ADHS-ABERGLAUBE (6): ADHSler SIND OFT HOCHBEGABT

Eine der angeblich bewiesenen Überzeugungen unter ADHS-Anhängern bezieht sich auf Zusammenhänge von ADHS und Intelligenz: ADHSler seien häufig überdurchschnittlich intelligent, ja sogar hochbegabt und obendrein besonders kreativ. Was man in einschlägigen Internetforen über angebliche Zusammenhänge zwischen „ADHS“ und Hochbegabung liest, ist erstaunlich. Es hat sich bei Laien der Aberglaube verbreitet, Hochbegabung sei komorbid zu „ADHS“, als seien viele „ADHSler“ hochbegabt, als seien sie besonders intelligente, „andere“, kreative und verkannte Genies, aber auch, was besonders skurril ist, als sei Hochbegabung eine Störung. Hochbegabung firmiert hier neben Asperger, Autismus, Borderline und anderen mehr oder weniger ausgeprägten psychiatrischen Modediagnosen. Der ADHSler also als eine besonders hoch und „anders“ qualifizierte Menschenkategorie. In einem Internetforum teilt zum Beispiel eine „betroffene“ Mutter mit, dass man ihr Kind in einer Klinik als „psychosomatisch gestört“ eingestuft habe. Dagegen verwahre sie sich nun heftig, weil das ihr Kind stigmatisieren würde. Sie bestehe auf der Diagnose „ADHS“ (als wäre das keine Störung).

R.A. Barkley, der notorische USA-ADHS-Guru, behauptet einerseits, dass die meisten Kinder mit ADHS über eine durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz verfügen. An anderer Stelle widerspricht er sich dann selbst, indem er erklärt, dass „ADHS“-Kinder in Intelligenztests 7-10 IQ-Punkte schlechter abschneiden als „Nicht-ADHS“-Kinder. Die Beobachtung, dass falsch erzogene bzw. falsch beschulte hochbegabte Kinder Verhaltensprobleme entwickeln können, hat bei Eltern zu der Zirkelschluss-Annahme geführt, ihr verhaltensauffälliges Kind sei hochbegabt. Sogar in manchen dubiosen Fachkreisen wird behauptet: Eine der Ursachen erwartungswidriger Minderleistungen von Hochbegabten soll ihr ADHS sein.

Der renommierte amerikanische ADHS-Fachmann Sam Goldstein hat in einer Übersicht über die vorliegenden Forschungsergebnisse hierzu Folgendes zusammengetragen: Beurteilungen des hyperaktiv-impulsiven Verhaltens und Intelligenzmessungen stehen häufig in einem negativen Zusammenhang (d.h., je impulsiver ein Kind, um so niedriger der IQ-Wert). Das sagt einem ja schon das Alltagswissen: je stärker die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung, umso niedriger müssen eigentlich die Ergebnisse von Intelligenztests ausfallen. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Intelligenztestergebnissen und allgemeinen Verhaltensproblemen (im Unterschied zu ADHS) oft schwächer bis gar nicht vorhanden. Auch das kennt man aus dem Alltag: So manch „verhaltensgestörter“ Schülerrebell ist völlig unauffällig in seiner Intelligenz und hat gute Schulnoten.

Goldstein weist darauf hin, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei sehr vielen intellektuell beeinträchtigten Gruppen zu beobachten sind, und dass sie von einer Vielzahl verschiedener Probleme verursacht werden können. Der Autor fragt sich (und uns), warum trotz der langjährigen soliden Forschungsgrundlage immer noch die Auffassung zu finden sei, ADHSler seien besonders intelligent, und warum ihre Impulsivität immer noch für eine besondere Ausprägung von Kreativität gehalten wird. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Kinder mit ADHS intelligenter oder kreativer seien (Goldstein 2001). In der großen Hoogmann-Studie aus 2017 hatten die ADHSler einen niedrigeren IQ als die „Normalos“.

Sogar in Fachkreisen gibt es immer noch die Überzeugung, Hochbegabung sei ein genereller psychosozialer Risikofaktor. Dabei gibt es seit einigen Jahren eine wegweisende Untersuchung von D. H. Rost, die Fachwelt und Laien längst eines Besseren belehren müsste (Marburger Hochbegabten-Projekt). Nicht wenige der in der Literatur zu findenden bisherigen Annahmen werden hier als unzulässige Verallgemeinerungen und platte Vorurteile entlarvt. So erwiesen sich hochbegabte oder leistungsbeste Schüler als psychisch besonders belastbar und psychosozial verantwortungsbewusst. Sie waren in ihrer Peer-Gruppe und in der Schulklasse gut integriert und allgemein psychisch unauffällig. Nirgendwo in dieser vorbildlichen empirischen Studie fand sich eine Bestätigung für die These, dass Hochbegabung ein psychosozialer Risikofaktor sei (Rost 2000). Uns ist auch keine einzige andere Studie bekannt, die gezeigt hätte, dass in einer unausgelesenen Stichprobe von „ADHSlern“ mehr als die in der Normalbevölkerung zu erwartenden 1-2 Prozent Hochbegabte vorkommen. ADHS und Hochbegabung  kommen rein rechnerisch nur bei ca. 0,0004 % der Bevölkerung gleichzeitig vor, wenn ca. 1% der ca. 4 % ADHSler hochbegabt wären, also 4 unter 10000. Nur einer von 100 ADHSlern ist dann auch hochbegabt. Das kann man wohl nicht als „oft“ bezeichnen. Dies ergibt sich allerdings nur rechnerisch unter der  Annahme einer Normalverteilung der Intelligenz bei ADHS; ob dies empirisch so auftritt, weiß man nicht, Studien fehlen hierzu.

Etwa 15 % der hochbegabten Kinder sind „underachiever“, d.h. ihre Schulleistungen bleiben unter dem erwarteten hohen Niveau (Bachmann 2005). Solche Kinder leiden nicht unter ADHS, sondern unter Langeweile und Unterforderung, wenn das schulische und erzieherische Angebot nicht ihrem Niveau entspricht. Als Folge entwickeln sie nicht selten Verhaltensstörungen, Unkonzentriertheit, Unruhe, oppositionelles Verhalten – und schon ist der Stempel „ADHS“ aufgedrückt.

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