„ADHS“-VORBEUGUNG BEIM BABY

Viele Eltern von sog. „ADHS-Kindern“ berichten, dass ihre Kinder bereits im Säuglingsalter, praktisch von Geburt an, ja manchmal bereits im Mutterleib, besonders unruhig und „nervenaufreibend“ waren. Viele Fachleute machen darauf aufmerksam, dass der richtige Umgang mit solchen anstrengenden Babies für eine „ADHS“-Vorbeugung ausschlaggebend sein kann. Wenn es den Eltern gelingt, sich optimal auf das „schwierige“ Baby einzustellen, verschwinden die Symptome nicht nur rascher, es können auch Langzeitfolgen belasteter Eltern-Kind-Beziehungen (und eben auch „ADHS“) vermieden werden. Hier im Café Holunder hat besonders Gerald Hüther darauf hingewiesen.

Das exzessive Schreien der sog. „Schreibabies“ stellt für jede Familie eine extreme seelische Belastungsprobe dar, zumal oft noch Schlafprobleme des Babies und andere Verhaltensprobleme hinzu kommen. Man schätzt, dass bis zu jedes dritte Baby in seinen ersten drei Lebensmonaten unter solchen mehr oder weniger ausgeprägten Unruhezuständen (intensives Schreien, Quengeln, Unruhe, Schlafstörungen, Gedeihstörungen, Essstörungen, Koliken, Kontaktstörungen etc.) leidet. Wenn ein Baby über mehrere Monate hinweg viele Stunden täglich schreit, bemühen sich die verzweifelten Eltern intensiv, die Ursache zu finden und Abhilfe zu schaffen. Und wenn das nicht gelingt (was häufig berichtet wird), werden die intuitiven Verhaltensbereitschaften der Eltern ermatten, und Ohnmachts- bzw. Wutgefühle stellen sich ein. Übrigens sind viele Eltern über die Intensität der Wutgefühle, die bei ihnen gegenüber ihrem „nervenden“ Baby entstehen können, zutiefst erschreckt. Sie reagieren dann mit starken Schuldgefühlen, die zusätzlich die Beziehungsgestaltung zum Baby negativ färben. Viele solche geplagten Eltern zeigen ein seelisches Erschöpfungssyndrom, sie verhalten sich immer ignorierender und abgestumpfter, manchmal sind sie in Gefahr, emotional „durchzudrehen“: Exzessives Schreien im Kleinkindalter ist nachgewiesenermaßen die häufigste Ursache für körperliche Misshandlung von Kindern.

Die interdisziplinäre Säuglingsforschung geht davon aus, dass bei solchen Babies Reifungsverzögerungen und postpartale Anpassungsstörungen im Sinne einer reifungsbedingten Verhaltensregulationsstörung vorliegen. Die Babies können innere Biorhythmen wie den Schlaf-Wach-Rhythmus noch wenig steuern, haben Gleichgewichts- und andere reifungsabhängige Wahrnehmungsstörungen. Die Fähigkeit zum Tiefschlaf ist z.B. an Reifungsvorgänge des Gehirns gekoppelt, die bei diesen Babies noch „unfertig“ sind. Eltern solcher Babies berichten, dass es ihnen schwerfällt, die Signale ihres Kindes richtig zu lesen und einzuschätzen, um verstehen zu können, was das Kind braucht oder will. Das Risiko einer frühen Bindungsstörung zwischen Eltern und Säugling ist also in diesen Fällen erheblich vergrößert. Wenn Eltern aber intuitiv oder mit Hilfe von Fachleuten lernen, sich an die Babies anzupassen, reifen die Babies rasch nach und holen ihre Reifungsverzögerungen ohne gravierendere frühe Beziehungsstörungen problemlos auf.

Ich bin der Ansicht, dass dieser Anpassungsprozess bei vielen der derzeit als „ADHS“ diagnostizierten Kinder im Kleinkindalter nicht optimal gelungen ist. Einer meiner eigenen Söhne war selbst ein (milder starkes) Schreibaby. Die Zusammenarbeit mit meiner Frau in dieser belastenden Zeit war sehr wichtig, beide Eltern sind dabei gefragt (was bei einer alleinerziehenden Mutter mit einem Schreibaby leider allein auf der Mutter lastet). Bald hatten wir herausgefunden, dass unser Söhnchen immer dann, wenn ich ihn mir über die Schulter legte, mit ihm fröhlich herumspazierte, ihm was vorsang und ihm bunte Dinge zeigte, sofort sehr aufmerksam und gut gelaunt wurde. Das tat ich dann täglich ausgiebig (am Wochenende stundenlang), bis nach einigen Monaten alles vorbei war. Ich habe ihn bei diesen Spaziergängen besonders lieben gelernt, weil wir uns dabei wirklich sehr intensiv miteinander vergnügt haben. Er ist heute erwachsen und ein ausgeglichener, fröhlicher und erfolgreicher Akademiker. „Gelassenheit“ ist deshalb ja auch die wichtigste Eigenschaft, die Eltern eines Schreibabies bewahren können müssen, damit sich nicht eine Eskalation der Gereiztheit zwischen Eltern und Baby aufschaukelt.

Wenn Eltern diese „Gelassenheit“ nicht mehr alleine herstellen können, sollten sie sich unbedingt professionell helfen lassen. In „Schreibaby-Ambulanzen“ finden sie dann Unterstützung, Austausch und kompetente fachliche Hilfe. Aber auch in den meisten Frühförderzentren, in vielen Erziehungsberatungsstellen und Sozialpädiatrischen Zentren gibt es Fachleute für Eltern mit Schreibabies. Hier können die Weichen frühzeitig so gestellt werden, dass die Babies ungestört „nachreifen“ und glückliche Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden.

Ohne „ADHS“.