Schon immer ist der verdeckte finanzielle Einfluss der Pharmaindustrie auf Forschung und Forscher ein großes Problem. Forscher werden durch Geld beeinflusst, um Studienergebnisse im Sinne der finanziellen Interessen der Industrie zu steuern. Wenn ein Wissenschaftler derartige Beziehungen hat, geht man von einem Interessenkonflikt (coi: conflict of interest) aus. Es besteht in solchen Fällen die Gefahr der Verfälschung von Studienergebnissen, was das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Patienten in die Wissenschaft natürlich zerstören kann.
Interessengeleitete Entscheidungen müssen dem Entscheider dabei keineswegs bewusst sein. In einer klassischen Studie hat man Probanden eine Gerichtsverhandlung vorgegeben und ihnen die Rolle des Anklägers oder des Angeklagten zugewiesen. Auf die Frage, wie ein wirkliches Gericht entschieden hätte, zeigten sich stark verzerrte Einschätzungen je nach Rolle des Probanden. Solche Verzerrungen kennt man in der Psychologie als „self-serving biases“ und „motivated beliefs“.
Direkte Pharmawerbung ist bekanntlich in Deutschland verboten. Deshalb weicht die Pharmaindustrie auf indirekte Methoden aus. Konsensuskonferenzen, die Erstellung von Leitlinien und die weltweit einflussreichen Diagnosebibeln DSM und ICM, aber auch die Unterwanderung von ADHS-Selbsthilfegruppen und -Vereinen sind auf diese Weise schon immer begehrte Einflussfelder der Pharmaindustrie, um Diagnosen und medikamentöse Therapien in ihrem Sinne zu steuern. Die Propagierung bestimmter Krankheitsbilder samt derer pharmakologischen Therapie wie ADHS sind ebenfalls ein lohnendes Einsatzfeld. So erhielt auch der ADHS-Deutschland e.V. in früheren Jahren Pharma-Zuschüsse.
Bereits 2006 hatten mehr als die Hälfte der Mitglieder der beratenden Fachausschüsse des DSM-Klassifikationssystems finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie, wie die Fachzeitschrift ,,Psychotherapy and Psychosomatics“ (3/2006) berichtete. In der Arbeitsgruppe ,,affektive Störungen“ waren sogar 100 Prozent der Mitglieder mit Forschungsgeldern aus dem Pharmasektor gefördert oder hatten Beraterverträge mit Pharmafirmen, bei Angststörungen immerhin noch über 80 Prozent. Auch mehr als die Hälfte der DSM-V-Autoren bezog Zuwendungen von Pharmaunternehmen. Diagnosen, bei denen Pharmakotherapien nicht der Standard sind, verschwanden so immer wieder plötzlich, wie z. B. die Neurosen. Finanzielle Verbindungen sind in denjenigen diagnostischen Bereichen am häufigsten, in denen die pharmakologische Behandlung die Standardbehandlung ist, wie im Falle der ADHS.
Gerade auf dem Gebiet der ADHS wurden viele einflussreiche Forscher mit ihren potentiellen Pharma-Interessenkonflikten bekannt, um hier nur einige wenige anzuführen: Prof. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn, erhielt Honorare für Berater- und Vortragstätigkeit sowie Reisekostenerstattung von Eli Lilly, MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Novartis, Shire und Lundbeck. Joseph Biederman und Russell Barkley in den USA oder der Kinderarzt Klaus Skrodzki sowie der Kölner Professor Manfred Döpfner in Deutschland haben Honorare von der Pharmaindustrie erhalten. Der Pharmahersteller Shire Deutschland (seit 2019: Takeda Pharmaceutical) verlieh der bekannten Psychologin Cordula Neuhaus für ihr Projekt der Mini-Notschule für Kinder mit ADHS ihren mit 10.000 Euro dotierten ADHS-Förderpreis. Der bekannte Dr. Russell Barkley hat als Berater und Sprecher für Eli Lilly, Shire Pharmaceutics und McNeil Pädiatrics Honorare erhalten hat. Den Vogel hat aber der US-Professor Joseph Biederman abgeschossen. Er gilt als der weltweit am häufigsten zitierte Autor im Bereich ADHS. In den US-amerikanischen Massenmedien wurde er wiederholt scharf kritisiert. Es stellte sich heraus, dass er insgesamt 1,6 Millionen US-Dollar Pharmagelder gegenüber seinen Arbeitgebern, der Harvard University und dem Massachusetts General Hospital, verschwiegen hatte, obwohl er zu einer Offenlegung verpflichtet gewesen wäre (1).
Die Metaanalyse einer Gruppe von Ökonomen aus den Vereinigten Staaten und England über die Auswirkungen von Interessenkonflikten in der sozialwissenschaft-lichen Forschung zeigt in diesen Tagen, dass das Vertrauen in die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie um 30 % sinkt, wenn der Leser von Interessenkonflikten der Autoren erfährt. Erfährt der Leser umgekehrt vom Vorliegen von keinen Interessenkonflikten, steigt sein Vertrauen in die Integrität der Studie stark (2).
Kennen Sie MEZIS? Das ist die Abkürzung für „Mein Essen zahl´ ich selbst“ und bezeichnet eine Vereinigung von Ärzten, die auf jedwede finanzielle Verbindung zur Pharmaindustrie verzichten. Mit Informationen und Aufklärung sensibilisiert MEZIS Ärzte, Studenten und Patienten für Marktinteressen bei Arzneimittelverschreibungen und Behandlungen. Die Webseite dieses Teams verlangt sogar keine Cookies. „Jedes Jahr besuchen 15.000 Pharmavertreterinnen und Pharmavertreter 20 Millionen mal Arztpraxen und Krankenhäuser, werben für ihre Produkte, verteilen Geschenke, bieten Honorare für Anwendungsbeobachtungen, laden zum Essen ein und bezahlen Fortbildungs- und Reisekosten. Die pharmazeutische Industrie sponsert einen großen Teil der ärztlichen Fortbildung und sorgt so für die „richtigen“ Themen. Befindlichkeitsstörungen, die medikamentös behandelt werden können, werden durch Werbung gezielt zu Krankheiten erklärt (Disease mongering). Gefährdungen durch Krankheiten werden verzerrt dargestellt und Angst geschürt (Fear mongering), Patientenorganisationen werden gesponsert und mit den passenden Informationen versorgt“, liest man dort. Außerdem: „Daten aus Studien im Auftrag der pharmazeutischen Industrie werden nicht oder nicht vollständig veröffentlicht. Planung und Auswertung geschehen – auch unbewusst – im Sinne eines erwünschten Ergebnisses. Pharmakonzerne beschäftigen eigene Autorinnen und Autoren, die wichtige Gesundheits-Internetseiten mit unausgewogenen und interessengeleiteten Meldungen gestalten, oder sie betreiben diese Webseiten unerkannt selbst“ (3).
(1) https://www.adhspedia.de/wiki/
(2) https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm? abstract_id=4979205#
(3) https://mezis.de/mezis-ziele/
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