MIT DEN AUGEN DES KINDES

Erstes Beispiel aus einem ADHS-Internetforum:

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Eine Mutter beklagt sich heftig über ihren 9jährigen Sohn: Er mache seine Hausaufgaben nicht regelmäßig, obwohl sie täglich neben ihm sitze und in Absprache mit der Lehrerin alles kontrolliere. Sohnemann müsse in der Schule täglich aufschreiben, was an Hausaufgaben anfalle, und die Lehrerin kontrolliere dies ihrerseits. Und trotzdem schaffe es der Sohn immer wieder, keine oder falsche Hausaufgaben zu machen, trotz Ritalin morgens und mittags. Sie sei völlig ratlos.

Zweites Beispiel:

Wieder beklagt eine Mutter („…mit den Nerven völlig fertig“) das Verhalten ihres Sohnes, der Wutanfälle bekomme, keine Freunde finde, nicht mit ihr rede, nicht nach Hause komme, lüge und stehle. Auch sie sei völlig ratlos und erhoffe sich im Internet Medikamenten-Tipps.

In „ADHS“-Internetforen finden wir unzählige derartige Beispiele, denen eines gemeinsam ist: Die Mütter fragen nur danach, ob und wie sie die Probleme mittels Psychopharmaka in den Griff bekommen könnten. Sie fragen, ob ihr Kind vielleicht unter- (selten über-) dosiert sei oder das Medikament durch ein anderes ersetzt werden sollte. Sie sind nämlich überzeugt davon, dass ihr „ADHS-Kind“ medizinisch krank ist und vordringlich medikamentös behandelt werden muss. Wenn das Verhalten ihres Kindes nicht wunschgemäß ist, kann es aus ihrer Sicht nur am Medikament und seiner Anwendung liegen. Deshalb fragen sie natürlich erst gar nicht, wie sie das Verhalten ihres Kindes vielleicht verstehen könnten, um dann für Abhilfe sorgen zu können.

Sie fragen nicht, ob das Verhalten ihres Kindes vielleicht etwas zu tun haben könnte mit ihrem Erziehungsstil, mit ihrem Familienklima, mit ihrer Ehekrise oder ihren wirtschaftlichen Problemen, mit ihrer Scheidung, mit ihren eigenen psychischen Störungen… Sie fragen einfach immer nur nach einem Medikament. Und ansonsten sind Sie vollkommen ratlos!

Und diese Einstellung wird von den anderen Forenteilnehmern, denen es genau so geht, dann ausgiebig gefördert. Niemand käme auf die Idee, nach solchen Familienfaktoren und wie sie sich subjektiv aus der Sicht eines Kindes darstellen, zu fragen. Alle ergehen sich in ziemlich leichtfertigen und pseudokompetenten medikamentösen Ratschlägen und verallgemeinern ihre eigenen völlig subjektiven sog. „ADHS“-Probleme. Bestenfalls schimpft man auf Lehrer oder Erzieherinnen. Aber vor der eigenen Haustür darf absolut nicht gekehrt werden.

Was man so schmerzlich vermisst ist der ernsthafte Versuch, die Sicht des Kindes ein- und ernst zu nehmen. Was bewegt den Sohn wirklich, die Mutter und die Lehrerin bei den Hausaufgaben zu unterlaufen? Was bewegt den Sohn wirklich, mit Wutanfällen und Weglaufen zu reagieren? Es ist einfach unzulässig und verantwortungslos, solche Einfühlungsversuche mit der Ausrede zu unterlassen, das Kind sei einfach nur krank und brauche bloß ein passendes Medikament. Die derzeitige „ADHS“-Szene macht sich schuldig an unseren Kindern, weil sie es unterstützt, dass sich Eltern gar nicht mehr in ihre Kinder einfühlen, sich selbst dabei nicht hinterfragen und in ihrem eigenen Verhalten die Sicht des Kindes nicht angemessen wirksam werden lassen.

KINDESMISSBRAUCH MIT MEDIKAMENTEN

Die WELT AM SONNTAG dieser Woche kann einen das Grausen lehren: Im Düsseldorfer Landtag stellte eine Forschergruppe um Heiner Fangerau, Professor für Medizin-Ethik an der Universität Düsseldorf, eine im Auftrag der Landesregierung erstellte Studie vor mit dem langen Titel „Missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen seit der Gründung des Landes bis in die 1980er Jahre.“ Während man sich früher bereits mit dem verbreiteten sexuellen Missbrauch bei Heimkindern befasst hatte, tritt der medikamentöse Missbrauch erst jetzt ans Tageslicht, auch dank der Hartnäckigkeit einiger Betroffener.

Jahrzehntelang wurden Heimkinder als Versuchskaninchen der Ärzte und Pharmafirmen missbraucht, um Sedativa und Neuroleptika auszuprobieren, ohne Einverständnis der Eltern, oft verbunden mit körperlicher Gewalt. Das auch aus dem gegenwärtigen Bonner Winterhoff-Prozess berüchtigte Neuroleptikum Dipiperon („das rote Säftchen“) wurde Kindern damals fünfmal täglich eingeflößt, wer sich weigerte, dem wurde es mit Gewalt in die Nase gegossen, mit anschließender Ohnmacht des Kindes. Erbrochenes mussten die Kinder aufessen, im Keller gab es eine Spritze in den Po, wann man nachts ins Bett gemacht hatte, etc. Weitere Foltermethoden lesen Sie bitte selbst im verlinkten Zeitungsbeitrag.

Als hätte es die bestialischen Menschenversuche und das staatliche Ermorden von psychisch Kranken und Behinderten („Euthanasie“) durch die Nazis nicht gegeben, behandelten Ärzte, Kinderschwestern und Pharmafirmen einvernehmlich Kinder als Versuchsobjekte. Dass die Kinder durch die Behandlung krank werden konnten, nahm man eiskalt in Kauf.

Und heute? Wir sehen Parallelen zum weit verbreiteten Einsatz von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen mittels der pharmakologischen Alibi-Diagnose ADHS. Wir haben Kinder kennengelernt, die sich psychisch gezwungen fühlen, Ritalin etc. zu nehmen. Auch hier werden Kinder als Objekt der Gewinnmaximierung der Pharmaindustrie behandelt, einvernehmlich mit Forschern, Ärzten, Erziehern, Lehrern und (diesmal auch) Eltern, mit der aberwitzigen Behauptung, den angeblich körperlich kranken Kindern helfen zu wollen. Ein verschwiegenes Kartell.

Helfen Sie in Ihrem Umfeld mit, liebe Gäste unseres Café Holunder, dieses Kartell zu brechen.

https://tinyurl.com/28er7j75

Wissenschaftler überrascht: ES GIBT KEINE BIOMARKER

Die biologistische Forschung kann es seit vielen Jahrzehnten nicht lassen, bei psychiatrisch-psychologischen Störungen vergeblich nach pathophysiologischen, spezifischen und ätiologischen Merkmalen (Biomarkern) zu suchen, die diese Störungen erklären sollen. Ein drastisches historisches Beispiel für diese Denke, der zufolge psychische Störungen Hirnfunktionsstörungen sein sollen, ist die Lobotomie, bei der den Patienten mittels in den Kopf gebohrter Löcher oder durch die Augenhöhlen eingeführter „Spachtel“ Hirnstrukturen mechanisch zerstört wurden. Kaum zu glauben: Egas Moniz, der Erfinder dieser Methode, der z.B. auch eine Kennedy-Tochter zum Opfer fiel und die in dem berühmten Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ angeprangert wurde, erhielt dafür den Medizin-Nobelpreis!

Aber in vielen hundert Studien mit tausenden Versuchspersonen hat man bisher für keine der über 200 bekannten psychiatrischen Störungen, darunter ADHS, solche Biomarker gefunden. Alle bisherigen Funde sind klinisch unbrauchbar und nur von theoretischem Interesse. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist eine Studie von Nils R. Winter u.a. aus 2024, die sich so zusammenfassen lässt:

„Die biologische Psychiatrie zielt darauf ab, psychische Störungen anhand veränderter neurobiologischer Bahnen zu verstehen. Für eine der am weitesten verbreiteten und behinderndsten psychischen Störungen, die Major Depression (MDD), wurden jedoch keine aussagekräftigen Biomarker identifiziert“ (1). Diese lapidare Feststellung lässt sich auch nahtlos für ADHS machen.

Prof. Dr. Stephan Schleim, Groningen, sagt dazu: „Übrigens hat auch diese neue Studie mit künstlicher Intelligenz gezeigt, was man seit Jahrzehnten immer wieder bestätigt hat: Den größten Einfluss auf Depressionen hat die Umwelt, hier ausgedrückt als soziale Unterstützung und erfahrene Kindesmisshandlung. Interessiert hat das keinen, denn man (will) ja echte „medizinisch-naturwissenschaftliche“ Forschung machen. Das Soziale verschwindet dann vom Radar, obwohl es viel wichtiger ist“ (2).

(1) https://jamanetwork.com/…/jamapsych…/fullarticle/2813979

(2) https://menschen-bilder.blog/…/depressionen-laesst…/…

LIEGEN WIR ALLE BEI ADHS SEIT LANGEM FALSCH?

Im New York Times Magazine erschien kürzlich ein aufsehenerregender Beitrag mit der Überschrift (deutsch von uns):

𝗟𝗜𝗘𝗚𝗘𝗡 𝗪𝗜𝗥 𝗔𝗟𝗟𝗘 𝗕𝗘𝗜 𝗔𝗗𝗛𝗦 𝗦𝗘𝗜𝗧 𝗟𝗔𝗡𝗚𝗘𝗠 𝗙𝗔𝗟𝗦𝗖𝗛?

Der sehr erfreuliche Artikel von Paul Tough, einem renommierten Wissenschaftsautor von Erziehungsthemen und kindlicher Entwicklung, fasst alles zusammen, was Café Holunder seit über 20 Jahren kritisch zum Konstrukt ADHS betont. So resümiert er, dass es kein eindeutiges geschlossenes Störungskonzept der ADHS gibt, keine klaren Belege ihrer genetischen Verursachung sowie keinen langfristigen Erfolg therapeutischer Interventionen, stattdessen aber überholte Diagnosekriterien und Behandlungskonzepte einschließlich der Medikation. Zusammenfassend stellt der Autor fest:

1. ADHS ist kaum zu definieren, jüngere Forschung hat dies noch schwieriger gemacht, nicht leichter.

2. Medikamente wie Adderall und Ritalin können sich positiv auf das Verhalten von Kindern auswirken, aber ohne einen Dauererfolg.

3. Die Medikation kann das Verhalten von Schülern verbessern, aber nicht ihren Lernerfolg.

4. Es gibt keine klare Unterscheidung zwischen Menschen mit oder ohne ADHS.

5. Eine Verbesserung der Umwelt eines Kindes verbessert seine Symptomatik.

Unser Fazit: ADHS ist ein unspezifisches Konstrukt ohne körperliche (genetische) Ursache. Eine klare Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne ADHS ist unmöglich, kein Wunder also, dass das Konstrukt derzeit dermaßen inflationiert. Die Medikation diszipliniert lediglich unerwünschtes Verhalten ohne „Heilungserfolg“. Psychotherapie (bei Kindern vor allem Familientherapie) und Psychoedukation können dauerhaft heilen.

Alles in allem für uns nichts Neues, aber es ist sehr zu begrüßen, dass eine große amerikanische Zeitung mit weltweiter Rezeption dies veröffentlicht. Ein Wendepunkt?

https://tinyurl.com/2xu8dfl8

HÖHERER BLÖDSINN AUF DEUTSCH

An dieser aktuellen Studie kann man sehr schön sehen, dass die ADHS-Forschung der letzten 30 Jahre nur banalen und unspezifischen Blödsinn herausgefunden hat. „Die Ätiologie und Pathophysiologie von ADHS sind noch nicht vollständig verstanden. Es gibt Hinweise auf eine genetische Grundlage für ADHS, aber wahrscheinlich sind viele Gene mit geringer individueller Wirkung beteiligt“, heißt es. Auf Deutsch: man weiß gar nichts.

„Neuropsychologische Tests haben eine Reihe gut dokumentierter Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne ADHS ergeben. Diese treten in zwei Hauptbereichen auf: Exekutivfunktion und Motivation, obwohl keiner von beiden spezifisch für ADHS ist.“  Auf Deutsch: Unkonzentrierte Kinder machen mehr Fehler in Konzentrationstests (sic!), aber ob sie ADHS haben, weiß man gar nicht.

„Unter den motivationalen Unterschieden deuten viele Hinweise darauf hin, dass eine veränderte Reaktion auf Belohnung eine zentrale Rolle bei den Symptomen von ADHS spielen könnte.“ Auf Deutsch: Bei Dingen, die Spaß machen, ist der Mensch konzentrierter.

Wie Elton zu sagen pflegt: Langweilig!

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19627998/

RAUCHEN IST TÖDLICH

Stellen Sie sich vor, Sie stellen eine Gruppe aus Alkoholikern, Rauchern, Süchtigen, Depressiven, Schilddrüsenkranken, Angstkranken etc. zusammen und messen mittels Fragebogen, dass sie auch besonders unruhig, impulsiv oder unkonzentriert sind. Dann berechnen Sie noch deren Lebenserwartung und stellen fest, dass sie kürzer leben als eine Gruppe, in der weniger Raucher, Schilddrüsenkranke, Alkoholiker etc. sind und die deshalb auch nicht so unruhig, impulsiv oder unkonzentriert sind. 

Das wussten Sie nun aber schon lange, es steht ja zum Beispiel auf jeder Zigarettenschachtel, dass Rauchen tödlich sein kann. Nun aber schließen einige Forscher daraus, dass ADHS das Leben verkürze. Und die Medien springen ohne nachzudenken sofort wieder drauf, denn es klingt ja besorgniserregend.

Dass Menschen, die an vielerlei Störungen oder Krankheiten leiden, besonders unruhig oder unkonzentriert sind, ist lange bekannt. Dass sie aber alle zusätzlich ADHS haben sollen, nicht.

https://tinyurl.com/27o6yyto

NICHTMEDIKAMENTÖSE THERAPIE

Angesichts der Tatsache, dass es keine ADHS-spezifische Symptomatik gibt, sondern Menschen aus vielen unterschiedlichen Gründen psychisch und körperlich unruhig, impulsiv und unaufmerksam sein können, verwundert es nicht, wenn es keine allgemeine nichtmedikamentöse Therapie für ADHS gibt. Ohne sehr sorgfältige Ausschlussdiagnostik, die die jeweilige Ursache der Symptomatik im Einzelfall findet, kann es keine spezifische und effektive Therapie geben. Während Psychopharmaka die Symptomatik nur für die Dauer ihrer Einnahme unterdrücken, sollte eine spezifische nichtmedikamentöse Therapie wirklich kausal heilen.

In der Neurowissenschaft bezeichnet man geistige Prozesse, die Verhalten, Denken, Emotionen, Aufmerksamkeit und  Gefühle gezielt, willentlich und angepasst steuern, als Exekutivfunktionen.  Eine ADHS-Theorie geht von einer Störung der Exekutivfunktionen aus und will mit einem Training dieser Funktionen, vorwiegend des Arbeitsgedächtnisses, behandeln. Neurofeedback, Verhaltenstherapie und kognitives Training sind gängige Methoden, von denen bisher aber keine überzeugenden nichtmedikamentösen Effekte berichtet werden konnten. Ritalin bügelt sozusagen alles nieder.

Das ist, wie gesagt, kein Wunder, weil diese Ansätze eben viel zu unspezifisch ansetzen. Wenn man Fieber vergleichsweise nur symptomatisch behandeln würde, ohne dessen vielfältige Ursachen zu berücksichtigen, könnte es lebensgefährlich enden.

Die Psychoanalyse kennt Exekutivfunktionen als Teil des „Ich“. Auch Störungen der Ichfunktionen können vielerlei Ursachen haben, u. a. auch Störungen des Zusammenwirkens von „Es“, „Ich“ und „Überich“. Unbewusste intrapsychische Dauerkonflikte als Niederschläge traumatisierender Lebenserfahrungen sind häufige Ursachen von Störungen des Ich bzw. der Exekutivfunktionen. Empirische tiefenpsychologische Studien hierzu fehlen aber noch. Die biologistische ADHS-Rezeption blendet psychische Konflikte als Ursache der Symptomatik aus.

PARADIGMENWECHSEL BEI ADHS

ADHS IST EIN PSYCHOSOZIALES KONSTRUKT

Wir können es nicht oft genug wiederholen: Trotz gegenteiliger Behauptungen ist nicht belegt, dass ADHS eine körperlich begründbare Krankheit ist, es existiert kein spezifischer, objektivierbarer Biomarker. Sonst könnte man ja die Diagnose darauf stützen. Die Verhaltenssymptomatik ist obendrein unspezifisch, in Anlehnung an eine Sammlung von Spitzok v. Briginski haben wir ca. 70 unterschiedliche Störungen oder Besonderheiten gefunden, die eine vergleichbare Symptomatik zeigen (1).

Was aber sehr gut belegt ist (und verschwiegen wird), sind psychosoziale Bedingungen, die ADHS-Verhalten verursachen. „Kontextuelle Faktoren wie z.B. Armut, elterliche Psychopathologie, Trauma, Bildschirmzeit, frühe Deprivation  und die Tatsache, der Jüngste in der Klasse zu sein, erhalten wesentlich weniger Aufmerksamkeit“ als die Hyperfokussierung auf Genetik und Gehirn. Der niederländische Forscher Tycho Dekkers, von dem diese Feststellung stammt, nennt den gegenwärtigen Biologismus bei ADHS Dekontextualisierung, das Herausreißen eines Verhaltens aus seinem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang (2).

Es existiert eine sehr gute wissenschaftliche Untersuchung über die umweltabhängige Entstehung von ADHS, also der Symptome Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung. Sie stammt von EA Carlson. Man hat Kleinkinder zu einem Zeitpunkt, als sie noch unauffällig waren, 14 Jahre lang alle 6 Monate gründlich körperlich und psychologisch untersucht. Dieses aufwendige methodische Vorgehen ist deshalb so kostbar, weil nur rein prospektive Studien dieser Art wirkliche Aussagen über Ursachen und Folgen zulassen. Die Forscher fanden heraus, dass vor allem Familienkriterien eine Voraussage zulassen, ob Kinder ADHS entwickeln werden oder nicht. „In der frühen Kindheit ließ die elterliche Zuwendung sehr viel deutlichere Voraussagen auf frühe Ablenkbarkeit (einem Vorläufer späterer Hyperaktivität) zu als frühe biologische oder (eher genetisch bedingte) Temperamentsfaktoren. Elterliche Zuwendung und familiäre Kontextfaktoren (wie eheliche Geburt, Ausmaß der emotionalen Zuwendung plus frühe Ablenkbarkeit) ließen eine zuverlässige Vorhersage auf Hyperaktivität in der mittleren Kindheit zu“ (3).

Auch Tobias Banaschewski, stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, der schon vor Jahren betont hat, dass ADHS kein spezifisches Störungsbild im Vergleich zu anderen ist, stellt dieser Tage fest, dass ADHS ein psychosoziales Konstrukt ist und keine eigene medizinische Entität. Er plädiert für einen transformativen Paradigmenwechsel im Bereich der ADHS (4). Dekkers stimmt ihm zu und betont drei Nachteile des bisherigen engen Biologismus: Stigmatisierung durch die Diagnose ADHS, übermäßige Abhängigkeit von der Medikation sowie Einengung der Lebens- und Hilfsqualität für Betroffene, wenn psychosoziale Ursachen ignoriert bleiben.  

Zu einer Kontextualisierung im Sinne von Dekkers würde die grundsätzliche Bereitschaft gehören, ADHS als psychogene Verhaltensstörung zu erkennen, die systemisch und familientherapeutisch bei Kindern und systemisch-psychotherapeutisch bei Erwachsenen behandelt werden sollte. Bisherige Studien, die nur der Verhaltenstherapie einen begrenzten Nutzen zubilligen, kranken daran, dass das biologistische Narrativ inzwischen so tief in den Köpfen der Diagnostiker und Behandler verwurzelt ist, dass bei den meisten Betroffenen die praktisch sofort wirkende Medikation und die Vorstellung einer damit behandelbaren Hirnfunktionsstörung  ausschlaggebend ist.

Die medizinische Diagnose entlastet. Eltern wurden bisher aus der Verantwortung für ihre Erziehungs- und Familienproblematik genommen, Erwachsene für ihre psychosoziale Lebensgeschichte, indem ihnen (meist zu ihrer Erleichterung) eingeredet wurde, ADHS sei erfahrungs- und erziehungsunabhängig, weil vererbt und genetisch bedingt. Dafür kann man ja nichts. Und Psychotherapie oder Familientherapie wirken nicht sofort und können psychisch schmerzhaft sein. Dafür können sie aber nachhaltig heilen, während Ritalin nur so lange wirkt, wie man es nimmt.

Das größte Problem bei einem solchen kontextuellen Paradigmenwechsel wird aber die mächtige Pharmalobby sein, deren Umsätze schwinden würden. Dabei hat sich jetzt schon gezeigt, dass viele Betroffene die Psychopharmaka länger einnehmen, als sie müssten. Weil ADHS als lebenslängliche Störung gilt, wagt man keinen Auslassversuch.

(1) Was ADHS wirklich ist: https://adhskritik.com/2019/09/09/was-adhs-in-wahrheit-ist/
(2) Dekkers zu Banaschewski: https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2024.1383492/full
(3) Wie ADHS entsteht: https://adhskritik.com/2020/06/23 /wie-adhs-entsteht/
(4) ADHS bei Kindern und Jugendlichen als soziales Konstrukt angesichts der steigenden Diagnoseprävalenz und Medikamenteneinnahme https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38250274/

DAS MÄRCHEN VON DER ADHS-FRAU

Vor sog. Experten für ADHS kann man nur warnen. Was wir hier kürzlich über Alexandra Philipsen geschrieben haben, lässt sich auch bei Astrid Neuy-Lobkowicz wiederholen. Als Fachärztin für ADHS hat sie so viele Patienten, dass man ihr online-Anmeldeformular nur jeden 15. eines Monats für eineinhalb Stunden öffnen kann.

In der kostenlosen dm-Werbezeitung Alverde verkündet sie im Oktoberheft 2024 z.B., dass ADHS vererbt sei, was die Zwillingsforschung bewiesen habe. Dabei weiß man längst, dass die Ergebnisse der Zwillingsforschung dies keineswegs beweisen, denn sie können ebenso gut durch psychosoziale Erfahrungen erklärt geben, abgesehen davon, dass man noch gar keine ADHS-spezifische Genetik gefunden hat.

Dann wird unverdrossen die alte Dopamin-Mär wiederholt, der zufolge es einen erblich bedingten zu schnellen Dopaminabbau im Gehirn gebe. Wo wurde dies jemals wissenschaftlich unwidersprochen belegt?

Anschließend werden Genderklischees über Frauen mit ADHS verbreitet, die, falls sie überhaupt stimmen, in ihrer Spezifität für ADHS nirgends belegt sind. Und abschließend wird auch noch betont, dass Neuy-Lobkowicz Vorstandsmitglied im ADHS-Deutschland e.V. ist.

ADHS UND SUCHT

„ADHS-Medikamente verringern Suchterkrankungen“, „ADHS und Sucht treten gemeinsam auf“, „ADHS erhöht das Suchtrisiko“, so oder ähnlich verbreiten es seit Jahren das Ärzteblatt und viele anderen Medien. Was ist davon zu halten?

Um die Antwort gleich zu verraten: Diese Behauptungen sind durch die Bank viel zu simpel und deshalb wissenschaftlich falsch. „Sucht“ ist ein komplexes Phänomen, sowohl ätiologisch als auch psychosozial und kulturell. Und „ADHS“ als eigene medizinische Krankheit gibt es gar nicht, dafür gibt es weder Biomarker noch spezifische Symptome.

Dass ADHS und Sucht gemeinsam auftreten sollen, ist das klassische ADHS-Epiphänomen: Sucht macht einfach dieselben Symptome wie die angebliche Krankheit ADHS. Es handelt sich also nur um Sucht, nicht auch um ADHS.

Dass ADHS das Suchtrisiko erhöhen soll, setzt eine nicht belegte Kausalität voraus, als ob eine angeborene ADHS eine Sucht auslöse. Das ist nirgends belegt.

Dass ADHS-Medikamente wie das verrufene Ritalin ein Suchtrisiko verringern können, ist zwar belegt, aber kein Beleg für die Diagnose ADHS, denn sie wirken auch bei Menschen ohne ADHS. Ritalin ist eine als Medizin legalisierte Droge. Seine Alternativen können selber methylphenidat-süchtig machen. ADHS-Symptome können auch durch Alkohol oder Nikotin gemildert werden. Vielerlei andere Drogen oder Medikamente können Konzentrationsprobleme und Unruhe verringern. Mit ADHS hat das aber nichts zu tun. Es gäbe gar keine Drogen, wenn die Menschen nicht schon immer nach Hilfsmitteln gesucht hätten, sich psychisch den Alltag zu erleichtern.