135 JAHRE AMPHETAMIN

Ritalin wirkt im Gehirn wie Kokain

Heute vor 135 Jahren, am 18. Januar 1887, wurde vom rumänischen Chemiker Lazar Edeleanu ein Stoff „erfunden“, der  jahrelang gegen Asthma und Adipositas eingesetzt wurde, bis man seine psychotrope Wirkung als Droge entdeckte. Erst seit dem nannte man ihn „Amphetamin“.  Wegen seines Suchtpotenzials und seiner Nebenwirkungen wird der Stoff heute medizinisch nur noch zur Behandlung der Narkolepsie sowie der „ADHS“ verwendet. In der Drogen- und Dopingszene ist er sehr verbreitet. Erst kürzlich hat eine Metastudie erneut gezeigt, dass Amphetamin die Sportleistung eindeutig steigert und deshalb zurecht als illegales Doping gilt (2).  

Der bekannteste und inzwischen verrufene  Markenname für den Einsatz bei „ADHS“ ist inzwischen „Ritalin“ geworden, auch „Kinderkoks“ genannt aufgrund der chemischen und psychotropen Nähe dieses  Amphetaminderivats zu Kokain. Ritalin wirkt im Gehirn wie Kokain – nur langsamer.

Dabei ist Ritalin gar kein spezifisches ADHS-Medikament. Immer wieder wird behauptet, Methylphenidat (der Wirkstoff in Ritalin etc.) wirke spezifisch („paradox“) nur bei ADHS-Erkrankten. Damit wird denn auch seine Verabreichung als Medikament begründet, denn wenn es auch bei Gesunden wirken würde, wäre es ja nicht wirklich ein Medikament. So mancher behauptet sogar noch, die Wirkung von Ritalin beweise die Diagnose („ex juvantibus“).  In einer Auswertung aller vorliegenden relevanten Forschungsstudien zur Wirkung von Methylphenidat bei Gesunden kommen Linssen u. a. zum Ergebnis, dass bereits eine übliche Einmaldosis von Methylphenidat das Arbeitsgedächtnis, die Denkgeschwindigkeit, das verbale Lernen und Merken, die allgemeine Aufmerksamkeit und geistige Wachheit, das Nachdenken und Problemlösen auch bei Menschen ohne „ADHS“ deutlich verbessert (1).

Quellen:
(1) Linssen AM, Sambeth A, Vuurman EF, Riedel WJ.: Cognitive effects of methylphenidate in healthy volunteers: a review of single dose studies. Int J Neuropsychopharmacol.2014 Jan 15:1-17.
(2) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35022919/

RITALIN VERÄNDERT DAS GEHIRN VON KINDERN

Auch wenn Methylphenidathydrochlorid („Ritalin“) von immer mehr Kindern eingenommen wird, wurden bisher fast keine Untersuchungen zu den Wirkungen des Arzneimittels auf das sich bei Kindern noch entwickelnde Gehirn durchgeführt.

Eine Studie, die in der „JAMA Psychiatry“ veröffentlicht wurde, untersuchte erstmals die Wirkung von Ritalin auf das Gehirn von Kindern und Erwachsenen. Die Ergebnisse der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie zeigen, dass Ritalin eine deutliche Wirkung auf Kinder hat, die zu dauerhaften neurologischen Hirnveränderungen führen kann.“Da die Reifung mehrerer Hirnregionen erst im Jugendalter abgeschlossen ist, können Medikamente, die in den sensiblen frühen Lebensphasen verabreicht werden, die neurologischen Entwicklungsverläufe so beeinflussen, dass später tiefgreifende Auswirkungen folgen“, schreiben die Forscher unter der Leitung von Liesbeth Reneman, Ärztin und Forscherin an der Universität von Amsterdam. „Das jugendliche Gehirn ist ein sich schnell entwickelndes System, das ein hohes Maß an Plastizität besitzt. Daher ist das Gehirn möglicherweise besonders anfällig für Medikamente, die diese Prozesse stören oder die spezifischen Transmittersysteme dauerhaft verändern“. Man nennt dies „neurochemische Prägung“.

In ihrer Studie wurden männliche Kinder und Erwachsene, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, nach dem Zufallsprinzip entweder mit Placebo oder Methylphenidat behandelt. Nach 16 Wochen und einer einwöchigen Auswaschphase beobachteten die Forscher die dopaminerge Funktion mithilfe der fMRI-Technologie. Sie fanden signifikante Veränderungen im Gehirn von Kindern, die bei Erwachsenen nicht vorhanden waren. Die Vermutung, dass sich diese durch die Medikamente bei Kindern hervorgerufenen Hirnveränderungen positiv auf die ADHS-Symptome auswirken könnten, bestätigte sich hingegen nicht.

Diese Studie liefert den ersten Beweis dafür, dass die Verwendung von ADHS-Medikamenten bei Kindern die Entwicklung des Gehirns auf signifikante und potenziell dauerhafte Weise verändern kann. Die Autoren betonen, dass ihre Kurzzeitstudie in größeren Gruppen und über längere Zeiträume überprüft werden muss. Uns ist bis heute keine solche Studie bekannt.

https://jamanetwork.com/…/jamapsych…/fullarticle/2538518