KONTROVERSE? PLUMPE LÜGE!

ADHS-ABERGLAUBE 7:
„KONTROVERSE UM ADHS? EINE PLUMPE LÜGE!“

Eines der wenigen verbliebenen ADHS-Internetforen nennt sich treffenderweise „ADHS-Chaoten“, denn was man dort an skurrilen und teils hanebüchenen Überzeugungen zu ADHS lesen kann, ist immer wieder frappierend. Dort versammeln sich offenbar Menschen mit allerlei Störungen und Krankheiten, die davon überzeugt sind, ADHS sei ihre Offenbarung.

Falls sich ein Laie dorthin verirrt, muss er wissen, dass er einseitig, unkritisch und oft falsch informiert wird, kritische Stimmen werden dort beschimpft und verleumdet. Halbgebildete gerieren sich als Professionelle. Einer der User verkündete kürzlich zum Beispiel, es gäbe gar keine wissenschaftliche Kontroverse um ADHS, das zu behaupten sei eine plumpe Lüge.

Dieser User glaubt das wahrscheinlich wirklich, denn die Kontroverse um ADHS wird von der ADHS-Lobby seit Jahren intensiv geleugnet und ignoriert. Das Internet wimmelt nur so von völlig unkritischen, wissenschaftlich nicht belegten und abenteuerlichen Informationen über ADHS, kritische Statements muss man hingegen suchen. Wenn man liest, was viele Journalisten zu diesem Thema kolportieren, fällt einem sogleich der böse Vorwurf von der Lügenpresse ein. Der Journaille muss man allerdings zugutehalten, dass sie nicht bewusst lügt, sondern meist nur schlampig oder gar nicht recherchiert. So entgeht ihr denn auch die ständige Meinungsunterdrückung kritischer Stimmen durch die ADHS-Lobby aus Pharmaindustrie, Ärzten und Selbsthilfeorganisationen, die sich letztlich in offiziellen Richtlinien und Diagnosekatalogen niederschlägt.

Bereits vor Jahren hat Riedesser gesagt, dass ADHS die größte Kontroverse in der Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist. Und schon der erste Satz eines aktuellen Beitrags des spanischen Universitätsprofessors Marino Pérez-Álvarez fasst die Kontroverse um ADHS zusammen (wir übersetzen): „ADHS ist eine der verbreitetsten und gleichzeitig umstrittensten Krankheiten bis hin zur Auffassung, dass es sie gar nicht gibt.“

Der Autor kritisiert an ADHS u. a., dass die Diagnose einigermaßen zuverlässig sein mag, sie ist aber ungültig. So wie die Kriterien der Diagnosekataloge ICD und DSM eben darauf abzielen, die Zuverlässigkeit von Diagnosen unter Vernachlässigung ihrer Gültigkeit herauszukehren. Wenn z. B. Forscher per Konsens behaupten, Sommersprossen seien ein Krebssymptom, und wenn dann die Diagnostiker Sommersprossen feststellen und einen Krebsverdacht finden, dann war ihre Diagnose zwar zuverlässig, aber eben ungültig. Überhaupt ist ein Konsens über Krankheitssymptome, wie er der ADHS-Diagnose in den Diagnosekatalogen zugrunde liegt, ja nur deshalb vonnöten, weil es keine wirkliche Evidenz für die Krankheit gibt, sonst bräuchte es ja gar keinen Konsens. Die ADHS-Diagnose basiere generell auf zwei Trugschlüssen: Dem Bestätigen andauernder Trugschlüsse sowie dem Glaube, damit sei der Beweis erbracht. Steter Tropfen höhlt den Stein, sozusagen. Es sei eine Tautologie, zu sagen, ein Kind habe ADHS, wenn es zappele etc., obwohl es für ADHS ansonsten keine Evidenz gibt.

Was die Genetik von ADHS betrifft, fragt der Autor, wie eine per Konsens von pharmafinanzierten Fachleuten festgelegte, ungültige und so tautologisch wie sonst kaum etwas zu bezeichnende Krankheit genetisch bedingt sein kann. Es sei auffallend, dass die Genetik permanent behauptet werde, obwohl es molekulargenetisch dafür keinerlei Evidenz gebe. Er zitiert paradigmatisch Gallo u. Posner, die meinen, dass man trotz deutlicher Evidenz für die Genetik der ADHS die spezifischen Gene erst noch finden müsse (so wie wenn jemand öffentlich behauptet, Sie seien eindeutig ein Mörder, die Beweise dafür werde man allerdings schon noch irgendwann finden (Cafè Holunder)). Von den 4 möglichen Vererbungsformen – genetisch, epigenetisch, verhaltensbezogen und kulturell- ist die genetische wohl die unwahrscheinlichste bei ADHS.

Die Hirnforschung bei ADHS unterliege sowohl einem Tunnel-Effekt (man schaut immer in dieselbe Richtung) sowie dem Zoom-Effekt (man überbetont diese einseitigen Beobachtungen). Die ungeklärte Frage, was ein „normales“ Gehirn sei, beleuchtet der Autor mit dem bekannten Beispiel von Taxifahrern oder Musikern, die Hirnveränderungen gegenüber Nichttaxifahrern oder Nichtmusikern aufweisen, aber deshalb natürlich nicht krank sind. So sind alle bisher gefundenen angeblichen ADHS-typischen Hirnbesonderheiten kein Beleg für eine, schon gar nicht diese Störung. Dabei werde eben völlig ignoriert, dass diese Besonderheiten die Folge von Verhalten sein können, und nicht dessen Ursache.

Schließlich versucht der Autor, die Kontroverse zwischen Verteidigern und Kritikern metawissenschaftlich zu überwinden, indem er sich auf die Ursachenlehre von Aristoteles bezieht. Mit diesem etwas gewollten Ansatz betont er, was er vorher auch ohne Aristoteles klargemacht hat, nämlich dass es ADHS zwar als klinische Praxis gibt, aber nicht als klinische Entität (Stichwort: ADHS gibt es nicht). Er plädiert dafür, das Störungsbild in Zukunft ganzheitlich zu sehen, unter Berücksichtigung all seiner körperlichen, psychischen, psychosozialen und kulturellen Einbettungen. Ob man dazu den alten Aristoteles bemühen musste?

Aber: Gut gebrüllt, Löwe!

http://journal.frontiersin.org/…/10.3389/fpsyg.2017.00928/fu

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