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LIEGEN WIR ALLE BEI ADHS SEIT LANGEM FALSCH?

Im New York Times Magazine erschien kürzlich ein aufsehenerregender Beitrag mit der Überschrift (deutsch von uns):

𝗟𝗜𝗘𝗚𝗘𝗡 𝗪𝗜𝗥 𝗔𝗟𝗟𝗘 𝗕𝗘𝗜 𝗔𝗗𝗛𝗦 𝗦𝗘𝗜𝗧 𝗟𝗔𝗡𝗚𝗘𝗠 𝗙𝗔𝗟𝗦𝗖𝗛?

Der sehr erfreuliche Artikel von Paul Tough, einem renommierten Wissenschaftsautor von Erziehungsthemen und kindlicher Entwicklung, fasst alles zusammen, was Café Holunder seit über 20 Jahren kritisch zum Konstrukt ADHS betont. So resümiert er, dass es kein eindeutiges geschlossenes Störungskonzept der ADHS gibt, keine klaren Belege ihrer genetischen Verursachung sowie keinen langfristigen Erfolg therapeutischer Interventionen, stattdessen aber überholte Diagnosekriterien und Behandlungskonzepte einschließlich der Medikation. Zusammenfassend stellt der Autor fest:

1. ADHS ist kaum zu definieren, jüngere Forschung hat dies noch schwieriger gemacht, nicht leichter.

2. Medikamente wie Adderall und Ritalin können sich positiv auf das Verhalten von Kindern auswirken, aber ohne einen Dauererfolg.

3. Die Medikation kann das Verhalten von Schülern verbessern, aber nicht ihren Lernerfolg.

4. Es gibt keine klare Unterscheidung zwischen Menschen mit oder ohne ADHS.

5. Eine Verbesserung der Umwelt eines Kindes verbessert seine Symptomatik.

Unser Fazit: ADHS ist ein unspezifisches Konstrukt ohne körperliche (genetische) Ursache. Eine klare Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne ADHS ist unmöglich, kein Wunder also, dass das Konstrukt derzeit dermaßen inflationiert. Die Medikation diszipliniert lediglich unerwünschtes Verhalten ohne „Heilungserfolg“. Psychotherapie (bei Kindern vor allem Familientherapie) und Psychoedukation können dauerhaft heilen.

Alles in allem für uns nichts Neues, aber es ist sehr zu begrüßen, dass eine große amerikanische Zeitung mit weltweiter Rezeption dies veröffentlicht. Ein Wendepunkt?

https://tinyurl.com/2xu8dfl8

HÖHERER BLÖDSINN AUF DEUTSCH

An dieser aktuellen Studie kann man sehr schön sehen, dass die ADHS-Forschung der letzten 30 Jahre nur banalen und unspezifischen Blödsinn herausgefunden hat. „Die Ätiologie und Pathophysiologie von ADHS sind noch nicht vollständig verstanden. Es gibt Hinweise auf eine genetische Grundlage für ADHS, aber wahrscheinlich sind viele Gene mit geringer individueller Wirkung beteiligt“, heißt es. Auf Deutsch: man weiß gar nichts.

„Neuropsychologische Tests haben eine Reihe gut dokumentierter Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne ADHS ergeben. Diese treten in zwei Hauptbereichen auf: Exekutivfunktion und Motivation, obwohl keiner von beiden spezifisch für ADHS ist.“  Auf Deutsch: Unkonzentrierte Kinder machen mehr Fehler in Konzentrationstests (sic!), aber ob sie ADHS haben, weiß man gar nicht.

„Unter den motivationalen Unterschieden deuten viele Hinweise darauf hin, dass eine veränderte Reaktion auf Belohnung eine zentrale Rolle bei den Symptomen von ADHS spielen könnte.“ Auf Deutsch: Bei Dingen, die Spaß machen, ist der Mensch konzentrierter.

Wie Elton zu sagen pflegt: Langweilig!

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19627998/

RAUCHEN IST TÖDLICH

Stellen Sie sich vor, Sie stellen eine Gruppe aus Alkoholikern, Rauchern, Süchtigen, Depressiven, Schilddrüsenkranken, Angstkranken etc. zusammen und messen mittels Fragebogen, dass sie auch besonders unruhig, impulsiv oder unkonzentriert sind. Dann berechnen Sie noch deren Lebenserwartung und stellen fest, dass sie kürzer leben als eine Gruppe, in der weniger Raucher, Schilddrüsenkranke, Alkoholiker etc. sind und die deshalb auch nicht so unruhig, impulsiv oder unkonzentriert sind. 

Das wussten Sie nun aber schon lange, es steht ja zum Beispiel auf jeder Zigarettenschachtel, dass Rauchen tödlich sein kann. Nun aber schließen einige Forscher daraus, dass ADHS das Leben verkürze. Und die Medien springen ohne nachzudenken sofort wieder drauf, denn es klingt ja besorgniserregend.

Dass Menschen, die an vielerlei Störungen oder Krankheiten leiden, besonders unruhig oder unkonzentriert sind, ist lange bekannt. Dass sie aber alle zusätzlich ADHS haben sollen, nicht.

https://tinyurl.com/27o6yyto

NICHTMEDIKAMENTÖSE THERAPIE

Angesichts der Tatsache, dass es keine ADHS-spezifische Symptomatik gibt, sondern Menschen aus vielen unterschiedlichen Gründen psychisch und körperlich unruhig, impulsiv und unaufmerksam sein können, verwundert es nicht, wenn es keine allgemeine nichtmedikamentöse Therapie für ADHS gibt. Ohne sehr sorgfältige Ausschlussdiagnostik, die die jeweilige Ursache der Symptomatik im Einzelfall findet, kann es keine spezifische und effektive Therapie geben. Während Psychopharmaka die Symptomatik nur für die Dauer ihrer Einnahme unterdrücken, sollte eine spezifische nichtmedikamentöse Therapie wirklich kausal heilen.

In der Neurowissenschaft bezeichnet man geistige Prozesse, die Verhalten, Denken, Emotionen, Aufmerksamkeit und  Gefühle gezielt, willentlich und angepasst steuern, als Exekutivfunktionen.  Eine ADHS-Theorie geht von einer Störung der Exekutivfunktionen aus und will mit einem Training dieser Funktionen, vorwiegend des Arbeitsgedächtnisses, behandeln. Neurofeedback, Verhaltenstherapie und kognitives Training sind gängige Methoden, von denen bisher aber keine überzeugenden nichtmedikamentösen Effekte berichtet werden konnten. Ritalin bügelt sozusagen alles nieder.

Das ist, wie gesagt, kein Wunder, weil diese Ansätze eben viel zu unspezifisch ansetzen. Wenn man Fieber vergleichsweise nur symptomatisch behandeln würde, ohne dessen vielfältige Ursachen zu berücksichtigen, könnte es lebensgefährlich enden.

Die Psychoanalyse kennt Exekutivfunktionen als Teil des „Ich“. Auch Störungen der Ichfunktionen können vielerlei Ursachen haben, u. a. auch Störungen des Zusammenwirkens von „Es“, „Ich“ und „Überich“. Unbewusste intrapsychische Dauerkonflikte als Niederschläge traumatisierender Lebenserfahrungen sind häufige Ursachen von Störungen des Ich bzw. der Exekutivfunktionen. Empirische tiefenpsychologische Studien hierzu fehlen aber noch. Die biologistische ADHS-Rezeption blendet psychische Konflikte als Ursache der Symptomatik aus.

PARADIGMENWECHSEL BEI ADHS

ADHS IST EIN PSYCHOSOZIALES KONSTRUKT

Wir können es nicht oft genug wiederholen: Trotz gegenteiliger Behauptungen ist nicht belegt, dass ADHS eine körperlich begründbare Krankheit ist, es existiert kein spezifischer, objektivierbarer Biomarker. Sonst könnte man ja die Diagnose darauf stützen. Die Verhaltenssymptomatik ist obendrein unspezifisch, in Anlehnung an eine Sammlung von Spitzok v. Briginski haben wir ca. 70 unterschiedliche Störungen oder Besonderheiten gefunden, die eine vergleichbare Symptomatik zeigen (1).

Was aber sehr gut belegt ist (und verschwiegen wird), sind psychosoziale Bedingungen, die ADHS-Verhalten verursachen. „Kontextuelle Faktoren wie z.B. Armut, elterliche Psychopathologie, Trauma, Bildschirmzeit, frühe Deprivation  und die Tatsache, der Jüngste in der Klasse zu sein, erhalten wesentlich weniger Aufmerksamkeit“ als die Hyperfokussierung auf Genetik und Gehirn. Der niederländische Forscher Tycho Dekkers, von dem diese Feststellung stammt, nennt den gegenwärtigen Biologismus bei ADHS Dekontextualisierung, das Herausreißen eines Verhaltens aus seinem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang (2).

Es existiert eine sehr gute wissenschaftliche Untersuchung über die umweltabhängige Entstehung von ADHS, also der Symptome Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung. Sie stammt von EA Carlson. Man hat Kleinkinder zu einem Zeitpunkt, als sie noch unauffällig waren, 14 Jahre lang alle 6 Monate gründlich körperlich und psychologisch untersucht. Dieses aufwendige methodische Vorgehen ist deshalb so kostbar, weil nur rein prospektive Studien dieser Art wirkliche Aussagen über Ursachen und Folgen zulassen. Die Forscher fanden heraus, dass vor allem Familienkriterien eine Voraussage zulassen, ob Kinder ADHS entwickeln werden oder nicht. „In der frühen Kindheit ließ die elterliche Zuwendung sehr viel deutlichere Voraussagen auf frühe Ablenkbarkeit (einem Vorläufer späterer Hyperaktivität) zu als frühe biologische oder (eher genetisch bedingte) Temperamentsfaktoren. Elterliche Zuwendung und familiäre Kontextfaktoren (wie eheliche Geburt, Ausmaß der emotionalen Zuwendung plus frühe Ablenkbarkeit) ließen eine zuverlässige Vorhersage auf Hyperaktivität in der mittleren Kindheit zu“ (3).

Auch Tobias Banaschewski, stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, der schon vor Jahren betont hat, dass ADHS kein spezifisches Störungsbild im Vergleich zu anderen ist, stellt dieser Tage fest, dass ADHS ein psychosoziales Konstrukt ist und keine eigene medizinische Entität. Er plädiert für einen transformativen Paradigmenwechsel im Bereich der ADHS (4). Dekkers stimmt ihm zu und betont drei Nachteile des bisherigen engen Biologismus: Stigmatisierung durch die Diagnose ADHS, übermäßige Abhängigkeit von der Medikation sowie Einengung der Lebens- und Hilfsqualität für Betroffene, wenn psychosoziale Ursachen ignoriert bleiben.  

Zu einer Kontextualisierung im Sinne von Dekkers würde die grundsätzliche Bereitschaft gehören, ADHS als psychogene Verhaltensstörung zu erkennen, die systemisch und familientherapeutisch bei Kindern und systemisch-psychotherapeutisch bei Erwachsenen behandelt werden sollte. Bisherige Studien, die nur der Verhaltenstherapie einen begrenzten Nutzen zubilligen, kranken daran, dass das biologistische Narrativ inzwischen so tief in den Köpfen der Diagnostiker und Behandler verwurzelt ist, dass bei den meisten Betroffenen die praktisch sofort wirkende Medikation und die Vorstellung einer damit behandelbaren Hirnfunktionsstörung  ausschlaggebend ist.

Die medizinische Diagnose entlastet. Eltern wurden bisher aus der Verantwortung für ihre Erziehungs- und Familienproblematik genommen, Erwachsene für ihre psychosoziale Lebensgeschichte, indem ihnen (meist zu ihrer Erleichterung) eingeredet wurde, ADHS sei erfahrungs- und erziehungsunabhängig, weil vererbt und genetisch bedingt. Dafür kann man ja nichts. Und Psychotherapie oder Familientherapie wirken nicht sofort und können psychisch schmerzhaft sein. Dafür können sie aber nachhaltig heilen, während Ritalin nur so lange wirkt, wie man es nimmt.

Das größte Problem bei einem solchen kontextuellen Paradigmenwechsel wird aber die mächtige Pharmalobby sein, deren Umsätze schwinden würden. Dabei hat sich jetzt schon gezeigt, dass viele Betroffene die Psychopharmaka länger einnehmen, als sie müssten. Weil ADHS als lebenslängliche Störung gilt, wagt man keinen Auslassversuch.

(1) Was ADHS wirklich ist: https://adhskritik.com/2019/09/09/was-adhs-in-wahrheit-ist/
(2) Dekkers zu Banaschewski: https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2024.1383492/full
(3) Wie ADHS entsteht: https://adhskritik.com/2020/06/23 /wie-adhs-entsteht/
(4) ADHS bei Kindern und Jugendlichen als soziales Konstrukt angesichts der steigenden Diagnoseprävalenz und Medikamenteneinnahme https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38250274/

DAS MÄRCHEN VON DER ADHS-FRAU

Vor sog. Experten für ADHS kann man nur warnen. Was wir hier kürzlich über Alexandra Philipsen geschrieben haben, lässt sich auch bei Astrid Neuy-Lobkowicz wiederholen. Als Fachärztin für ADHS hat sie so viele Patienten, dass man ihr online-Anmeldeformular nur jeden 15. eines Monats für eineinhalb Stunden öffnen kann.

In der kostenlosen dm-Werbezeitung Alverde verkündet sie im Oktoberheft 2024 z.B., dass ADHS vererbt sei, was die Zwillingsforschung bewiesen habe. Dabei weiß man längst, dass die Ergebnisse der Zwillingsforschung dies keineswegs beweisen, denn sie können ebenso gut durch psychosoziale Erfahrungen erklärt geben, abgesehen davon, dass man noch gar keine ADHS-spezifische Genetik gefunden hat.

Dann wird unverdrossen die alte Dopamin-Mär wiederholt, der zufolge es einen erblich bedingten zu schnellen Dopaminabbau im Gehirn gebe. Wo wurde dies jemals wissenschaftlich unwidersprochen belegt?

Anschließend werden Genderklischees über Frauen mit ADHS verbreitet, die, falls sie überhaupt stimmen, in ihrer Spezifität für ADHS nirgends belegt sind. Und abschließend wird auch noch betont, dass Neuy-Lobkowicz Vorstandsmitglied im ADHS-Deutschland e.V. ist.

ADHS UND SUCHT

„ADHS-Medikamente verringern Suchterkrankungen“, „ADHS und Sucht treten gemeinsam auf“, „ADHS erhöht das Suchtrisiko“, so oder ähnlich verbreiten es seit Jahren das Ärzteblatt und viele anderen Medien. Was ist davon zu halten?

Um die Antwort gleich zu verraten: Diese Behauptungen sind durch die Bank viel zu simpel und deshalb wissenschaftlich falsch. „Sucht“ ist ein komplexes Phänomen, sowohl ätiologisch als auch psychosozial und kulturell. Und „ADHS“ als eigene medizinische Krankheit gibt es gar nicht, dafür gibt es weder Biomarker noch spezifische Symptome.

Dass ADHS und Sucht gemeinsam auftreten sollen, ist das klassische ADHS-Epiphänomen: Sucht macht einfach dieselben Symptome wie die angebliche Krankheit ADHS. Es handelt sich also nur um Sucht, nicht auch um ADHS.

Dass ADHS das Suchtrisiko erhöhen soll, setzt eine nicht belegte Kausalität voraus, als ob eine angeborene ADHS eine Sucht auslöse. Das ist nirgends belegt.

Dass ADHS-Medikamente wie das verrufene Ritalin ein Suchtrisiko verringern können, ist zwar belegt, aber kein Beleg für die Diagnose ADHS, denn sie wirken auch bei Menschen ohne ADHS. Ritalin ist eine als Medizin legalisierte Droge. Seine Alternativen können selber methylphenidat-süchtig machen. ADHS-Symptome können auch durch Alkohol oder Nikotin gemildert werden. Vielerlei andere Drogen oder Medikamente können Konzentrationsprobleme und Unruhe verringern. Mit ADHS hat das aber nichts zu tun. Es gäbe gar keine Drogen, wenn die Menschen nicht schon immer nach Hilfsmitteln gesucht hätten, sich psychisch den Alltag zu erleichtern.

ABER FRAU PHILIPSEN!

Frau Prof. Dr. Alexandra Philipsen ist stellv. ärztliche Direktorin am Universitätsklinikum Bonn, daneben noch Beiratsmitglied im Verein ADHS Deutschland, einem Verbund von Elterngruppen zum Thema ADHS. Das Pharmaunternehmen MEDICE, Hersteller der ADHS-Medikamente Attentin und Medikinet, gehört seit Jahren zu den (Förder-)Mitgliedern dieses Vereins. Was Philipsen hin und wieder zu ADHS öffentlich vertritt, ist erstaunlich. In einem kürzlichen Beitrag liest man auf der Webseite Telepolis einige Aussagen, die wir hier kurz kritisch hinterfragen wollen:

Behauptung: „ADHS ist keine Laune, sondern es gibt neurobiologische Auffälligkeiten im Gehirn der Betroffenen“.
Wahrheit: Es gibt keinerlei ADHS-spezifische neurobiologische Besonderheiten oder Biomarker im Gehirn der Betroffenen, die kausal wären. Die Ätiologie von ADHS ist unbekannt.

Behauptung: „Ein Dopamin-Mangel im „synaptischen Spalt“ behindert die Informationsweiterleitung zwischen den Nervenzellen“.
Wahrheit: Diese ADHS-Theorie ist nicht bestätigt und kann als überholt gelten. Die Ätiologie von ADHS ist unbekannt.

Behauptung: „ADHS ist laut Philipsen stark genetisch beeinflusst, wobei nicht ein Gen, sondern Tausende (!) Risikogene zusammenspielen.“
Wahrheit: Nachdem man nie „das“ ADHS-Gen und auch keine spezifische Gen-Kombination gefunden hat, sind die tausenden Risikogene gar keine Risiko- sondern ganz normale Gene, die auch nicht spezifisch oder kausal, sondern multipräsent und nur mit winzigen Effekten in unbekannter Weise beteiligt sind. Die Ätiologie von ADHS ist unbekannt.

Behauptung: „Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen, seien bei ADHS nicht selten.“
Wahrheit: ADHS-Symptome sind unspezifisch und treten bei vielen unterschiedlichen Störungen auf. „Begleiterkrankungen“ sind also in Wahrheit unterschiedliche Störungen und keine Folgen von ADHS, sondern eigene Entitäten. Allein mittels einer Symptomatik lässt sich ADHS deshalb nicht diagnostizieren. Da es aber keine spezifischen Biomarker gibt, lässt sich ADHS eigentlich nur durch konsequenten Ausschluss aller anderen symptomgleichen Störungen diagnostizieren. Also praktisch gar nicht.

https://www.telepolis.de/…/Keine-Kinderkrankheit-Was…

MEIN ESSEN ZAHL´ ICH SELSBT

Schon immer ist der verdeckte finanzielle Einfluss der Pharmaindustrie auf Forschung und Forscher ein großes Problem. Forscher werden durch Geld beeinflusst, um Studienergebnisse im Sinne der finanziellen Interessen der Industrie zu steuern. Wenn ein Wissenschaftler derartige Beziehungen hat, geht man von einem Interessenkonflikt (coi: conflict of interest) aus. Es besteht in solchen Fällen die Gefahr der Verfälschung von Studienergebnissen, was das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Patienten in die Wissenschaft natürlich zerstören kann.

Interessengeleitete Entscheidungen müssen dem Entscheider dabei keineswegs bewusst sein. In einer klassischen Studie hat man Probanden eine Gerichtsverhandlung vorgegeben und ihnen die Rolle des Anklägers oder des Angeklagten zugewiesen. Auf die Frage, wie ein wirkliches Gericht entschieden hätte, zeigten sich stark verzerrte Einschätzungen je nach Rolle des Probanden. Solche Verzerrungen kennt man in der Psychologie als „self-serving biases“ und „motivated beliefs“.

Direkte Pharmawerbung ist bekanntlich in Deutschland verboten. Deshalb weicht die Pharmaindustrie auf indirekte Methoden aus. Konsensuskonferenzen, die Erstellung von Leitlinien und die weltweit einflussreichen Diagnosebibeln DSM und ICM, aber auch die Unterwanderung von ADHS-Selbsthilfegruppen und -Vereinen sind auf diese Weise schon immer begehrte Einflussfelder der Pharmaindustrie, um Diagnosen und medikamentöse Therapien in ihrem Sinne zu steuern. Die Propagierung bestimmter Krankheitsbilder samt derer pharmakologischen Therapie wie ADHS sind ebenfalls ein lohnendes Einsatzfeld. So erhielt auch der ADHS-Deutschland e.V. in früheren Jahren Pharma-Zuschüsse.

Bereits 2006 hatten mehr als die Hälfte der Mitglieder der beratenden Fachausschüsse des DSM-Klassifikationssystems finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie, wie die Fachzeitschrift ,,Psychotherapy and Psychosomatics“ (3/2006) berichtete. In der Arbeitsgruppe ,,affektive Störungen“ waren sogar 100 Prozent der Mitglieder mit Forschungsgeldern aus dem Pharmasektor gefördert oder hatten Beraterverträge mit Pharmafirmen, bei Angststörungen immerhin noch über 80 Prozent. Auch mehr als die Hälfte der DSM-V-Autoren bezog Zuwendungen von Pharmaunternehmen. Diagnosen, bei denen Pharmakotherapien nicht der Standard sind, verschwanden so immer wieder plötzlich, wie z. B. die Neurosen. Finanzielle Verbindungen sind in denjenigen diagnostischen Bereichen am häufigsten, in denen die pharmakologische Behandlung die Standardbehandlung ist, wie im Falle der ADHS.

Gerade auf dem Gebiet der ADHS wurden viele einflussreiche Forscher mit ihren potentiellen Pharma-Interessenkonflikten bekannt, um hier nur einige wenige anzuführen: Prof. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn, erhielt Honorare für Berater- und Vortragstätigkeit sowie Reisekostenerstattung von Eli Lilly, MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Novartis, Shire und Lundbeck. Joseph Biederman und Russell Barkley in den USA oder der Kinderarzt Klaus Skrodzki sowie der Kölner Professor Manfred Döpfner in Deutschland haben Honorare von der Pharmaindustrie erhalten. Der Pharmahersteller Shire Deutschland (seit 2019: Takeda Pharmaceutical) verlieh der bekannten Psychologin Cordula Neuhaus für ihr Projekt der Mini-Notschule für Kinder mit ADHS ihren mit 10.000 Euro dotierten ADHS-Förderpreis. Der bekannte Dr. Russell Barkley hat als Berater und Sprecher für Eli Lilly, Shire Pharmaceutics und McNeil Pädiatrics Honorare erhalten hat. Den Vogel hat aber der US-Professor Joseph Biederman abgeschossen. Er gilt als der weltweit am häufigsten zitierte Autor im Bereich ADHS. In den US-amerikanischen Massenmedien wurde er wiederholt scharf kritisiert. Es stellte sich heraus, dass er insgesamt 1,6 Millionen US-Dollar Pharmagelder gegenüber seinen Arbeitgebern, der Harvard University und dem Massachusetts General Hospital, verschwiegen hatte, obwohl er zu einer Offenlegung verpflichtet gewesen wäre (1).

Die Metaanalyse einer Gruppe von Ökonomen aus den Vereinigten Staaten und England über die Auswirkungen von Interessenkonflikten in der sozialwissenschaft-lichen Forschung zeigt in diesen Tagen, dass das Vertrauen in die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie um 30 % sinkt, wenn der Leser von Interessenkonflikten der Autoren erfährt. Erfährt der Leser umgekehrt vom Vorliegen von keinen Interessenkonflikten, steigt sein Vertrauen in die Integrität der Studie stark (2).

Kennen Sie MEZIS? Das ist die Abkürzung für „Mein Essen zahl´ ich selbst“ und bezeichnet eine Vereinigung von Ärzten, die auf jedwede finanzielle Verbindung zur Pharmaindustrie verzichten. Mit Informationen und Aufklärung sensibilisiert MEZIS Ärzte, Studenten und Patienten für Marktinteressen bei Arzneimittelverschreibungen und Behandlungen. Die Webseite dieses Teams verlangt sogar keine Cookies. „Jedes Jahr besuchen 15.000 Pharmavertreterinnen und Pharmavertreter 20 Millionen mal Arztpraxen und Krankenhäuser, werben für ihre Produkte, verteilen Geschenke, bieten Honorare für Anwendungsbeobachtungen, laden zum Essen ein und bezahlen Fortbildungs- und Reisekosten. Die pharmazeutische Industrie sponsert einen großen Teil der ärztlichen Fortbildung und sorgt so für die „richtigen“ Themen. Befindlichkeitsstörungen, die medikamentös behandelt werden können, werden durch Werbung gezielt zu Krankheiten erklärt (Disease mongering). Gefährdungen durch Krankheiten werden verzerrt dargestellt und Angst geschürt (Fear mongering), Patientenorganisationen werden gesponsert und mit den passenden Informationen versorgt“, liest man dort. Außerdem: „Daten aus Studien im Auftrag der pharmazeutischen Industrie werden nicht oder nicht vollständig veröffentlicht. Planung und Auswertung geschehen – auch unbewusst – im Sinne eines erwünschten Ergebnisses. Pharmakonzerne beschäftigen eigene Autorinnen und Autoren, die wichtige Gesundheits-Internetseiten mit unausgewogenen und interessengeleiteten Meldungen gestalten, oder sie betreiben diese Webseiten unerkannt selbst“ (3).

(1) https://www.adhspedia.de/wiki/

(2) https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm? abstract_id=4979205#

(3) https://mezis.de/mezis-ziele/

EIN TRAUERSPIEL

Die ADHS-Forschung ist bekanntlich in weiten Teilen ein wissenschaftliches Trauerspiel. Die Studien sind sehr oft methodisch schwach und fehlerhaft. Man denke nur an die Methodenschwäche der früheren ADHS-Verhaltensgenetik, die selbst renommierte Wissenschaftler bis heute nicht davon abhält, zu behaupten, ADHS sei bis zu 80% genetisch bedingt, obwohl die Molekularforschung dies nicht bestätigt hat (1).

Ein aktuelles Beispiel findet man in einer geplanten Studie der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Frankfurt, die einen Zusammenhang zwischen dem Arbeitsgedächtnis und ADHS untersuchen will. Studienleiterin Dr. Catherine Barnes-Scheufler und ihre Mitarbeiter behaupten in ihrer Studienbeschreibung, dass das Arbeitsgedächtnis zu den zentralen Gedächtnisfunktionen gehöre, die beim Vorliegen einer ADHS gestört sind (2).

Gleich hier wird einer der Kardinalfehler der ADHS-Forschung wiederholt: Das „Vorliegen einer ADHS“ kann gar nicht festgestellt werden, vielmehr wird nur der Cutwert einer unspezifischen Verhaltensbeschreibung gemessen, die dann „ADHS“ genannt wird. Weiterhin wird eine Kausalität unterstellt (dass ADHS das Arbeitsgedächtnis störe), die nirgends belegt ist.  

Besonders erstaunlich aber ist dieser Halbsatz in der Studienbeschreibung: Bei der Aufzählung von Störvariablen, die ausgeschlossen werden sollen, heißt es: „….außer Alkohol und Zigaretten…“ Da reibt man sich denn doch die Augen, ist doch bekannt, dass Alkohol das Arbeitsgedächtnis stört (3).  Wieso wird Alkoholkonsum bei den Versuchspersonen zugelassen, so dass niemand sagen kann, ob die gemessenen Effekte auf ADHS oder auf Alkohol zurückgehen?

Na denn Prost!

(1)Joseph, J.: The missing Gene. Algora 2006.
(2) https://tinyurl.com/2968zp6c
(3) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35075512/

ADHS-KRITIK: Hier wird ADHS gegen den Mainstream gebürstet

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