ADHS: DIE ERFUNDENE KRANKHEIT

Inzwischen sind einige Jahre vergangen, seit die Botschaft durch die Medien jagte, ADHS sei eine erfundene Krankheit. Vielerlei untaugliche Versuche wurden seither unternommen, die Hintergründe dieser Botschaft zu verschleiern und hinwegzureden. Einer dieser Versuche stellte alles als ein „Gerücht“ dar, so, als hätte es dieses Geständnis eines amerikanischen Fachmanns gar nicht gegeben. So wird es in diesen Tagen auch wieder behauptet. Deshalb ist es an der Zeit, wieder einmal an die Originalquelle zu erinnern und deutlich zu machen, dass es sich keineswegs um ein Gerücht handelt. Der kompetente Mann hat es tatsächlich gesagt:

Der renommierte amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, der 2009 verstarb, kann als Erfinder der Krankheit ADHS gelten. Natürlich gab es ähnliche Störungsbilder schon vorher, aber er sorgte er dafür, ADHS als anerkannte Krankheit in den amerikanischen DSM aufzunehmen. Das erklärt der ebenfalls renommierte Biologe und Wissenschaftsjournalist Jörg Blech, inzwischen auch SPIEGEL-Redakteur, in DER SPIEGEL 06/2012 in seiner sehr lesenswerten Titelgeschichte „Die gestresste Seele“. Wir zitieren daraus den Absatz, der sich auf ADHS bezieht:

Zitat: „Die Karriere der heute wohl bekanntesten aller seelischen Kinderkrankheiten begann 1935: Damals hatten Ärzte in den USA erstmals versucht, zappeligen und unkonzentrierten Grundschülern ein Hirnleiden anzuhängen. Diese Kinder hätten mit den Folgen einer Gehirnentzündung zu kämpfen, hieß es, und litten am sogenannten postenzephalitischen Syndrom. Dieser Begriff konnte sich allerdings nicht durchsetzen – viele der angeblich betroffenen Kinder hatten niemals eine Enzephalitis gehabt. In den sechziger Jahren war es dann der US-Psychiater Leon Eisenberg, der dem Krankheitsbild, unter neuem Namen, zum Durchbruch verhalf. Abends spielte der Arzt zu Hause mit seinen eigenen Kindern; tagsüber kümmerte er sich um schwierige Schüler – und probierte Psychopharmaka an ihnen aus. Anfangs experimentierte er mit Dextroamphetamin, später verschrieb er Methylphenidat zum Pausenbrot. Und siehe da: Die Mittel veränderten das Verhalten; temperamentvolle Kinder wurden gefügig.

Auf einem Seminar der Weltgesundheitsorganisation kämpften Eisenberg und sein Kollege Mike Rutter 1967 darum, die angebliche Hirnstörung als eigenständige Krankheit in den Katalog der psychiatrischen Leiden aufzunehmen. Den eher psychosomatisch geprägten Ärzten in der Runde ging das zu weit, doch Eisenberg und Rutter ließen nicht locker – und setzten sich durch. Im „Diagnostischen und Statistischen Manual“ ist die „hyperkinetische Reaktion des Kindesalters“ anno 1968 aufgetaucht und hat darin bis heute ihren Platz, und zwar unter dem inzwischen gebräuchlichen Namen ADHS. Damit war eine Erkrankung in der Welt, die es vielen recht machte. Die Vorstellung, ADHS habe genetische Ursachen und sei damit angeboren, entlastete die Eltern. An der Erziehung könne es nicht liegen, wenn das eigene Kind nicht funktioniere wie gewünscht. Und so gibt es in Deutschland in jeder Grundschulklasse inzwischen statistisch ein Kind mit der Diagnose ADHS. Damit Tobemarie und Zappelphilipp ruhiger werden, erhalten sie Mittel wie Medikinet und Ritalin. Das freut die Industrie: Der Verbrauch des darin enthaltenen Betäubungsmittels Methylphenidat erreicht jedes Jahr neue Rekorde. Wurden 1993 noch 34 Kilogramm in Apotheken umgeschlagen, waren es im vorigen Jahr 1760 Kilogramm.

Ein Blick in die USA zeigt, dass durchaus noch Luft nach oben ist. Von den zehnjährigen Jungen schluckt mittlerweile bereits jeder zehnte ein ADHS-Medikament und das jeden Tag. Doch ausgerechnet der wissenschaftliche Vater von ADHS hat die Explosion der Verschreibungen mit wachsendem Entsetzen verfolgt. Leon Eisenberg übernahm später die Leitung der Psychiatrie am renommierten Massachusetts General Hospital in Boston und wurde zu einem der bekanntesten Nervenärzte der Welt. In seinem letzten Interview, sieben Monate vor seinem Tod an Prostatakrebs im Alter von 87 Jahren, distanzierte er sich von seiner Jugendsünde.

Ein großer, hagerer Mann mit Brille und Hosenträgern öffnete 2009 die Tür zu seiner Wohnung am Harvard Square, lud an den Küchentisch und schenkte Kaffee aus. Niemals hätte er gedacht, erzählte er, dass seine Erfindung einmal derart populär würde. „ADHS ist ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“, sagte Eisenberg. „Die genetische Veranlagung für ADHS wird vollkommen überschätzt“. Stattdessen sollten Kinderpsychiater viel gründlicher die psychosozialen Gründe ermitteln, die zu Verhaltensauffälligkeiten führen können, sagte Eisenberg. Gibt es Kämpfe mit den Eltern, leben Mutter und Vater zusammen, gibt es Probleme in der Familie? Solche Fragen seien wichtig, aber sie nähmen viel Zeit in Anspruch, sagte Eisenberg und fügte seufzend hinzu: „Eine Pille verschreibt sich dagegen ganz schnell.“ Den ADHS-Geist, den er gerufen hatte, wurde Eisenberg nicht mehr los“ (DER SPIEGEL 06/2012 Zitatende).

 

 


 

 

 

 

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