MIT DEN AUGEN DES KINDES

Erstes Beispiel aus einem ADHS-Internetforum:

Photo by Emma Bauso on Pexels.com

Eine Mutter beklagt sich heftig über ihren 9jährigen Sohn: Er mache seine Hausaufgaben nicht regelmäßig, obwohl sie täglich neben ihm sitze und in Absprache mit der Lehrerin alles kontrolliere. Sohnemann müsse in der Schule täglich aufschreiben, was an Hausaufgaben anfalle, und die Lehrerin kontrolliere dies ihrerseits. Und trotzdem schaffe es der Sohn immer wieder, keine oder falsche Hausaufgaben zu machen, trotz Ritalin morgens und mittags. Sie sei völlig ratlos.

Zweites Beispiel:

Wieder beklagt eine Mutter („…mit den Nerven völlig fertig“) das Verhalten ihres Sohnes, der Wutanfälle bekomme, keine Freunde finde, nicht mit ihr rede, nicht nach Hause komme, lüge und stehle. Auch sie sei völlig ratlos und erhoffe sich im Internet Medikamenten-Tipps.

In „ADHS“-Internetforen finden wir unzählige derartige Beispiele, denen eines gemeinsam ist: Die Mütter fragen nur danach, ob und wie sie die Probleme mittels Psychopharmaka in den Griff bekommen könnten. Sie fragen, ob ihr Kind vielleicht unter- (selten über-) dosiert sei oder das Medikament durch ein anderes ersetzt werden sollte. Sie sind nämlich überzeugt davon, dass ihr „ADHS-Kind“ medizinisch krank ist und vordringlich medikamentös behandelt werden muss. Wenn das Verhalten ihres Kindes nicht wunschgemäß ist, kann es aus ihrer Sicht nur am Medikament und seiner Anwendung liegen. Deshalb fragen sie natürlich erst gar nicht, wie sie das Verhalten ihres Kindes vielleicht verstehen könnten, um dann für Abhilfe sorgen zu können.

Sie fragen nicht, ob das Verhalten ihres Kindes vielleicht etwas zu tun haben könnte mit ihrem Erziehungsstil, mit ihrem Familienklima, mit ihrer Ehekrise oder ihren wirtschaftlichen Problemen, mit ihrer Scheidung, mit ihren eigenen psychischen Störungen… Sie fragen einfach immer nur nach einem Medikament. Und ansonsten sind Sie vollkommen ratlos!

Und diese Einstellung wird von den anderen Forenteilnehmern, denen es genau so geht, dann ausgiebig gefördert. Niemand käme auf die Idee, nach solchen Familienfaktoren und wie sie sich subjektiv aus der Sicht eines Kindes darstellen, zu fragen. Alle ergehen sich in ziemlich leichtfertigen und pseudokompetenten medikamentösen Ratschlägen und verallgemeinern ihre eigenen völlig subjektiven sog. „ADHS“-Probleme. Bestenfalls schimpft man auf Lehrer oder Erzieherinnen. Aber vor der eigenen Haustür darf absolut nicht gekehrt werden.

Was man so schmerzlich vermisst ist der ernsthafte Versuch, die Sicht des Kindes ein- und ernst zu nehmen. Was bewegt den Sohn wirklich, die Mutter und die Lehrerin bei den Hausaufgaben zu unterlaufen? Was bewegt den Sohn wirklich, mit Wutanfällen und Weglaufen zu reagieren? Es ist einfach unzulässig und verantwortungslos, solche Einfühlungsversuche mit der Ausrede zu unterlassen, das Kind sei einfach nur krank und brauche bloß ein passendes Medikament. Die derzeitige „ADHS“-Szene macht sich schuldig an unseren Kindern, weil sie es unterstützt, dass sich Eltern gar nicht mehr in ihre Kinder einfühlen, sich selbst dabei nicht hinterfragen und in ihrem eigenen Verhalten die Sicht des Kindes nicht angemessen wirksam werden lassen.


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Autor: adhskritik

Hans-Reinhard Schmidt, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Gutachter, Buchautor, Supervisor, Dozent.