Das Märchen vom biochemischen Ungleichgewicht

Trotz tausender Forschungsstudien ist nach wie vor nicht bekannt, welche Transmitterverhältnisse bei ADHS im Gehirn genau vorliegen sollen. Die Ätiologie von ADHS ist in Wahrheit unbekannt. Das hindert viele ADHS-Gläubige seit Jahren nicht daran, sich selbst und der Welt einzureden, im Gehirn von ADHSlern gäbe es ein irgendwie geartetes biochemisches Ungleichgewicht bzw. eine Dysfunktion als Ursache der Krankheit. So lesen wir: ADHS ist eine neurobiologische Störung, die mit einer Veränderung der Gehirnhormone einhergeht und hier sind besonders die Gehirnhormone Noradrenalin und Dopamin betroffen (1). Vom Kommafehler abgesehen ist hier auch die Bezeichnung „Gehirnhormone“ bemerkenswert. Oder: Angeborene – genetische – Veränderungen in der Struktur und Zusammenarbeit verschiedener Hirnbereiche und der Chemie unserer Botenstoffe führt zu den beschriebenen Auswirkungen. (auch hier wieder ein Deutschfehler) ((2). Oder: Alle bisher wissenschaftlich gefundenen Resultate genetischer und bildgebender Untersuchungen … weisen auf eine genetisch bedingte Störung im Dopamin- und Noradrenalin-System als eine wesentliche Ursache der ADHS hin (3). Oder: Man nimmt heute an, dass bei AD(H)S beim Zusammenwirken verschiedener Hirnabschnitte im Bereich der Schaltstellen der Hirnzellen (Synapsen) die verantwortlichen Überträgerstoffe (Neurotransmitter) vor allem das Dopamin nicht optimal wirken. Es handelt sich also in gewissem Sinne um eine Stoffwechselstörung im intrazellulären Bereich (4) (Besonders hanebüchen, nicht nur wieder wegen des Deutschfehlers, sondern auch wegen der Behauptung, dass Dopmain nicht optimal wirke und sich das Ganze sogar intrazellulär und im Zusammenspiel bestimmter Hirnabschnitte abspiele, als spiele im Gehirn nicht immer alles miteinander). Oder: Seit den 90’er Jahren geht man von einem neurobiologischen / neurochemischen Ansatz aus, da biologische Untersuchungen zeigen, dass betroffene Patienten unter einem Ungleichgewicht der Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn leiden, wodurch die Informationsweiterleitungen zwischen den Nervenzellen einzelner Hirnbereichen nicht hinreichend funktioniert (5) (schon wieder ein falsches Deutsch).

Soweit ein paar willkürlich herausgegriffene Beispiele (bei denen ihr schlampiges Deutsch mit ihrer wissenschaftlichen Rezeption zu korrelieren scheint), man findet ähnliche Behauptungen auch sonst zu Hauf. Aber deshalb werden sie natürlich nicht wahrer. Ritalin wirkt bei ADHSlern und Normalos in Bezug auf eine Aufmerksamkeitssteigerung ja bekanntlich gleich, weshalb bei ADHSlern schon mal gar kein Ungleichgewicht vorliegen kann (6). Die Ursachen und Entstehungsbedingungen der ADHS sind noch nicht vollständig geklärt, stellt denn auch die Bundesärztekammer nüchtern fest (7). Strukturelle und funktionelle neurologisch-bildgebende Verfahren konnten bisher keinerlei spezifische Ätiologie entdecken, stellt Furman fest (8). Bis heute wurde bei keiner einzigen psychiatrischen Krankheit ein biochemisches Ungleichgewicht als Ursache gefunden. Das Märchen vom biochemischen Ungleichgewicht hat sich die schlaue Pharma ausgedacht, um den Einsatz ihrer Produkte (die deshalb natürlich nicht wirkungslos sind), wissenschaftlich zu begründen. Relativ unstrittig ist nur, dass Methylphenidat ein Dopamin-Wiederaufnahmehemmer ist. Der Stoff verändert also ein wahrscheinlich völlig normales biochemisches Gleichgewicht hin zu einem Ungleichgewicht. Das einzige biochemische Ungleichgewicht, das man bei psychiatrischen Krankheiten findet, erzeugen also die Medikamente selber. Sie helfen nicht einem Ungleichgewicht ab, sondern sie erzeugen es erst. So wie Alkohol nicht gegen ein biochemisches Ungleichgewicht hilft, sondern erst eines erzeugt. Wenn man am nächsten Tag den berühmten Kater hat, versucht sich das Gehirn wieder ins alte Gleichgewicht zu bringen. Bei Ritalin etc. nennt man dies Rebound. Es ist nichts anderes als ein Psychopharmaka-Kater.

Darauf weist nicht nur der weltberühmte Psychiater Peter R. Breggin hin (9), auch der renommierte Princeton-Neurowissenschaftler Barry Jacobs sagt: Diese Pharmaka verändern das Niveau synaptischer Übertragung unter das Niveau, das unter normalen Umweltbedingungen erreicht wird. Deshalb sollten alle Verhaltensreaktionen, die unter diesen Bedingungen entstehen, eher als pathologisch…betrachtet werden (10). Auch der berühmte Harvard-Vorsteher und ehemalige NIMH-Direktor Steven Hyman hat dies bereits vor 10 Jahren betont (ebd.). Eltern müssen also wissen: Im Hirn ihrer unruhigen Kinder gibt es kein biochemisches Ungleichgewicht als Ursache. Ritalin macht erst eins.

(1) http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/ADHS-ADS/ADHS.aspx (2) http://www.kinderaerzte-forchheim.de/informatives/adhs (3) http://www.therapiezentrum-esslingen.de/index.php?option=com_content&view=article&id=70:adhs-neurobiologie&catid=51:adhs&Itemid=95 (4) http://www.tokol.de/index.php/adhs-spektrum-parken-185/ursache-parken-36 (5) http://www.dr-gumpert.de/html/adhs.html#c490 (6) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21297951 (7) http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/ADHSkurz.pdf (8) http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik31.htm (9) http://www.breggin.com/index.php?option=com_content&task=view&id=297 (10) B. Jacobs, zit. in F. Hasler, Neuromythologie, transcript 2012, S. 134-135

Café Holunder April 2013

 

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