwortungsvoll und kindgerecht zu praktizieren. Das bedeutet, Wege für eine einvernehmliche Erziehung des gemeinsamen Kindes zu erarbeiten – trotz Scheidung. Eltern bleiben Eltern, auch bei Scheidung.

Statt vor Gericht über den Anderen siegen zu wollen, ist es besser, sich in einer Familienberatungsstelle gemeinsam an einen Tisch zu setzen und vernünftige Wege zu finden, wie mit dem Kind nach der Scheidung kindgerecht und einvernehmlich umgegangen werden kann. Haben Sie und die Mutter Ihres Kindes dies bereits ernsthaft in einer Beratungsstelle versucht? Wenn nicht, schlagen Sie Ihrer Exfrau dies vor und nehmen Ihren Antrag bei Gericht erst einmal wieder zurück.

Das Kriegsbeil begraben und sich an einen Tisch setzen: Das will und braucht Ihr Kind. 

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

 

 

14.  MEIN SOHN SCHWÖRT AUF DIE NAZIS

Hallo,
ich bin 49 Jahre alt, Journalistin und alleinerziehende Mutter von
zwei Kindern, einer 22jährigen Tochter, die Kunstgeschichte
studiert, und eines17jährigen Sohnes, der nach einem schweren
Verkehrsunfall und einer sehr chaotischen Schulkarriere jetzt
seinen Hauptschulabschluss gemacht hat.
Mein Sohn, N., der fast immer in Klassen mit hohem
Ausländeranteil war und überwiegend Freunde aus anderen
Kulturen hatte, fängt zu meiner Bestürzung plötzlich an,
rechtsradikale und ausländerfeindliche Thesen zu
äußern, besonders gegen Türken, Juden und „Zigeuner“. Er erwägt,
später in einer Stadt zu leben, in der „weniger Türken“ seien als
hier, verteidigt die Nazis etc.
Ich muß dazu sagen, daß er diese Einstellung keinesfalls von mir
hat, im Gegenteil. Ich habe nicht nur in zahlreichen Diskussionen
mit meinen Kindern, sondern auch in meinen Büchern und
sonstigen Arbeiten immer dezidiert antifaschistische Positionen
bezogen und die Aufarbeitung der NS-Zeit zu meinem Zentralthema
gemacht.
Mein Vater, N.s Großvater also, den er sehr verehrt und der jetzt
im Sterben liegt, hat allerdings eine „glorreiche“ Vergangenheit als
hoher Wehrmachtsoffizier hinter sich, die er offensichtlich niemals
aufgearbeitet hat und für die N. ihn sehr bewundert.
Ich habe keine Ahnung, ob es inzwischen Beratungsstellen für
Eltern gibt, die sich speziell mit diesem Thema auseinandersetzen.
Meine laienhaft-subjektive „Erklärung“ für N.s Äußerungen ist die,
daß er
sich a) aus der sehr engen und herzlichen Beziehung zu mir lösen
möchte, b)
klare Ordnungsstrukturen sucht, die es in unserem Haushalt
(Einelternfamilie, große finanzielle Probleme nach der Scheidung,
starkeDoppel-und Dreifachbelastung meinerseits) sicher nicht
immer gegeben hat, c)
vielleicht auch seine subjektiv als Mißerfolg erlebte Schulkarriere
(alleanderen Familienmitglieder haben studiert) durch Anschluß an
eine „starke“Gruppe kompensieren möchte.
Meinem ersten Impuls, ihn wegen seiner fortgesetzten Äußerungen
vor die Tür zu setzen oder ihm demonstrativ meine Zuneigung zu
entziehen, bin ich nichtgefolgt, da er schließlich immer noch mein
Kind ist, und da ich ihn nicht erst recht in die Arme entsprechender
Kreise treiben möchte. Trotzdem mache ich mir die allergrößten
Sorgen um ihn, abgesehen davon, daß ich seine
menschenverachtenden Äußerungen manchmal physisch und
psychisch kaum noch ertragen kann.
N. ist an sich ein sehr sensibler, begabter, introvertierter Junge, der
schon als Kleinkind philosophische Weisheiten geäußert hat.
Seine Äußerungen passen zu seinem Wesen wie die Faust aufs
Auge. Für alle Vorschläge, die diversen Familien- und
Schulprobleme (es gab zeitweilig auch massive
Probleme mit „Kiffen“) in einer Therapie aufzuarbeiten, zeigte er
sich immer völlig unerreichbar. Er sei kein „Psychopath“ etc.
Andererseits interessiert er sich geradezu leidenschaftlich für
Psychologie, besonders forensische, und liest außerhalb der
Schulzeit entsprechende Bücher.
Ich hoffe, Ihnen ein einigermaßen aussagekräftiges Bild gegeben
zu haben und wäre Ihnen sehr dankbar für eine Antwort.
E.

Liebe Frau E.,
vielen Dank für die Schilderung Ihres Problems mit Ihrem Sohn. Ihren eigenen Vermutungen, was die Ursachen für sein Verhalten sein mögen, muss ich gar nicht mehr viel hinzufügen. Mir fällt nur noch auf, dass in Ihrer Schilderung kein einziges Wort über den Vater Ihres Sohnes, ihren geschiedenen Mann, fällt. Nur indirekt bringen Sie  zum Ausdruck, dass die Beziehung Ihres Sohnes zu seinem Vater offenbar irgendwann nach Ihrer Scheidung (oder schon vorher?) abgebrochen zu sein scheint. Wiederverheiratet sind Sie wahrscheinlich auch nicht. Ich vertrete die Auffassung, dass Vaterlosigkeit gerade für Jungen ein wesentlicher Grund für seelische Entwicklungsschwierigkeiten im Sinne einer männlichen Identitätsfindung ist. Eine alleinerziehende Mutter kann das nur dann einigermaßen ausgleichen, wenn es ihr gelingt, die männliche Seite des Sohnes positiv zu verstärken. Zum Beispiel, indem sie ihm ein positives Bild von seinem Vater vermittelt. Aber gerade dies ist in geschiedenen Ehen oft nur sehr mangelhaft möglich, so dass der Sohn andere Möglichkeiten sucht, seine Männlichkeit zu betonen und zu entwickeln. Ihr Sohn scheint sich (notgedrungen) an seinem Opa zu orientieren, der Ihnen aber wiederum nicht behagt wegen seiner unbewältigten Wehrmachts-Vergangenheit. Aus dem Umstand, dass Sie die „Vater-Geschichte“ Ihres Sohnes in Ihrem Brief verdrängen, liebe Frau E., schließe ich zusätzlich, dass es Ihnen kaum möglich ist, Ihrem Sohn ein positives Vaterbild zu vermitteln. Das ist sehr schade für Ihren Sohn. Faschismus/Nazismus sind ja extreme männliche Ritualbildungen, die viele sog. jugendliche „Neonazis“ benutzen, um ihr männliches Identitätsproblem zu lösen zu versuchen. Dass sie damit auch provozieren, kommt ihren unerfüllten Autonomiewünschen und ihrem Hass auf die etablierte Erwachsenenwelt, die sie tief enttäuscht hat, nur entgegen. Dass Sie selbst dezidierte antifaschistische (anti-„männliche“ aus der Sicht Ihres Sohnes) Positionen vertreten, gibt ihm mit seinem konträren Verhalten erst recht noch zusätzlich Gelegenheit, sich von Ihnen seelisch abzugrenzen im Sinne seiner Identitätsfindungs-Problematik. Man spricht hier auch von Kontrastverhalten, das Kinder umso stärker entwickeln, je stärker sie sich von den Eltern einseitig beeinflusst wähnen (nicht nur politisch, sondern auch z.B. gegen den eigenen Vater!) .

Liebe Frau E.,  ich weiss nicht, ob ich mit meiner Vermutung über das „Vaterproblem“ bei Ihrem Sohn richtig liege. Ich lese es nur „zwischen den Zeilen“ aus Ihrem Brief. Wenn ich mich täusche, schreiben Sie mir doch bitte ergänzende Informationen. Ansonsten würde ich Ihnen empfehlen, durchaus weiter Ihre eigene Position gegenüber dem Sohn zu vertreten. Aber die Ursache für alles liegt nicht so sehr in ihm, sondern viel mehr in Ihnen und seinem Vater. Deswegen sollten Sie überlegen, ob Sie sich nicht selbst einmal gründlich psychologisch beraten lassen (z.B. in Ihrer regionalen Erziehungs- und Familienberatungsstelle), wie Sie und Ihr geschiedener Mann mit dem Problem Ihres Sohnes mittelfristig umgehen und vor allem, wie Sie und Ihr geschiedener Mann die eigene Beteiligung noch besser verstehen können. In meiner Familienberatungsstelle laden wir in solchen Fällen die Väter grundsätzlich mit dazu. Kann man denn nichts daran ändern, dass Ihr Sohn und sein Vater keine Beziehung pflegen? Können Sie dabei nicht hilfreich vermitteln? Was würde sein Vater sagen, wenn er wüsste, in welcher Not sein Sohn ist (oder weiss er es?). Mit freundlichem Gruß, Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt

Lieber Herr Schmidt,
vielen Dank für Ihre rasche, hilfreiche Antwort, die ich eben gelesen
habe.
Mein Sohn und ich hatten inzwischen eine sehr heftige, lautstarke
und von beiden Seiten emotionale Auseinandersetzung, die zwar
zunächst furchtbar schmerzlich für beide Seiten war, aber irgendwo
auch die Luft gereinigt und die Positionen verdeutlicht hat. Es ist
uns seitdem gelungen, ruhiger und vernünftiger über das Thema
Rechtsradikalismus zu sprechen. Ich habe versucht, für die derzeit
schwierige Orientierungssituation meines Sohnes Verständnis
aufzubringen, und er hat zugestanden, daß sich sein „Haß“ auf
bestimmte ausländische Gruppen möglicherweise mildern wird,
wenn er beruflich gefordert ist, auf eigenen Beinen steht und noch
andere – d. h. selbsterworbene – Verdienste hat, als nur das, ein
Deutscher zu sein (so sieht er es offenbar selbst zur Zeit…)Er hat
mir versprochen, seine Einstellung noch einmal gründlich zu
überdenken, menschenverachtende Äußerungen, die mich
verletzen, zu unterlassen und in einigen Monaten, wenn
er in seiner Ausbildung als Restaurantfachmann in einem großen
Hotel Fuß gefaßt hat, noch einmal das Gespräch mit mir zu
suchen. Dabei habe ich ihm zugestanden, daß man über
Einzelfragen wie Asylpolitik, Einwanderungsquoten
etc. sicherlich kontrovers diskutieren kann, was ja sogar auf
höchster politischer Ebene getan wird. Tatsächlich finde ich, daß
ein CDU-Politiker wie Rüttgers mit einem Slogan wie „Kinder statt
Inder“ den Jugendlichen nicht gerade ein gutes Vorbild gibt.

Was den Vater meiner Kinder betrifft, so existiert er sozusagen
nicht mehr.
Er hat seit 14 Jahren keinen Pfennig Unterhalt für die beiden
gezahlt und sich nie für ihre Belange interessiert, es sei denn
negativ – durch Denunziationen und Intrigen bei Jugendamt,
Schulamt etc. Wir wissen überhaupt nicht, wo er wohnt, können
somit auch keinen Kontakt zu ihm aufnehmen. Er hat weder zum
Abitur meiner Tochter noch während der schweren
Krankheitszeit meines Sohnes etwas von sich hören lassen. Er hat
mich mit einer Schuldenlast von einer halben Million sitzenlassen
und mich an die Grenze des physischen und finanziellen Ruins
getrieben. Ich bin unter dieser Belastung manchmal fast
zusammengebrochen, aber das war ihm nur recht, denn
schließlich war ich ja diejenige, die ihn verlassen hat, weil er in den
letzten Ehejahren nur noch getrunken und geprügelt hat – mich und
die Kinder. Soweit ich weiß, lebt er von der Sozialhilfe, die er dann
abends in Kneipen durchbringt. Bei den wenigen Malen, die ich seit
unserer Scheidung mit ihm gesprochen habe, hat er sich selber
widerwärtig rechtsradikal geäußert. Außerdem erzählt er die
phantastischsten Lügengeschichten über
seine angeblichen Erfolge als Filmregisseur, persönlicher Berater
Clintons, Raktenerfinder etc., die nach meinem Dafürhalten schon
an Schizophrenie grenzen. Meine Tochter L. hat sich schon vor
Jahren völlig von ihm distanziert – wiewohl ich beiden Kindern nie
„verboten“ habe, ihren Vater zu sehen und ihn auch nicht negativer
geschildert habe, als er ist – weil er sie nur als „überstudiert“,
„durchgeknallt“ und dgl. bezeichnet; mein Sohn
N. legte bis vor einiger Zeit Wert auf einen gewissen Kontakt zu
ihm, den ich, soweit mein Ex-Mann überhaupt aus seiner
Versenkung auftauchte und für uns präsent wurde, immer
selbstverständlich gestattet habe, da er ja
schließlich N’s Vater ist. Mit der Zeit begann N. jedoch, sich für
seinen Vater zu schämen, und brach den Kontakt von sich aus ab.
Die in aller Öffentlichkeit vorgetragenen Lügengeschichten waren
ihm einfach zu peinlich.
Wir sind alle drei froh, von ihm in Frieden gelassen zu werden und
versuchen auch nicht mehr, ihn wegen der Unterhaltszahlungen
gerichtlich zu belangen.
In den ersten Jahren nach der Trennung hat er meiner Tochter öfters
aufgelauert, um sie zu schlagen, hat Fensterscheiben bei uns
eingeworfen, unsere Post zu entwenden versucht, mich bei
Kollegen und Auftraggebern schlechtgemacht etc. Soviel zum
Thema „Vater“, von dem in diesem Fall überhaupt keine Hilfe zu
erwarten ist, eher im Gegenteil.
Zum Thema der Wiederverheiratung:
Ich habe kurz nach der Trennung, also vor 14 Jahren, einen
Künstlerkollegen kennengelernt, mit dem ich eine adäquate,
befriedigende, liebevolle Beziehung führe. Er ist Vater dreier
erwachsener Kinder und inzwischen mehrfacher Großvater. Wir
sind jedoch ganz bewußt nicht zusammengezogen, da
er nach einer recht dramatisch verlaufenen Trennung von Frau und
Kindern keine neue „Familienkonstruktion“ mehr wollte. Er hatte
genug damit zu tun, das Verhältnis zu seinen eigenen Kindern
wieder zu stabilisieren, was unter großen Anstrengungen und auch
nur teilweise gelungen ist. Da mein Sohn meinen Freund eigentlich
hoch schätzt – mein Freund ist äußerlich und in vielen
Eigenschaften und Fähigkeiten (sportliche und handwerkliche
Begabungen) sehr „männlich“ – war die Entscheidung, ihn bewußt
aus der Erziehung meiner Kinder herauszuhalten, vielleicht falsch.
Heute hätte ich sie jedenfalls anders getroffen und ein stärkeres
Engagement seinerseits sogar eingefordert. Aber leider ist dieser
Prozess nicht mehr rückgängig zu machen. Immerhin hat mein
Freund seit längerer Zeit verstärkt Anteil an der
Entwicklung beider Kinder genommen, sie fachlich und menschlich
beraten und ihnen in Konflikten, die sie mit mir hatten,
beigestanden. Meinen Sohn engagiert er öfters für „Männerjobs“ in
Haus, Werkstatt und Garten, und dieses teamwork klappt zu
meiner großen Freude recht gut. Er hat auch
versprochen, mir bei den jüngsten Schwierigkeiten zu helfen. Da er
selbst – 1933 geboren – die Nazizeit miterlebt war, Erfahrungen als
Hitlerjunge gemacht hat etc., kann er mit meinem Sohn aus einer
völlig anderen Perspektive über das Thema „Rechtsradikalismus“
sprechen als ich.
Ich persönlich habe bereits vor Jahren eine Gesprächstherapie
gemacht und befinde mich seit einem halben Jahr in einer zweiten.
Dabei wird natürlich immer wieder über meine Nazi-Eltern und
meine Kinder gesprochen. Als alleinerziehende Mutter war ich öfter
gezwungen, mich auch vom Jugendamt oder
Erziehungsberatungsstellen beraten zu lassen. Leider mit nicht
sehr befriedigendem Ergebnis. Das Jugendamt zeigte sich in
diesem konkreten Fall (Rechtsradikalismus) völlig desinteressiert
und erklärte sich für unzuständig. Zu der zuständigen städtischen
Erziehungsberatungsstelle mag ich nicht mehr gehen, seitdem
eine Therapeutin dort mir ihre ganze eigene Familiengeschichte
erzählt und die Rollen sozusagen vertauscht hat. Aufgrund
meiner (beruflich antrainierten) raschen Auffassungsgabe für
menschliche Konflikte wurde ich ständig als Moderatorin von
Elternselbsterfahrungsgruppen engagiert, wo ich aber persönlich
reichlich wenig Hilfe fand. Man glaubte einer scheinbar so „starken“
Frau überhaupt nicht, daß sie Probleme haben könnte. Die
Gespräche mit meinem jetzigen – männlichen – Therapeuten helfen
mir da wesentlich weiter, da erstmals auf kompetenter
Wissensgrundlage die Nazivergangenheit meiner Eltern und deren
fatale Wirkungen auf mich – und die Kinder – aufgearbeitet wird.
Dies zur etwas umfassenderen Darstellung unserer
Familienverhältnisse.
Wie Sie vielleicht spüren, sehe ich die Dinge wieder etwas
optimistischer.
Dabei kann ich natürlich nichts daran ändern, daß ich kein Mann
bin und von vielen inneren Konflikten eines Jungen nur eine vage
Ahnung habe. Was bleibt, ist ein schreckliches Schuldgefühl, ihm
„so einen“ Vater zugemutet zu haben, aber diese Partnerwahl liegt
nun um ein Vierteljahrhundert zurück und ist nur aus meiner
eigenen Kindheit und Jugend, die ich größtenteils wie
ein Strafgefangenenlager erlebt habe, zu erklären.
Wenn Sie noch einen Ratschlag, eine Ermunterung für mich
haben, wäre ich
Ihnen in jedem Fall sehr dankbar.
Ihre…

Liebe Frau E.,
vielen Dank für Ihre beeindruckende Antwort. Meine Vermutung, dass N. unter
einem Vaterproblem leidet und dass Sie ihm kein postives Vaterbild
vermitteln können, war also richtig.  Auch Ihr Lebenspartner spielte bisher
keine große (immerhin auch keine negative!) Rolle für N. Aus Ihren Worten
über N.`s Vater spricht viel Hass und Verachtung. Nehmen Sie mir das Bild
bitte nicht übel: die Art, wie Sie über Ihren geschiedenen Mann schreiben,
hat auch etwas Radikales (ob nun Rechts- oder Links-, ist unwichtig). Steckt
nicht auch in Ihnen eine gehörige Portion verdrängte Radikalität, wie in den
meisten von uns? Hat es Ihr Sohn nicht doch auch von Ihnen?
Insgesamt denke ich aber, dass Sie es ganz gut machen. Sie widersprechen N,
sie sprechen ernsthaft mit ihm (und er wohl auch mit Ihnen, und das ist
immer ein sehr gutes Zeichen), sie finden beide auch einen Weg…Dass andere
Sie eine starke Frau finden, kann ich mir gut vorstellen. Das ist für N. ja
auch positiv, denn damit gleichen Sie sein Vaterproblem etwas aus. Alles in
allem müssen Sie sich aus meiner Sicht keine wirkliche Sorge machen, dass N.
tatsächlich rechtsradikal ist oder ein Nazi oder sowas wird. Ich halte dies
bei ihm für eine vorrübergehende Intentitätsfindungs-Phase, aus der er mit
Ihrer starken Führung irgendwann ernüchtert herauskommen wird.
Interpretieren Sie deshalb bitte nicht allzu viel in ihn hinein. Sehen Sie
es alles als eine seelisch schwierige Entwicklungsphase eines Jugendlichen,
der ein recht trauriges Vaterproblem zu bewältigen hat. Das wird N. denn
auch noch lange umtreiben. Kann man denn daran nichts ändern? Möchte N.
nicht selbst seinen Vater ausfindig machen und kontaktieren (das Jugendamt
hat sicher seine Anschrift)? Bei allen Macken und Charakterproblemen, die
der Vater haben mag? Er ist und bleibt der Vater! N. muss ihn sowieso eines
Tages persönlich kennenlernen und sich sein eigenes Bild von ihm machen
können. Der jetzige Zustand ist nicht von Dauer. Warum nicht den Vater jetzt
kennenlernen? Ermuntern Sie ihn doch dazu. Helfen Sie ihm dabei, auch wenn
es Sie große Überwindung kostet. Sein Vaterbild ist das eine, Ihr
geschiedener Mann das andere. Der reale Kontakt zum Vater kann für N. nur
positiv sein: entweder er erfährt selbst aus eigener Erfahrung, dass auf den
Vater wirklich kein Verlass ist (das wünsche ich ihm natürlich nicht), oder
er erlebt seinen Vater anders und lernt verstehen, wie alles gekommen ist,
ohne seinen Vater weiter hassen zu müssen.
Alles Gute für Sie und Ihren Sohn, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

 

15. WIE SOLL ES NUR WEITERGEHEN?

Ich bin 20 Jahre und leide seit 10 Jahren unter starken Depressionen, Selbstmordgedanken und psychosomatischen Beschwerden.Ich bin auch seit 10 Jahren in Behandlung, nehme Psychopharmaka und kämpfe wirklich mit allen Mitteln und aller Kraft gegen mein Leiden an, leider bisher ohne erfolg. Die Diagnose ändert sich von Jahr zu Jahr und Arzt zu Arzt…von manisch-depressiv, posttraumatische Belastungsstörung über das Borderlinesyndrom wandere ich durch meine Diagnosen und habe das Gefühl, dass keiner so genau weiss, was mir fehlt.Ich bin wirklich am Verzweifeln und denke sehr oft an Selbstmord in letzter Zeit. Ich bin arbeits- und sogar schulunfähig und würde aber so gerne wieder die Schule besuchen, habe aber nicht die Kraft und den Mut dazu, eher panische Angst. Vor einem Jahr fingen bei mir auch noch die Selbstverletzungen an und auch meine Mutter hat keine Geduld mehr mit mir.So kann es nicht mehr weitergehen, habe wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft von EMDR über Famillienaufstellung, von diesen zu den tabletten.Ich weiss bald wirklich nicht mehr weiter.Man sagt mir immer ich sei doch stark und müsste nur WOLLEN, aber ich möchte doch und schaffe es nicht,´habe oft das Gefühl man nimmt mich nicht ernst, tröstet mich immer hinweg und sagt ich werde mich schon nicht umbringen. Ich möchte auch nicht sterben, aber so kann es doch auch nicht mehr weitergehen. Ich weiss, dass auch Sie mir kein Patentrezept geben können, aber vielleicht einen Tip. Haben die Therapien (momentan Akupunktur, Gesprächstherapie, Psychopharmaka) überhaupt noch Sinn? Oder verwirrt mich das Ganze nur noch mehr? Was würden Sie mir raten? Bitte Sie um baldige Antwort!Fühle mich so leer, verlassen und ohnmächtig, falsch auf dieser Welt, der Freitod scheint die einzige Lösung zu sein. Vielen Dank im Voraus! Mit freundlichen Grüssen, Iria P.

Liebe Iris P.,
vielen Dank für die bewegende Darstellung Ihrer Situation. Ich habe spontan das Gefühl, mit Ihnen persönlich ausführlich sprechen zu mögen, um Sie genauer kennen zu lernen und Ihnen vielleicht wirklich helfen zu können. Denn Sie sind in Not. Seit langer Zeit. Ich möchte Sie ganz persönlich bitten, verlieren Sie jetzt nicht den Lebensmut. Ich will Sie aber auch nicht bloß so vertrösten, weil ich es mir mit Ihnen leicht machen will. Keineswegs! Ihr Brief klingt sehr traurig, ich kenne Sie gar nicht und mache mir doch Sorgen um Sie!
Ich möchte Ihnen Folgendes anbieten: Überlegen Sie bitte, ob Sie zu einem ausführlichen und für Sie kostenlosen Gespräch zu mir kommen können. Das hängt natürlich davon ab, wo Sie wohnen, was ich nicht weiss. Ich biete Ihnen an, Sie gerne persönlich kennen zu lernen und zu beraten, mehr Informationen von Ihnen zu bekommen und dann gemeinsam mit Ihnen zu überlegen, wie es weitergehen sollte, wie es mit Ihnen endlich wieder aufwärts gehen kann (und das muss es ja wohl, nicht wahr?!). Ich lade Sie ein in meine persönliche Sprechstunde. Teilen Sie mir, wenn Sie dies möchten, vertraulich (also nach der gesetzlichen Schweigepflicht und ohne Veröffentlichung auf dieser website), Ihre Adresse und Ihre Möglichkeit mit, ein persönliches Gespräch zu arrangieren. Ich würde ggbfs. auch zu Ihnen kommen.
Ich erwarte Ihre Nachricht. Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

 

16. UNSERE KLEINE TOCHTER

Hallo Herr Schmidt,
erstmal vorneweg, unsere Tochter hat letztes Jahr eine ADS-Diagnose erhalten sowie die Beurteilung ,der IQ liege im Bereich LB, aber alleine durch das Miterleben, wie die Diagnostik in der Jugend- und Kinderpsychiatrie zustande kam (u.a. sehr kurze IQ-Testung, ohne auf das Kind und seine Befindlichkeiten einzugehen) und durch die Empfehlung, einem 6-jährigen Kind Medikamente zu geben, ist uns schnell klar geworden, dass wir dieser Diagnose / „Therapieform“ so erstmal nicht folgen möchten.

Kurze Zusammenfassung der Situation: Das Mädchen und ihr Zwillingsbruder wurden von uns adoptiert (kamen mit 20 Monaten zu uns), Frühchen, entwicklungsverzögert, motorisch und sprachlich im Rückstand, Alkohol in der Schwangerschaft kann nicht ausgeschlossen werden, traumatische Erlebnisse, Vernachlässigung.

In der Laufe der Zeit zeigte sie bei uns enorme Entwicklungsfortschritte, Frühförderung im Kindergarten, leider Einschulung als knappes Musskind, eine Rückstellung wurde nicht bewilligt trotz Vorgeschichte, 1. Schuljahr sehr anstrengend, visuelle Wahrnehmungsstörung, die im Rahmen einer Ergotherapie gestärkt wird (dort zeigte sich auch bei einer weiteren IQ Testung, dass der schlechte Wert vor alllem durch einen Einbruch in den Bereichen herrührt, bei denen die visuelle Wahrnehmung eine Rolle spielt). Seit 2 Monaten macht sie begeistert Taekwondo, wir hoffen dieser Sport steigert ihr Selbstwertgefühl.

Jetzt in der 2. Klasse stellen sich große Probleme im Rechnen heraus sowie im Schreiben, Lesen klappt ganz gut. Bei den ersten Leistungsüberprüfungen zeigte sie sich sehr abgelenkt, unruhig, teilweise auch bockig und musste die Arbeit unterbrechen. Die Überforderung in der Schule wird (natürlich) Zuhause rausgelassen. Sie ist grundsätzlich erstmal gegen alles, was von uns kommt. Ist sehr negativ, „mir doch egal“. Sie hat schon immer an den Fingernägeln gekaut und Dinge in den Mund gesteckt, und hat seit ein paar Wochen zusätzlich die Angewohnheit entwickelt, in der Schule ihre Bleistifte regelrecht abzunagen.

Weitere Auffälligkeiten Zuhause: Konnte noch nie alleine spielen, wenig Interesse an Spielsachen, kaum Sachen, die ihr wirklich wichtig sind, will immer wissen, was wir als nächstes machen, am liebsten viel Aktivität draußen (was wir unterstützen), will gerne helfen, aber durch ihr impulsives Verhalten und Sich-nicht-zurücknehmen-können, gestaltet sich das oft sehr schwer. Oft sehr auf Gegenwehr bei den alltäglichen Routinen, um sich dann – nachdem es Streit gab – zu entschuldigen. Jedoch in den meisten Fällen kurze Zeit später wieder selbes Verhalten.

Das Familienleben leidet oft unter diesen Problemen. Dazu kommt, dass auch ihr Bruder einige Baustellen hat. Er ist aber grundsätzlich einfacher im Umgang, insgesamt wirkt er viel zufriedener, solange er genügend Zeit zum Spielen und nicht zuviel Stress durch Hausaufgaben und Regeln hat.

Wir wissen natürlich, dass ein so komplexes Thema nicht einfach gelöst werden kann, aber vielleicht haben Sie trotzdem eine Idee, was der nächste, hilfreiche Schritt sein könnte. Wie können wir ihr weiter helfen, wieviel Förderung / Therapie braucht unser Kind? Sollten wir einen Kinderpsychologen hinzunehmen? Wie wichtig wäre es Ihrer Ansicht nach, z.B. FAS auszuschließen/zu bestätigen?

Wir möchten gerne, dass sie das 2. Schuljahr wiederholt, um den Druck rauszunehmen. Die Schule teilt diese Einschätzung bisher nicht, obwohl wir denken, dass es beiden Kindern gut tun würde, die verlängerte Schuleingangsphase zu nutzen, um einfach die noch fehlende Reife und den Entwicklungsrückschritt aufzuholen. Sie müssen jeden Tag so kämpfen, um mitzuhalten, das finde ich einfach unfair. Sie mussten schon so viel kämpfen, da sollte man ihnen doch jetzt in der Schule einfach etwas Zeit lassen … ?!

Vielen Dank für Ihr Feedback und viele Grüße!


LIEBE FRAU W,
vielen Dank für die anschauliche Schilderung der Erfahrungen mit Ihrer kleinen Adoptivtochter! Es beeindruckt mich sehr, mit welcher Liebe und differenzierten Förderung Sie dieses mehrfach vorbelastete kleine Mädchen umgeben und lebenstüchtig machen. Das Kind bringt ja erzieherisch und entwicklungspsychologisch einige Hypotheken mit sich: Als Zwillingsgeschwister mit wahrscheinlicher fetaler Alkoholschädigung bei Eltern geboren, die ihr und ihrem Bruder nicht gerecht werden konnten, haben Sie sie wohl erst im fortgeschrittenen Vorschulalter aufgenommen und sich seither intensiv und sehr liebevoll bemüht, ihr dabei zu helfen, ihre Defizite zu überwinden. Ich hoffe, sie haben bei der Adoption gewusst, was das Kind mitbringt, weil es immer wieder Adoptionsfälle gibt, bei denen die Jugendämter Eltern nur ungenügend aufgeklärt haben. Umso mehr kann man die Kinder nur beglückwünschen, solche Eltern wie Sie gefunden zu haben.

Aber alle Förderung und besorgte Beobachtung der gewünschten Fortschritte haben natürlich auch eine Schattenseite: sie setzen das Kind unter permanenten, rasch überfordernden Erwartungs- und Leistungsdruck. Das ist Ihnen ja auch selbst schon bewusst. Die Folge können dann sekundäre psychische Verhaltensstörungen sein, wie Stiftkauen, Nägelkauen oder oppositionelles Verhalten als Selbstschutz vor der Überforderung. Kinder wie Ihre Tochter spüren natürlich permanent, dass etwas nicht stimmt mit ihnen, dass die Eltern dauernd in großer Sorge sind. Davor wollen sie in Ruhe gelassen werden und auch mal vorbehaltlos so angenommen sein, wie sie eben sind. Sie wollen geliebt werden, so wie sie sind. Liebe Frau W., Sie lieben das Kind ohne Zweifel, aber Kinder (gerade auch Adoptivkinder) erleben das in solchen Fällen nicht selten etwas anders.

Ich weiß nicht, wie die Inklusion in der Schule Ihrer Tochter klappt, es klingt nicht positiv, was Sie schreiben. Wenn die Schule auch noch Druck macht, schafft das insgesamt ein ungesundes Gesamtsystem für das Kind. Ich befürworte Inklusion allgemein nur unter Vorbehalt. Wenn die aufwändigen Bedingungen in einer Regelschule erfüllt sind, kann sie förderlich sein. Wenn aber mangelhafte Bedingungen herrschen (und das ist derzeit leider meist so), macht sie das Leben beeinträchtigter Kinder zur Hölle. Die eh durch das Kind geforderten Eltern werden auch noch von der überforderten Schule belastet. Dann sollten Eltern rasch eine Umschulung in eine traditionelle Förder- oder Montessori-Schule vornehmen, natürlich im Einvernehmen mit dem Kind, damit es diesen Wechsel nicht als Versagen oder Strafe erlebt, sondern als eine hoffnungsvolle Freude.

Ich finde wie Sie, dass der hohe Förder- und Leistungsdruck, der auf Ihrer Tochter lastet, abgebaut werden sollte, im Sinne einer entspannteren, optimistischen, gelassenen Perspektive. Eine Umschulung in eine Förderschule kann dabei helfen. Sie sollten deshalb jetzt auch keine weiteren Untersuchungen oder Diagnostiken anstellen, denn dabei wird man eh keine wesentlichen neuen Erkenntnisse gewinnen, stattdessen aber nur noch weiter Druck auf dem Kind aufbauen. Wie Sie wissen, wächst das Gras ja nicht rascher, wenn man daran zieht.

Ich glaube, Ihre Kinder werden mit Ihnen zusammen sehr glücklich und wünsche Ihnen und Ihrer tollen Familie alle Gute!
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt