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DIE ERFORSCHUNG DES EXPOSOMS

Die Helix-Studie.    

Unter dem Exposom versteht man die Gesamtheit aller nicht-genetischen, endogenen wie exogenen Umwelteinflüsse, denen ein Individuum lebenslang ausgesetzt ist. Die bisherige ADHS-Forschung krankt bekanntlich unter der chronischen Ausblendung solcher Einflüsse.

Die HELIX-Studie von Lea Maitre und vielen weiteren europäischen Forschern stellt deshalb ein sehr wichtiges, europaweites Projekt dar, um diese Grauzone zu erhellen. Diese Studie läuft mit sechs longitudinalen populationsbasierten Geburtskohortenstudien in den Ländern Frankreich, Griechenland, Litauen, Norwegen, Spanien und Großbritannien. HELIX verwendet ein mehrstufiges Studiendesign mit der gesamten Studienpopulation von 31 472 Mutter-Kind-Paaren, die während der Schwangerschaft rekrutiert wurden (erste Stufe); eine Untergruppe von 1301 Mutter-Kind-Paaren, in denen Biomarker, Omics-Signaturen und Kindergesundheitsergebnisse im Alter von 6-11 Jahren gemessen werden(zweite Stufe) und Panel-Wiederholungsstudien mit etwa 150 Kindern und 150 Schwangeren zur Erfassung persönlicher Expositionsdaten (dritte Stufe). „Omics“ bezieht sich dabei auf ein Studiengebiet der Biologie, das sich auf alles bezieht, was mit -omics endet, wie Genomics, Proteomics oder Metabolomics. Es ist die Suche nach biologischen Markern.

Die Kohorten-Daten umfassen städtische Umwelt, gefährliche Substanzen und lebensstilbezogene Expositionen für Frauen während der Schwangerschaft und deren Nachkommen von der Geburt bis zum Alter von 6-11 Jahren. Gemeinsame, standardisierte Protokolle werden verwendet, um biologische Proben zu sammeln, Biomarker und Omics- Signaturen zu messen und Kindergesundheit zu beurteilen.

Die Basisdaten der Kohorte zeigen erhebliche Unterschiede hinsichtlich der gesundheitlichen Ergebnisse und der Determinanten zwischen den sechs Ländern, z. B. in Bezug auf Familienzuwachs, Tabakkonsum, körperliche Aktivität, Ernährungsgewohnheiten und Prävalenz von Fettleibigkeit bei Kindern, Asthma, Allergien und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

Die HELIX-Studie wird über das frühe Lebensexposom und seine Assoziation mit molekularen Omics-Signaturen und kindlichen Gesundheitsergebnissen informieren.

Wir sind sehr gespannt und werden darüber berichten.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=Maitre+L+helix

ADHS UND DER BARTWUCHS BEI NACKTSCHNECKEN

Das Institut für Sinnfreie Forschung in Darmstadt (IFS) hat den Bartwuchs bei Nacktschnecken erforscht und schreibt in einer Kurzfassung der Ergebnisse: „Bei 1123 untersuchten Exemplaren in ganz Europa (England, Schottland, Sibirien, Italien, Frankreich, Ungarn, Deutschland) wurde bei keiner der Nacktschnecken Bartwuchs bzw. eine ähnliche Ausbildung von Hornpartikeln gefunden. Wir neigen zu dem Postulat, dass Nacktschnecken (entgegen unseren Erwartungen) gar keinen Bartwuchs haben. Die praktischen, theoretischen und genetischen Erkenntnisse dieser Arbeit werden zur Zeit gegen den Widerstand einiger großen Firmen der Rasiererindustrie ausgewertet und zur praktischen Anwendung vorbereitet. Die ausführliche Arbeit (560 Seiten) kann bei Bedarf angefordert werden.“

Ähnlich sinnfreie Studien empfiehlt auch immer wieder der sog. ADHS-Selbsthilfeverein ADHS-Deutschland (mit unerwähnten Pharma-Interessenkonflikten im Vorstand). So bittet er dieser Tage um das Ausfüllen eines Fragebogens mit Fragen wie „Wenn Sie geboren sind, wann?“, oder: „Wie alt sind Sie: Ja – Nein“. Dass solche Online-Datenerhebungen ohnedies methodisch völlig unzureichend sind, bleibt unbeachtet. Wer interessiert sich auch schon für das Ergebnis? Hauptsache, die Autorin bekommt Ihren Master.

Fast 90 % der Studien zu ADHS landen sowieso in der Mülltonne des Vergessens, schätzen wir. Sie sollen eh nur die Liste der Veröffentlichungen oder den Pharma-Geldbeutel ihrer Autoren füllen. Dieses gnädige Schicksal wird auch die Studie deutscher Forscher um N. Wolff ereilen, die aktuell den fundamentalen Zusammenhang zwischen dem Gummibärchenkonsum von Kindern und ADHS ausleuchten. Sie finden zwar keine Erklärung, vermuten aber, dass ADHS einen erhöhten Energiebedarf bedingen könnte oder das Belohnungssystem des Gehirns nach Gummibärchen schreit. Die neue DKA-Studie zum Zusammenhang von Bildungsniveau und Krankheit liefert allerdings eine bessere Erklärung: Ein schlechteres Bildungsniveau und ein niedriger sozioökonomischer Status der Eltern erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Diagnose um 44 %. Schlechte Ernährung und höherer Zuckerkonsum gehen damit einher. Darauf konnten die Forscher natürlich nicht so schnell kommen.

http://www.ifs-darmstadt.de/ https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/97465/Kinder-mit-niedrigem-soziooekonomischen-Hintergrund-sind-haeufiger-krank https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30132726

ADHS UND DIE GENE: EINE IRRFAHRT

In der ZEIT liest man dieser Tage Verwunderliches über die Macht unserer Gene: Der US- Psychologe Plomin hat tausende eineiige und zweieiige Zwillinge miteinander verglichen und fand, dass unsere Intelligenz zu 60 Prozent genetisch festgelegt sei. Dabei handelt es sich allerdings um eine traditionelle Studie zur Verhaltensgenetik, bei der gar keine Gene, sondern nur menschliches Verhalten gemessen wird. Die Verhaltensgenetik sah sich in der Vergangenheit denn auch starker Methodenkritik ausgesetzt, weshalb die Plomin-Studie eher in den Bereich wissenschaftlichen Aberglaubens fällt. Beim Vergleich eineiiger mit zweieiigen Zwillingen wird z. B. von der falschen Annahme gleicher Umwelten ausgegangen (EEA= Equal Environment Assumption). Gruppenunterschiede sollen dann ganz einfach auf die unterschiedlichen Gene zurückgehen.

Dabei wird aber ausgeblendet, dass sich die psychologische Umwelt bei eineiigen Zwillingen von derjenigen von zweieiigen Zwillingen deutlich unterscheidet. Die psychosoziale Umwelt reagiert auf eineiige Zwillinge anders als auf Mehrlinge oder Geschwister. Die Bindungsforschung konnte z.B. zeigen, dass Geschwisterkinder zu 50 bis 65% denselben Bindungstyp an die Mutter aufweisen, Zwillinge aber nur zu 30 bis 50 %. Zwillinge zeigten sich häufiger ganz unterschiedlich an die Mutter gebunden, als Geschwisterkinder. Fazit: Studien, die die EEA bei Zwillingen unterstellen, sind daher wissenschaftlich leider ziemlich wertlos.

So hat der amerikanische Forscher Jay Joseph 2011 die Fortschritte der Verhaltensgenetik der letzten 20 Jahre insgesamt, also inklusive ADHS, kritisch analysiert und kommt zu einem sehr ernüchternden Ergebnis: Trotz erheblicher Methodenkritik an der Verhaltensgenetik mit all ihren Vergleichen von gemeinsam oder getrennt aufgewachsenen Zwillingen, eineiigen und zweieiigen Zwillingen, Adoptiv- und Geschwisterkindern behaupten immer noch Wissenschaftler, dass z. B. ADHS bis zu 90% vererbt sei, obwohl Familien- und Zwillingsstudien in Wahrheit überhaupt keine Aussage über Genetik versus Umwelt zulassen. All die auftretenden Unterschiede lassen sich auch vollständig durch nicht-genetische Einflüsse erklären. Joseph resümiert: „Wir können nicht erwarten, dass die führenden Verhaltensgenetiker eingestehen, dass die Grundannahmen ihres Forschungsgebiets falsch sind, dass ihre hochgelobten Forschungsmethoden massiv fehlerhaft und durch Umwelteinflüsse konfundiert sind, und dass familiäre, soziale, kulturelle, ökonomische und politische Einflüsse es sind, – und nicht genetische-, die psychiatrische Störungen und die Variation menschlichen Verhaltens hauptsächlich begründen.“ (Joseph 2011).

Nun aber zur Molekulargenetik, bei der man nicht vom Verhalten ausgeht, sondern gezielt nach beteiligten Genen sucht. Von ihr erhoffte man sich eine Überwindung der Methodenschwäche der Verhaltensgenetik. Bobb u.a. haben 2004 alle über 100 Forschungsstudien zur molekularen Genetik der ADHS der Jahre 1991-2004 kritisch gesichtet, darunter 3 genomweite Assoziationsstudien mit 94 Polymorphismen und 33 Kandidatengenen. Sie finden, dass ADHS eine sehr „komplexe“ Störung mit vielfältiger, aber jeweils schwacher genetischer Beteiligung sei, und fassen dann zusammen, dass es nur für 4 Gene einigermaßen gesicherte, aber nur bescheidene und auch nur statistische Zusammenhänge gibt. 36 % aller Studien konnten Zusammenhänge finden, 47 % aber nicht, die restlichen 17 % zeigten nur ‚Trends“, wobei man diese 17 % statistisch nicht gesicherten Studien durchaus zu den erfolglosen 47 % addieren darf. Damit sind also 64 % aller

Genstudien zu ADHS in 13 Forschungsjahren ergebnislos geblieben. Aber auch bei den „positiven“ Ergebnissen besteht nach wie vor das Problem einer nur sehr bescheidenen Beteiligung dieser Gene an ADHS-Verhalten, betonen die Autoren. Die Befunde decken meist nur ca. 5% des Verhaltens ab, 95% bleiben also unklar. Die Kausalität ist dabei ohnedies immer unklar, ein statistischer Zusammenhang zweier Merkmale besagt ja nicht viel mehr, als dass der Storch die Kinder bringt, weil die Geburtenzahl zeitgleich mit der Rückkehr der Störche aus dem Süden steigt.

In einer ganz aktuellen Metaanalyse von sogar über 300 molekulargenetischen Studien zu ADHS stellen Li u. a. 2014 abschließend fest: „…current findings from genetic studies of ADHD are still inconsistent and inconclusive…“ Übersetzt: Der gegenwärtige Forschungsstand genetischer Studien zu ADHS ist immer noch uneinheitlich und ergebnislos, aber die Zukunft (und damit weitere Forschungsgelder) werde alles klären. Deutlicher kann man nicht klarstellen, wie es mit Behauptungen aussieht, ADHS sei eindeutig genetisch bedingt!

Plomin, der international bekannte Verhaltensgenetiker, konnte 2011 keinen einzigen replizierten, also in Nachfolgestudien bestätigten, Genfund anführen. Statt nun aber den Schluss aus diesem jahrzehntelangen Forschungsdesaster zu ziehen und festzustellen, dass es gar keine Gene gibt, die komplexes menschliches Verhalten kausal festmachen (Gene machen kein Verhalten, sie kodieren nur Proteine), proklamieren Forscher in Analogie zur schwarzen Materie im Weltall die sog. „unentdeckte Erblichkeit“ (missing heritability), um die krasse Differenz zwischen quantitativen und molekulargenetischen Befunden zu erklären. Es müsse diese Erblichkeit auch molekulargenetisch ganz einfach geben, man habe sie bisher nur noch nicht entdeckt.

Was aber ausschlaggebend ist: Die neueren Erkenntnisse der Epigenetik lassen die gesamte Genetik zu einem Teilbereich des Hirnstoffwechsels werden und differenzieren die bisherigen Kenntnisse. Es ist Tatsache, dass die Umsetzung von genetischen Informationen unter dem Einfluss der Umwelt geschieht. „Es gibt einen zweiten Eingabepfad, und an dem sitzt nicht die DNA, sondern die Umwelt an der Tastatur“ (Kegel 2009, 181). Der damit einhergehende Fortschritt besteht zunächst darin, dass nicht mehr behauptet werden kann, es ginge bei der Genetik um die Vermittlung vorgegebener Codierungen – die klassische Vorstellung von „Erblichkeit“. Ein Gen kann noch so viel Pathologie enthalten: nur wenn es aktiviert wird, kommen diese Gene zur Wirkung. Damit gewinnen aktivierende oder abschaltende Einflüsse –sprich: Umweltfaktoren- entscheidende Bedeutung. Aber die Erkenntnisse der Epigenetik sind weit davon entfernt, eine neue Phase zur Entschlüsselung des Genoms einzuleiten. Im Gegenteil: sie machen deutlich, dass die Genetik mit ihren unendlich vielfältigen wechselseitigen Wirkfaktoren den Gesetzen der Komplexität unterliegt und das Geschehen daher nicht durch die Eigenschaften einzelner Elemente, sondern durch deren Bedeutung im jeweiligen Kontext bestimmt wird. Offenbar orientiert sich daran auch die Rolle der Gene. Dann erscheint es weniger erstaunlich, dass der Mensch mit so wenig Genen auskommt und andere Faktoren offenbar von größerer Bedeutung sind. Angesichts dieses Erkenntnisstands ist es eher erstaunlich, dass in der Fachliteratur über die Verursachung psychopathologischer Krankheits-„Bilder“ wie „ADHS“ häufig noch die klassische Vorstellung von „Erblichkeit“ vertreten wird, sobald familiäre Häufung und möglicherweise noch molekulargenetische Auffälligkeiten zu beobachten sind. Offenbar fällt es schwer, sich auf die Verunsicherung durch nichtlineare Systeme einzulassen. Diese Angst scheint so schwer zu wiegen, dass sie wissenschaftliche Befunde ausblenden lässt. Dies gilt nicht zufällig auch für die Thematik der Nichtlinearität in der Neurobiologie.

Li, Z. u. a.: (2014): Molecular genetic studies of ADHD and its candidate genes. A review. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24863865
Joseph, J. (2011): The crumbling pillars of behavioral genetics. http://www.criticalpsychiatry.net/?p=624
Von Lüpke, H.: Epigenetik. In: Evertz, K., Janus, L., Linder, L. (Hg.): Lehrbuch der Pränatalen Psychologie. Mattes Verlag Heidelberg (2014), S.104-110.
Bobb, AF (2004): Molecular genetic studies of ADHD: 1991 to 2004. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15700344
Die ZEIT http://www.zeit.de/…/23/intelligenz-vererbung-iq-robert-plo…

WARUM ES ADHS NICHT GIBT

Damit es gleich klar ist: Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen gibt es selbstverständlich. Aber dass diese angebliche symptomatische Dreieinigkeit wirklich eine spezifische medizinische Krankheit bildet, ist nicht glaubwürdig, es handelt sich vielmehr um eine ausgedachte, „fabrizierte Krankheit“ (L. Eisenberg, J. Kagan, Armstrong, Batstra, etc.).

Fieber ist ein ebenso unspezifisches Symptom wie die Kernsymptome von ADHS. Stellen Sie sich vor, jemand würde Fieber als eigenständige spezifische Krankheit behaupten, bei der man dann gar nicht mehr nachsehen müsste, welche wirkliche Krankheit kausal dahinter steht: Dann erahnen Sie, was bei der Diagnose ADHS meistens passiert: kaum jemand interessiert sich dafür, wofür die Symptome stehen, sie sind ja angeblich selber die Krankheit, bei der man mit dem Denken aufhören darf.

Dabei gibt es eine Menge von Krankheiten bzw. Störungen, die dieselben Symptome wie ADHS machen können und eigentlich ausgeschlossen werden müssen, damit ADHS diagnostiziert werden dürfte, z.B.:

Über- beziehungsweise Unterforderung bei Minderbegabung und Hochbegabung;
Nebenwirkungen bestimmter Medikamente (zum Beispiel Antikonvulsiva);
Fehlfunktionen der Schilddrüse;
Seh- und Hörstörungen;
Psychiatrische Krankheitsbilder wie Angststörungen, Zwangsstörungen, Tic-Störungen, Depressionen, Psychosen, Borderline-Störungen;
Entwicklungsstörungen wie Autismus, Lese- und Rechenstörungen;
Schlafapnoe;
Schädigung durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft (Fetales Alkoholsyndrom);
Medikamentöse Schädigungen in der Schwangerschaft, z. B. Paracetamol;
Stress und Trauma in der Schwangerschaft.

Eine detaillierte Aufstellung stammt vom Viersener Psychiater Spitzok von Brisinski:

Autistische Störungen – Hospitalismus – Bindungsstörung – Reaktionen auf schwere Belastungen – Anpassungsstörungen – Schlafstörungen – stereotype Bewegungsstörung – Störungen des Sozialverhaltens – auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens – Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen – Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen – Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten – Angststörungen – Depression – Ticstörungen – Substanzabusus (Alkohol, Drogen, Koffein, Medikamente) – hebephrene Schizophrenie – Manie – emotional instabile Persönlichkeitsstörung – Borderline-Persönlichkeitsstörung – Anorexia nervosa Leserechtschreibstörung/Legasthenie – Rechenstörung – Zentrale Hörstörung/auditive Wahrnehmungsstörung – Störung der visuellen Wahrnehmung – kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten – Hochbegabung – Lernbehinderung – Geistige Behinderung – Frühkindliche Hirnschädigungen – Leichte kognitive Störung vor, während oder nach einer Vielzahl zerebraler und systemischer Infektionen und körperlicher Erkrankungen (einschließlich HIV) – Chorea minor (Sydenham) – Enzephalitis (akut oder subakut, z. B. subakute sklerosierende Panenzephalitis) -Enzephalomyelitis disseminata (Multiple Sklerose ) – Organische Persönlichkeitsstörung nach lokaler Hirnschädigung – Postenzephalitisches Syndrom – Organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma – Sehstörungen – Hörstörungen – Allergien (z. B. Neurodermitis) – Epilepsie (Absencen, komplex-partielle Anfälle) – Hyperthyreose – andere Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Phenylketonurie, usw.) – Chromosomale Störungen wie z.B. Fragiles X-Syndrom, Klinefelter-Syndrom, usw.) – neurotoxische Substanzen, z. B. Bleiintoxikation Zink-, Eisen-, Magnesium- oder Vitaminmangel – Medikamentöse Nebenwirkungen (z. B. Phenobarbital, Carbamazepin, Fluoxetin, andere antriebssteigernde Antidepressiva) – Ehekonflikt der Eltern – Krankheitsfall in der Familie – Alkoholproblem oder andere psychische Störung eines oder beider Elternteile – Misshandlung – sexueller Missbrauch – Beziehungsprobleme zu Erziehern/Lehrern und/oder Gleichaltrigen (entlehnt von Spitczok von Brisinski 2002).

Wie gesagt, all dies kann dieselbe Symptomatik wie „ADHS“ machen. Und da es für „ADHS“ ansonsten keinerlei biologisch-medizinischen Marker gibt, mit dessen Hilfe man ADHS von all dem unterscheiden könnte, bleibt nur die Ausschlussdiagnose.

Wir haben in vielen Jahren noch nie einen Fall von angeblicher ADHS gesehen, bei dem all dies ausgeschlossen wurde. Meist wurde fast alles, vor allem psychosoziale Ursachen übersehen. Oder die Symptomatik hatte gar keinen Krankheitswert, sondern war Ausdruck des natürlichen Temperaments. Daraus schließen wir:

ADHS gibt es gar nicht. Es ist immer etwas Anderes.

ADHS – VORBEUGUNG: DAS BABY BEIM PSYCHOANALYTIKER

Watch, Wait and Wonder

Die klinische Beschäftigung mit Kleinkindern in ihren ersten Lebensjahren hat in den letzten Jahrzehnten Fortschritte erlebt. Leider können aktuelle Bestrebungen, schon Kleinkindern Psychopharmaka zu geben, nicht zu diesen Fortschritten gerechnet werden. Mutter-Kind-Beziehungsstörungen interessieren biologistische Forscher, Ärzte, Eltern und –nicht zu vergessen: BigPharma- nicht.

Sprechstunden und Therapien für Säuglinge mit «frühen Regulationsstörungen» entstanden aber inzwischen an vielen Orten. Unstillbares Schreien, Schlaf-Rhythmusstörungen und Essstörungen sind die häufigsten Symptome, derentwegen Eltern ihre Säuglinge in solche Sprechstunden bringen. Auf diesem Gebiet besteht ein großer Bedarf, denn solche frühen funktionellen Störungen wurden in der Kinderheilkunde lange zu wenig beachtet und mit verharmlosenden diagnostischen Kategorien, wie beispielsweise «Drei-Monats-Koliken», abgetan.

Erst Arbeiten wie von Papousek haben im deutschen Sprachraum auf die Bedeutung dieser Symptome für die Kindesentwicklung hingewiesen. Unter Kindern mit der Diagnose „AD(H)S“ finden sich überzufällig häufig solche frühkindlichen Störungen, so dass deren frühzeitige Behandlung eine sehr gute Prävention gegen vieles von dem sein dürfte, was heute in den diagnostischen Sammeltopf „AD(H)S“ fällt.

Eine dieser Therapien, die bereits auf eine längere Entwicklung und empirische Prüfung bauen kann, ist die „Watch, Wait and Wonder (Zuschauen, Warten und sich Überraschen lassen)“ genannte Methode von N.J. Cohen, E. Muir und M. Lojkasek. Es handelt sich um ein psychoanalytisch, vor allem bindungstheoretisch begründetes, kindzentriertes Psychotherapieprogramm zur Behandlung gestörter Mutter-Kind-Beziehungen (bzw. Vater-Kind-Beziehungen). Man kann damit bei Säuglingen ab 4 Monaten beginnen.

Die Therapie findet auf einer blauen Matte statt, auf der eine kleine Auswahl altersgerechtes Spielzeug bereitliegt. Die Mutter (oder der Vater) erhält eine allgemeine Anleitung zum Spielen mit dem Baby, wobei sie (er) folgende Regeln einhalten muss:
— sich auf den Boden niederlassen;
— sich vom Kind leiten lassen;
— selbst keinerlei Aktivitäten initiieren;
— in jedem Fall reagieren, wenn das Kind Initiative ergreift, aber die Aktivität unter keinen Umständen  selbst übernehmen;
— das Kind frei erkunden lassen: Das Kind kann alles tun, was es möchte, solange es nicht gefährlich ist;
—«Watch, Wait and Wonder» (Zuschauen, Zuwarten und Staunen) im Hinterkopf haben.

Die eine Hälfte der Sitzung wird dafür verwendet, dass die Mutter ungefähr 20 bis 30 Minuten lang an diesen Aktivitäten teilnimmt. Die Psychotherapeutin schaut Mutter und Baby interessiert zu, ohne einzugreifen oder irgendwie zu lenken. Genauso wenig, wie die Mutter das Baby lenken soll, lenkt die Psychotherapeutin beide. Die Initiative geht ganz allein vom Baby aus. Anschließend besprechen Mutter (Vater) und Psychotherapeutin ihre Erfahrungen und Eindrücke. Im Durchschnitt 14 solche Sitzungen im Zeitraum von ca. 5 Monaten dauert eine solche Therapie, und schon in der ersten oder zweiten Sitzung ergeben sich oft erstaunlich rasche Fortschritte und erhellende Einsichten in die Eltern-Kind-Beziehung.

Literatur:
Benoit, D., Zeanah, C.H., Boucher, C. & Minde, K.K. (1992): Sleep disorders in early childhood: Association with insecure maternal attachment. In: Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 31, 86-93.
Bowlby, J. (1988): A secure base: parent-child attachment and healthy human development. Basic Books, New York.
Cohen, N.J. et al. (im Druck): Six month follow-up of two mother-infant psychotherapies: Convergence of therapeutic outcomes. In: Infant Mental Health Journal.
Cramer, B., er al. (1990): Outcome evaluation in brief mother-infant psychotherapy: A preliminary report. In: Infant Menral Health Journal, 11, 278-300.
DeGangi, G.A. & Greenspan, ST. (1997): The effectiveness of short-term interventions in the treatment of inattention and irritability in toddlers. In: Journal of Development and Learning Disorders, 1, 277-298
N.J. Cohen, E. Muir und M. Lojkasek: Watch, Wait and Wonder: Ein kindzentriertes Psychotherapieprogramm zur Behandlung gestörter Mutter-Kind-Beziehungen. In: Kinderanalyse 11, Heft 1, 2003, S. 58-79.
Muir, E., Lojkasek, M. & Cohen, N. (1999): Watch, Wait and Wonder: A manual describing a dyadic infant-led approach to problems in infancy and early childhood. Hincks Dellcrest Institute, Toronto, ON.
Papousek, M. (1999): Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Enstehungsbedingungen im Kontext der Eltern-Kind-Beziehung. In: Oerter R. u.a.: Klinische Entwicklungspsychologie. PVU, Weinheim.

Das Märchen vom biochemischen Ungleichgewicht

Trotz tausender Forschungsstudien ist nach wie vor nicht bekannt, welche Transmitterverhältnisse bei ADHS im Gehirn genau vorliegen sollen. Die Ätiologie von ADHS ist in Wahrheit unbekannt. Das hindert viele ADHS-Gläubige seit Jahren nicht daran, sich selbst und der Welt einzureden, im Gehirn von ADHSlern gäbe es ein irgendwie geartetes biochemisches Ungleichgewicht bzw. eine Dysfunktion als Ursache der Krankheit. So lesen wir: ADHS ist eine neurobiologische Störung, die mit einer Veränderung der Gehirnhormone einhergeht und hier sind besonders die Gehirnhormone Noradrenalin und Dopamin betroffen (1). Vom Kommafehler abgesehen ist hier auch die Bezeichnung „Gehirnhormone“ bemerkenswert. Oder: Angeborene – genetische – Veränderungen in der Struktur und Zusammenarbeit verschiedener Hirnbereiche und der Chemie unserer Botenstoffe führt zu den beschriebenen Auswirkungen. (auch hier wieder ein Deutschfehler) ((2). Oder: Alle bisher wissenschaftlich gefundenen Resultate genetischer und bildgebender Untersuchungen … weisen auf eine genetisch bedingte Störung im Dopamin- und Noradrenalin-System als eine wesentliche Ursache der ADHS hin (3). Oder: Man nimmt heute an, dass bei AD(H)S beim Zusammenwirken verschiedener Hirnabschnitte im Bereich der Schaltstellen der Hirnzellen (Synapsen) die verantwortlichen Überträgerstoffe (Neurotransmitter) vor allem das Dopamin nicht optimal wirken. Es handelt sich also in gewissem Sinne um eine Stoffwechselstörung im intrazellulären Bereich (4) (Besonders hanebüchen, nicht nur wieder wegen des Deutschfehlers, sondern auch wegen der Behauptung, dass Dopamin nicht optimal wirke und sich das Ganze sogar intrazellulär und im Zusammenspiel bestimmter Hirnabschnitte abspiele, als spiele im Gehirn nicht immer alles miteinander). Oder: Seit den 90’er Jahren geht man von einem neurobiologischen / neurochemischen Ansatz aus, da biologische Untersuchungen zeigen, dass betroffene Patienten unter einem Ungleichgewicht der Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn leiden, wodurch die Informationsweiterleitungen zwischen den Nervenzellen einzelner Hirnbereichen nicht hinreichend funktioniert (5) (schon wieder ein falsches Deutsch).

Soweit ein paar willkürlich herausgegriffene Beispiele (bei denen ihr schlampiges Deutsch mit ihrer wissenschaftlichen Rezeption zu korrelieren scheint), man findet ähnliche Behauptungen auch sonst zu Hauf. Aber deshalb werden sie natürlich nicht wahrer. Ritalin wirkt bei ADHSlern und Normalos in Bezug auf eine Aufmerksamkeitssteigerung ja bekanntlich gleich, weshalb bei ADHSlern schon mal gar kein Ungleichgewicht vorliegen kann (6). Die Ursachen und Entstehungsbedingungen der ADHS sind noch nicht vollständig geklärt, stellt denn auch die Bundesärztekammer nüchtern fest (7). Strukturelle und funktionelle neurologisch-bildgebende Verfahren konnten bisher keinerlei spezifische Ätiologie entdecken, stellt Furman fest (8). Bis heute wurde bei keiner einzigen psychiatrischen Krankheit ein biochemisches Ungleichgewicht als Ursache gefunden. Das Märchen vom biochemischen Ungleichgewicht hat sich die schlaue Pharma ausgedacht, um den Einsatz ihrer Produkte (die deshalb natürlich nicht wirkungslos sind), wissenschaftlich zu begründen. Relativ unstrittig ist nur, dass Methylphenidat ein Dopamin-Wiederaufnahmehemmer ist. Der Stoff verändert also ein wahrscheinlich völlig normales biochemisches Gleichgewicht hin zu einem Ungleichgewicht. Das einzige biochemische Ungleichgewicht, das man bei psychiatrischen Krankheiten findet, erzeugen also die Medikamente selber. Sie helfen nicht einem Ungleichgewicht ab, sondern sie erzeugen es erst. So wie Alkohol nicht gegen ein biochemisches Ungleichgewicht hilft, sondern erst eines erzeugt. Wenn man am nächsten Tag den berühmten Kater hat, versucht sich das Gehirn wieder ins alte Gleichgewicht zu bringen. Bei Ritalin etc. nennt man dies Rebound. Es ist nichts anderes als ein Psychopharmaka-Kater.

Darauf weist nicht nur der weltberühmte Psychiater Peter R. Breggin hin (9), auch der renommierte Princeton-Neurowissenschaftler Barry Jacobs sagt: Diese Pharmaka verändern das Niveau synaptischer Übertragung unter das Niveau, das unter normalen Umweltbedingungen erreicht wird. Deshalb sollten alle Verhaltensreaktionen, die unter diesen Bedingungen entstehen, eher als pathologisch…betrachtet werden (10). Auch der berühmte Harvard-Vorsteher und ehemalige NIMH-Direktor Steven Hyman hat dies bereits vor 10 Jahren betont (ebd.). Gonon kommt nach gründlicher Überprüfung der Dopaminmangel-Hypothese zum Ergebnis, dass sie nicht länger als Begründung einer Medikation verwendet werden dürfe, weil sie nicht länger haltbar sei (11).

Eltern müssen also wissen: Im Hirn ihrer unruhigen Kinder gibt es kein biochemisches Ungleichgewicht als Ursache. Ritalin macht erst eins. Und ansonsten gilt der berühmte Haribo-Spruch: „Und Erwachsene eben so.“

(1) http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/ADHS-ADS/ADHS.aspx
(2) http://www.kinderaerzte-forchheim.de/informatives/adhs
(3) http://www.therapiezentrum-esslingen.de/index.php?option=com_content&view=article&id=70:adhs-neurobiologie&catid=51:adhs&Itemid=95 (4) http://www.tokol.de/index.php/adhs-spektrum-parken-185/ursache-parken-36
(5) http://www.dr-gumpert.de/html/adhs.html#c490
(6) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21297951
(7) http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/ADHSkurz.pdf
(8) http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik31.htm
(9) http://www.breggin.com/index.php?option=com_content&task=view&id=297
(10) B. Jacobs, zit. in F. Hasler, Neuromythologie, transcript 2012, S. 134-135
(11) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18986716?ordinalpos=4&itool=EntrezSystem2.PEntrez.Pubmed.Pubmed_ResultsPanel.Pubmed_DefaultReportPanel.Pubmed_RVDocSum

Café Holunder April 2013, ergänzt April 2019

ADHS, DROGEN UND AMERIKA

DROGEN IN AMERIKA
Millionen Amerikaner sind rauschgiftsüchtig.

In den USA sind viele Millionen Menschen süchtig nach opiumhaltigen Schmerzmitteln. Der massive Einfluss der Pharmaindustrie, die leichtfertige Verschreibungspraxis der Ärzte sowie die unaufgeklärte Verbrauchermentalität der Patienten sind dort seit Langem eine unheilige Allianz eingegangen, die eine wachsende Spur Toter und ruinierter Familien und Existenzen nach sich zieht.

In dieses Szenario passt auch der starke Verbrauch von Methylphenidat („Ritalin“ etc.), für den die USA weltweit berühmt sind. In 2009 waren mehr als 12% aller Jungen zwischen 5 und 17 Jahren als ADHS-erkrankt diagnostiziert. Das freut die Pharmaindustrie: In 2011/2012 (07/2011-06/2012) wurde in den USA für 1,248 Milliarden US-Dollar Methylphenidat verkauft (Quelle: drugs.com).

So leichtfertig, wie man dort opioidhaltige Tabletten konsumiert, so leichtfertig müssen schon Kinder amphetaminartige Pillen schlucken. Präsident Trump (der selber einen alkoholsüchtigen Bruder hatte und vor dessen geistigem Gesundheitszustand mehrere Psychiater in diesen Tagen warnen) hat deshalb kürzlich den nationalen Gesundheitsnotstand erklärt.  Bizarr!
https://www.stern.de/…/opioid-missbrauch-in-den-usa–zugedr…
http://www.sueddeutsche.de/…/narzissmus-trumps-psyche-und-d…

MIT RITALIN DURCH DICK UND DÜNN

Zu den Hauptnebenwirkungen der bei „ADHS“ verschriebenen Psychopharmaka wie Ritalin oder Adderall zählen bekanntlich Appetitmangel und Untergewicht bei Wachstumsverzögerung der betroffenen Kinder. Eine Studie von Brian Schwartz u. a. hatte aber bereits 2014 bei unter Psychostimulanzien stehenden Jugendlichen anschließend einen starken Anstieg ihres Body-Mass-Index (BMI) festgestellt, bis hin zu Übergewicht und Fettsucht. Jugendliche ohne Medikamente zeigten diesen rapiden Anstieg nicht.

Die Autoren hatten die Gesundheitsdaten von über 160 000 Kindern bis ins Jugendlichenalter ausgewertet und sprachen von einem „plötzlichen BMI-Rebound“. In dieser Studie wurden allerdings Fehlerquellen -wie veränderte Essgewohnheiten- nicht kontrolliert, so dass die Veränderungen auch andere Ursachen als die Psychopharmaka haben konnten.

April Bowling u. a. haben nun in einer aktuellen Studie diese Fehlerquellen ausklammern können. Die Forscher fanden bei ca. 11jährigen ADHS-Kindern, die Psychostimulanzien nahmen, einen deutlich niedrigeren BMI-Index verglichen mit nicht-medikamentierten ADHS-Kindern sowie Kindern ohne ADHS-Diagnose. Und nur bei den ca. 14jährigen medikamentierten ADHS-Kindern zeigte sich dann später wieder der auch von Schwartz u. a. bekannte rapide BMI-Anstieg, bei den nicht-medikamentierten ADHS-Kindern sowie den Kindern ohne ADHS-Diagnose aber nicht.

Leider kann die Studie keine Aussage darüber machen, ob der Anstieg später bis zur Fettsucht führen kann. Ungesunde Essgewohnheiten waren übrigens unter ADHSlern stärker verbreitet, aber, wie erwähnt, nur bei den medikamentierten zeigte sich im späteren Jugendlichenalter der beschriebene starke BMI-Index-Anstieg.

Ritalin macht also erst zu dünn und dann (zu) dick. Ist es das wert? https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28834373

KONTROVERSE? PLUMPE LÜGE!

ADHS-ABERGLAUBE 7:
„KONTROVERSE UM ADHS? EINE PLUMPE LÜGE!“

Eines der wenigen verbliebenen ADHS-Internetforen nennt sich treffenderweise „ADHS-Chaoten“, denn was man dort an skurrilen und teils hanebüchenen Überzeugungen zu ADHS lesen kann, ist immer wieder frappierend. Dort versammeln sich offenbar Menschen mit allerlei Störungen und Krankheiten, die davon überzeugt sind, ADHS sei ihre Offenbarung.

Falls sich ein Laie dorthin verirrt, muss er wissen, dass er einseitig, unkritisch und oft falsch informiert wird, kritische Stimmen werden dort beschimpft und verleumdet. Halbgebildete gerieren sich als Professionelle. Einer der User verkündete kürzlich zum Beispiel, es gäbe gar keine wissenschaftliche Kontroverse um ADHS, das zu behaupten sei eine plumpe Lüge.

Dieser User glaubt das wahrscheinlich wirklich, denn die Kontroverse um ADHS wird von der ADHS-Lobby seit Jahren intensiv geleugnet und ignoriert. Das Internet wimmelt nur so von völlig unkritischen, wissenschaftlich nicht belegten und abenteuerlichen Informationen über ADHS, kritische Statements muss man hingegen suchen. Wenn man liest, was viele Journalisten zu diesem Thema kolportieren, fällt einem sogleich der böse Vorwurf von der Lügenpresse ein. Der Journaille muss man allerdings zugutehalten, dass sie nicht bewusst lügt, sondern meist nur schlampig oder gar nicht recherchiert. So entgeht ihr denn auch die ständige Meinungsunterdrückung kritischer Stimmen durch die ADHS-Lobby aus Pharmaindustrie, Ärzten und Selbsthilfeorganisationen, die sich letztlich in offiziellen Richtlinien und Diagnosekatalogen niederschlägt.

Bereits vor Jahren hat Riedesser gesagt, dass ADHS die größte Kontroverse in der Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist. Und schon der erste Satz eines aktuellen Beitrags des spanischen Universitätsprofessors Marino Pérez-Álvarez fasst die Kontroverse um ADHS zusammen (wir übersetzen): „ADHS ist eine der verbreitetsten und gleichzeitig umstrittensten Krankheiten bis hin zur Auffassung, dass es sie gar nicht gibt.“

Der Autor kritisiert an ADHS u. a., dass die Diagnose einigermaßen zuverlässig sein mag, sie ist aber ungültig. So wie die Kriterien der Diagnosekataloge ICD und DSM eben darauf abzielen, die Zuverlässigkeit von Diagnosen unter Vernachlässigung ihrer Gültigkeit herauszukehren. Wenn z. B. Forscher per Konsens behaupten, Sommersprossen seien ein Krebssymptom, und wenn dann die Diagnostiker Sommersprossen feststellen und einen Krebsverdacht finden, dann war ihre Diagnose zwar zuverlässig, aber eben ungültig. Überhaupt ist ein Konsens über Krankheitssymptome, wie er der ADHS-Diagnose in den Diagnosekatalogen zugrunde liegt, ja nur deshalb vonnöten, weil es keine wirkliche Evidenz für die Krankheit gibt, sonst bräuchte es ja gar keinen Konsens. Die ADHS-Diagnose basiere generell auf zwei Trugschlüssen: Dem Bestätigen andauernder Trugschlüsse sowie dem Glaube, damit sei der Beweis erbracht. Steter Tropfen höhlt den Stein, sozusagen. Es sei eine Tautologie, zu sagen, ein Kind habe ADHS, wenn es zappele etc., obwohl es für ADHS ansonsten keine Evidenz gibt.

Was die Genetik von ADHS betrifft, fragt der Autor, wie eine per Konsens von pharmafinanzierten Fachleuten festgelegte, ungültige und so tautologisch wie sonst kaum etwas zu bezeichnende Krankheit genetisch bedingt sein kann. Es sei auffallend, dass die Genetik permanent behauptet werde, obwohl es molekulargenetisch dafür keinerlei Evidenz gebe. Er zitiert paradigmatisch Gallo u. Posner, die meinen, dass man trotz deutlicher Evidenz für die Genetik der ADHS die spezifischen Gene erst noch finden müsse (so wie wenn jemand öffentlich behauptet, Sie seien eindeutig ein Mörder, die Beweise dafür werde man allerdings schon noch irgendwann finden (Cafè Holunder)). Von den 4 möglichen Vererbungsformen – genetisch, epigenetisch, verhaltensbezogen und kulturell- ist die genetische wohl die unwahrscheinlichste bei ADHS.

Die Hirnforschung bei ADHS unterliege sowohl einem Tunnel-Effekt (man schaut immer in dieselbe Richtung) sowie dem Zoom-Effekt (man überbetont diese einseitigen Beobachtungen). Die ungeklärte Frage, was ein „normales“ Gehirn sei, beleuchtet der Autor mit dem bekannten Beispiel von Taxifahrern oder Musikern, die Hirnveränderungen gegenüber Nichttaxifahrern oder Nichtmusikern aufweisen, aber deshalb natürlich nicht krank sind. So sind alle bisher gefundenen angeblichen ADHS-typischen Hirnbesonderheiten kein Beleg für eine, schon gar nicht diese Störung. Dabei werde eben völlig ignoriert, dass diese Besonderheiten die Folge von Verhalten sein können, und nicht dessen Ursache.

Schließlich versucht der Autor, die Kontroverse zwischen Verteidigern und Kritikern metawissenschaftlich zu überwinden, indem er sich auf die Ursachenlehre von Aristoteles bezieht. Mit diesem etwas gewollten Ansatz betont er, was er vorher auch ohne Aristoteles klargemacht hat, nämlich dass es ADHS zwar als klinische Praxis gibt, aber nicht als klinische Entität (Stichwort: ADHS gibt es nicht). Er plädiert dafür, das Störungsbild in Zukunft ganzheitlich zu sehen, unter Berücksichtigung all seiner körperlichen, psychischen, psychosozialen und kulturellen Einbettungen. Ob man dazu den alten Aristoteles bemühen musste?

Aber: Gut gebrüllt, Löwe!

http://journal.frontiersin.org/…/10.3389/fpsyg.2017.00928/fu

ADHS-ABERGLAUBE (6): ADHSler SIND OFT HOCHBEGABT

Eine der angeblich bewiesenen Überzeugungen unter ADHS-Anhängern bezieht sich auf Zusammenhänge von ADHS und Intelligenz: ADHSler seien häufig überdurchschnittlich intelligent, ja sogar hochbegabt und obendrein besonders kreativ. Was man in einschlägigen Internetforen über angebliche Zusammenhänge zwischen „ADHS“ und Hochbegabung liest, ist erstaunlich. Es hat sich bei Laien der Aberglaube verbreitet, Hochbegabung sei komorbid zu „ADHS“, als seien viele „ADHSler“ hochbegabt, als seien sie besonders intelligente, „andere“, kreative und verkannte Genies, aber auch, was besonders skurril ist, als sei Hochbegabung eine Störung. Hochbegabung firmiert hier neben Asperger, Autismus, Borderline und anderen mehr oder weniger ausgeprägten psychiatrischen Modediagnosen. Der ADHSler also als eine besonders hoch und „anders“ qualifizierte Menschenkategorie. In einem Internetforum teilt zum Beispiel eine „betroffene“ Mutter mit, dass man ihr Kind in einer Klinik als „psychosomatisch gestört“ eingestuft habe. Dagegen verwahre sie sich nun heftig, weil das ihr Kind stigmatisieren würde. Sie bestehe auf der Diagnose „ADHS“ (als wäre das keine Störung).

R.A. Barkley, der notorische USA-ADHS-Guru, behauptet einerseits, dass die meisten Kinder mit ADHS über eine durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz verfügen. An anderer Stelle widerspricht er sich dann selbst, indem er erklärt, dass „ADHS“-Kinder in Intelligenztests 7-10 IQ-Punkte schlechter abschneiden als „Nicht-ADHS“-Kinder. Die Beobachtung, dass falsch erzogene bzw. falsch beschulte hochbegabte Kinder Verhaltensprobleme entwickeln können, hat bei Eltern zu der Zirkelschluss-Annahme geführt, ihr verhaltensauffälliges Kind sei hochbegabt. Sogar in manchen dubiosen Fachkreisen wird behauptet: Eine der Ursachen erwartungswidriger Minderleistungen von Hochbegabten soll ihr ADHS sein.

Der renommierte amerikanische ADHS-Fachmann Sam Goldstein hat in einer Übersicht über die vorliegenden Forschungsergebnisse hierzu Folgendes zusammengetragen: Beurteilungen des hyperaktiv-impulsiven Verhaltens und Intelligenzmessungen stehen häufig in einem negativen Zusammenhang (d.h., je impulsiver ein Kind, um so niedriger der IQ-Wert). Das sagt einem ja schon das Alltagswissen: je stärker die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung, umso niedriger müssen eigentlich die Ergebnisse von Intelligenztests ausfallen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Intelligenztestergebnissen und allgemeinen Verhaltensproblemen (im Unterschied zu ADHS) oft schwächer bis gar nicht vorhanden. Auch das kennt man aus dem Alltag: So manch „verhaltensgestörter“ Schülerrebell ist völlig unauffällig in seiner Intelligenz und hat gute Schulnoten.

Goldstein weist darauf hin, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei sehr vielen intellektuell beeinträchtigten Gruppen zu beobachten sind, und dass sie von einer Vielzahl verschiedener Probleme verursacht werden können. Der Autor fragt sich (und uns), warum trotz der langjährigen soliden Forschungsgrundlage immer noch die Auffassung zu finden sei, ADHSler seien besonders intelligent, und warum ihre Impulsivität immer noch für eine besondere Ausprägung von Kreativität gehalten wird. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Kinder mit ADHS intelligenter oder kreativer seien (Goldstein 2001). In der großen Hoogmann-Studie aus 2017 hatten die ADHSler einen niedrigeren IQ als die „Normalos“.

Sogar in Fachkreisen gibt es immer noch die Überzeugung, Hochbegabung sei ein genereller psychosozialer Risikofaktor. Dabei gibt es seit einigen Jahren eine wegweisende Untersuchung von D. H. Rost, die Fachwelt und Laien längst eines Besseren belehren müsste (Marburger Hochbegabten-Projekt). Nicht wenige der in der Literatur zu findenden bisherigen Annahmen werden hier als unzulässige Verallgemeinerungen und platte Vorurteile entlarvt. So erwiesen sich hochbegabte oder leistungsbeste Schüler als psychisch besonders belastbar und psychosozial verantwortungsbewusst. Sie waren in ihrer Peer-Gruppe und in der Schulklasse gut integriert und allgemein psychisch unauffällig. Nirgendwo in dieser vorbildlichen empirischen Studie fand sich eine Bestätigung für die These, dass Hochbegabung ein psychosozialer Risikofaktor sei (Rost 2000). Uns ist auch keine einzige andere Studie bekannt, die gezeigt hätte, dass in einer unausgelesenen Stichprobe von „ADHSlern“ mehr als die in der Normalbevölkerung zu erwartenden 1-2 Prozent Hochbegabte vorkommen. ADHS und Hochbegabung  kommen rein rechnerisch nur bei ca. 0,0004 % der Bevölkerung gleichzeitig vor, wenn ca. 1% der ca. 4 % ADHSler hochbegabt wären, also 4 unter 10000. Nur einer von 100 ADHSlern ist dann auch hochbegabt. Das kann man wohl nicht als „oft“ bezeichnen. Dies ergibt sich allerdings nur rechnerisch unter der  Annahme einer Normalverteilung der Intelligenz bei ADHS; ob dies empirisch so auftritt, weiß man nicht, Studien fehlen hierzu.

Etwa 15 % der hochbegabten Kinder sind „underachiever“, d.h. ihre Schulleistungen bleiben unter dem erwarteten hohen Niveau (Bachmann 2005). Solche Kinder leiden nicht unter ADHS, sondern unter Langeweile und Unterforderung, wenn das schulische und erzieherische Angebot nicht ihrem Niveau entspricht. Als Folge entwickeln sie nicht selten Verhaltensstörungen, Unkonzentriertheit, Unruhe, oppositionelles Verhalten – und schon ist der Stempel „ADHS“ aufgedrückt.

ADHS-KRITIK: Hier wird ADHS gegen den Mainstream gebürstet

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