ADHS IST EIN PSYCHOSOZIALES KONSTRUKT
Wir können es nicht oft genug wiederholen: Trotz gegenteiliger Behauptungen ist nicht belegt, dass ADHS eine körperlich begründbare Krankheit ist, es existiert kein spezifischer, objektivierbarer Biomarker. Sonst könnte man ja die Diagnose darauf stützen. Die Verhaltenssymptomatik ist obendrein unspezifisch, in Anlehnung an eine Sammlung von Spitzok v. Briginski haben wir ca. 70 unterschiedliche Störungen oder Besonderheiten gefunden, die eine vergleichbare Symptomatik zeigen (1).
Was aber sehr gut belegt ist (und verschwiegen wird), sind psychosoziale Bedingungen, die ADHS-Verhalten verursachen. „Kontextuelle Faktoren wie z.B. Armut, elterliche Psychopathologie, Trauma, Bildschirmzeit, frühe Deprivation und die Tatsache, der Jüngste in der Klasse zu sein, erhalten wesentlich weniger Aufmerksamkeit“ als die Hyperfokussierung auf Genetik und Gehirn. Der niederländische Forscher Tycho Dekkers, von dem diese Feststellung stammt, nennt den gegenwärtigen Biologismus bei ADHS Dekontextualisierung, das Herausreißen eines Verhaltens aus seinem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang (2).
Es existiert eine sehr gute wissenschaftliche Untersuchung über die umweltabhängige Entstehung von ADHS, also der Symptome Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung. Sie stammt von EA Carlson. Man hat Kleinkinder zu einem Zeitpunkt, als sie noch unauffällig waren, 14 Jahre lang alle 6 Monate gründlich körperlich und psychologisch untersucht. Dieses aufwendige methodische Vorgehen ist deshalb so kostbar, weil nur rein prospektive Studien dieser Art wirkliche Aussagen über Ursachen und Folgen zulassen. Die Forscher fanden heraus, dass vor allem Familienkriterien eine Voraussage zulassen, ob Kinder ADHS entwickeln werden oder nicht. „In der frühen Kindheit ließ die elterliche Zuwendung sehr viel deutlichere Voraussagen auf frühe Ablenkbarkeit (einem Vorläufer späterer Hyperaktivität) zu als frühe biologische oder (eher genetisch bedingte) Temperamentsfaktoren. Elterliche Zuwendung und familiäre Kontextfaktoren (wie eheliche Geburt, Ausmaß der emotionalen Zuwendung plus frühe Ablenkbarkeit) ließen eine zuverlässige Vorhersage auf Hyperaktivität in der mittleren Kindheit zu“ (3).
Auch Tobias Banaschewski, stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, der schon vor Jahren betont hat, dass ADHS kein spezifisches Störungsbild im Vergleich zu anderen ist, stellt dieser Tage fest, dass ADHS ein psychosoziales Konstrukt ist und keine eigene medizinische Entität. Er plädiert für einen transformativen Paradigmenwechsel im Bereich der ADHS (4). Dekkers stimmt ihm zu und betont drei Nachteile des bisherigen engen Biologismus: Stigmatisierung durch die Diagnose ADHS, übermäßige Abhängigkeit von der Medikation sowie Einengung der Lebens- und Hilfsqualität für Betroffene, wenn psychosoziale Ursachen ignoriert bleiben.
Zu einer Kontextualisierung im Sinne von Dekkers würde die grundsätzliche Bereitschaft gehören, ADHS als psychogene Verhaltensstörung zu erkennen, die systemisch und familientherapeutisch bei Kindern und systemisch-psychotherapeutisch bei Erwachsenen behandelt werden sollte. Bisherige Studien, die nur der Verhaltenstherapie einen begrenzten Nutzen zubilligen, kranken daran, dass das biologistische Narrativ inzwischen so tief in den Köpfen der Diagnostiker und Behandler verwurzelt ist, dass bei den meisten Betroffenen die praktisch sofort wirkende Medikation und die Vorstellung einer damit behandelbaren Hirnfunktionsstörung ausschlaggebend ist.
Die medizinische Diagnose entlastet. Eltern wurden bisher aus der Verantwortung für ihre Erziehungs- und Familienproblematik genommen, Erwachsene für ihre psychosoziale Lebensgeschichte, indem ihnen (meist zu ihrer Erleichterung) eingeredet wurde, ADHS sei erfahrungs- und erziehungsunabhängig, weil vererbt und genetisch bedingt. Dafür kann man ja nichts. Und Psychotherapie oder Familientherapie wirken nicht sofort und können psychisch schmerzhaft sein. Dafür können sie aber nachhaltig heilen, während Ritalin nur so lange wirkt, wie man es nimmt.
Das größte Problem bei einem solchen kontextuellen Paradigmenwechsel wird aber die mächtige Pharmalobby sein, deren Umsätze schwinden würden. Dabei hat sich jetzt schon gezeigt, dass viele Betroffene die Psychopharmaka länger einnehmen, als sie müssten. Weil ADHS als lebenslängliche Störung gilt, wagt man keinen Auslassversuch.
(1) Was ADHS wirklich ist: https://adhskritik.com/2019/09/09/was-adhs-in-wahrheit-ist/
(2) Dekkers zu Banaschewski: https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2024.1383492/full
(3) Wie ADHS entsteht: https://adhskritik.com/2020/06/23 /wie-adhs-entsteht/
(4) ADHS bei Kindern und Jugendlichen als soziales Konstrukt angesichts der steigenden Diagnoseprävalenz und Medikamenteneinnahme https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38250274/
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