ADHS-Aberglaube 5: „ADHS“ IST VON DER HIRNFORSCHUNG BELEGT oder: NEUROMYTHOLOGIE

Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Transript 2012

Dieses Buch ist ein wahrer Leckerbissen für alle, die von jeher nicht an die vollmundigen Lebensweisheiten der Hirnforscher à la Roth, Spitzer, Markowitsch und anderer glaubten, und erst recht für all diejenigen, die sich bisher noch gar nicht gefragt hatten, wie diese Kapazitäten denn das alles belegen können, was sie da so in die Welt der ehrfürchtig Hirnforschungsgläubigen hinausposaunen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nahezu nichts von den angeblich objektiven Forschungsergebnissen der Hirnforschung, wie sie derzeit im klinischen Alltag der Psychiatrie und Psychotherapie geglaubt werden, ist wirklich wissenschaftlich belegt. Das meiste sind Banalitäten, Mythen oder von der Pharma gesponserte Marketingaussagen.

Ein Beispiel, das uns hier besonders interessiert, ist die These vom zerebralen Transmitter-Ungleichgewicht, speziell vom Dopaminmangel, als Ursache für psychische Störungen, speziell ADHS. Es gibt in Wahrheit keinen einzigen wissenschaftlich seriösen und replizierten Beleg dafür, dass ein wie auch immer geartetes Transmitter-Ungleichgewicht (ob Serotonin oder Dopamin oder sonstwas) die Ursache für irgendeine psychisch-psychiatrische Störung wäre. Stanford-Psychiater und Preisträger David Burns, der intensive Grundlagenforschung zum Serotonin-Metabolismus betrieben hat, sagt: „Ich sah nie einen überzeugenden Beweis dafür, dass irgendeine psychiatrische Erkrankung -Depression eingeschlossen- auf eine Serotonin-Mangelfunktion des Gehirns zurückzuführen ist“ (Hasler S.128). Das gleiche gilt für die Dopamin-Mangeltheorie bei ADHS, wie Francois Gonon aufgezeigt hat (Gonon 2009). Stattdessen gibt es eine ganze Reihe von Studien, die das glatte Gegenteil der Mangeltheorien belegen (Hasler S.128). Der renommierte USA-Psychiater Allen Frances, Vorsitzender der Arbeitskomission für den früheren DSM IV, fasst es lapidar so zusammen: „Unsere Neurotransmitter-Theorien sind nicht viel weiter als die Säftelehre der Griechen“ (Hasler S.130).

Wie ist es zu verstehen, dass die Dopmaminmangel-These bei ADHS dennoch auch von Fachleuten hartnäckig geglaubt wird? Hasler hat dafür die Antwort: Erstens ist die These eines Transmittermangels für Laien so einfach zu verstehen (so, wie man Insulin gibt bei Zuckerkrankheit, braucht das ADHS-Hirn eben mehr Dopamin). Zweitens propagiert sie die Pharmalobby massiv und mit ihr viele akademische Mietmäuler und gesponserte Wissenschaftler, die trotz massiver Interessenkonflikte keinen Anlass für Bescheidenheit sehen, sowie, nicht zu vergessen, unkritische Medien, die gern plakative Sensationen berichten. Und drittens passt alles perfekt in den Mainstream der Biologisierung menschlichen Verhaltens, der das alte Leib-Seele-Problem ganz einfach abgeschafft hat, indem er das Wort Seele streicht.

Wussten Sie, dass nicht wenige Wissenschaftler ihre Forschungsstudien gar nicht mehr selber schreiben? Sie erhalten von der Pharmaindustrie einen Forschungsauftrag und schicken ihre Ergebnisse dann an die Pharmafirma, die ein ausschließliches Recht auf die Daten hat. Die Pharmafirma wertet dann erst einmal die Studienergebnisse in ihrem Marketinginteresse aus und gibt die Daten dann an eine Firma, die auf die Abfassung geeigneter Studientexte spezialisiert ist. Die urspünglichen Wissenschaftler werden dann zwar als die Autoren genannt, damit alles auch recht wissenschaftlich wirkt, wissen aber nach Abschluss ihrer Studie oft selber gar nicht, was genau herausgekommen ist. Wenn sie am Endtext der Studie dann Einwände haben, müssen sie damit rechnen, als Autor nicht mehr genannt zu werden. Wenn man das weiß. wundert es einen auf einmal gar nicht mehr, welche Unmengen an ADHS-Studien z.B. J. Biederman in USA ausspuckt, der Millionen an verschwiegenen Sponsorgeldern der Pharma eingestehen musste. Auch in Deutschland haben Universitäten inklusive ihrer Psychiatrie Verträge mit Pharmakonzernen, deren Inhalt geheim bleiben soll (der Steuerzahler, der die Universität finanziert, darf also nicht wissen, ob die dortige Wissenschaft pharma-unabhängig arbeitet).

 

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