FAMILIENTHERAPIE BEI „ADHS“

Wie sich Ritalin fast immer vermeiden lässt

Eine bereits klassische Erkenntnis der Familientherapie besagt, dass das Problem eines Familienmitgliedes erst im Kontext seiner Familie und Familiengeschichte verständlich und behandelbar wird. Sein Problem steht für etwas in seiner Familie, es ist Symptom eines übergeordneten Familienproblems.

Wenig Zweifel besteht an der Erkenntnis, dass psychologische Familienprobleme Hauptursache oder zumindest Hauptrisikofaktor für kindliche Verhaltensprobleme darstellen. Viele kindliche Verhaltensprobleme entstehen oder erscheinen nicht (zumindest nicht in erheblicher Ausprägung), wenn familiäre Hintergrundprobleme fehlen. Sie verschwinden (oder reduzieren zumindest ihre Intensität), wenn die Familienprobleme beigelegt werden können.

Selbst eher körperlich begründbare Verhaltensprobleme können bei Fehlen chronischer oder massiverer familiärer Hintergrundprobleme weniger intensiv bis völlig unauffällig sein bzw. besser kompensiert werden oder keine sekundären Probleme entwickeln. Eine bekannte und vorbildliche, fast klassische Studie, die diese allgemeinen Zusammenhänge gut belegt, stammt von Esser u. Schmidt (s.u.).

Carlson EA, Jacobvitz D, Sroufe LA. haben bereits gezeigt, dass in erster Linie Familienfaktoren darüber entscheiden, ob ein Kind „ADHS“ entwickelt oder nicht. Zwei andere Studien haben den engen Zusammenhang zwischen kindlichem „ADHS“ und mütterlicher seelischer Gesundheit sowie Eltern-Kind-Konflikten belegt:

Lesesne CA, Visser SN, White CP fanden einen engen Zusammenhang zwischen mütterlicher seelischer Gesundheit und dem Vorhandensein von „ADHS“ bei Schulkindern. Zwischen mütterlicher Gesundheit und dem sich daraus ergebenden Verhalten ihrer Kinder bestehe eine enge Verbindung. Sie betonen denn auch die Notwendigkeit einer familienbezogenen Therapie. Auch Burt SA, Krueger RF, McGue M, Iacono W. finden, dass chronische Eltern-Kind-Konflikte ein grundlegender Risikofaktor bei der Entwicklung kindlicher Verhaltensstörungen (darunter auch „ADHS“) darstellen. Sie stellen fest, dass kindliche Komorbiditäten nichts anderes als die gemeinsame Basis familiärer Hintergrundkonflikte widerspiegeln.

Die bisher von Medizinern konzipierte sog. multimodale Therapie bei „ADHS“ erscheint in diesem Zusammenhang als Stückwerk. Der Familienaspekt fehlt völlig. L.H. Diller, aber auch Th. Armstrong betonen zwar, wie wichtig ein familienorientiert-systemisches Verständnis und Therapieren bei „ADHS“ ist, in der klinischen Praxis dominiert aber überall ein eingeengtes, biologistisch auf das „kranke“ Kind zentriertes (oft rein medikamentöses) Vorgehen. Der Mythos von der lebenslänglichen Krankheit „ADHS“ spiegelt denn auch womöglich nur die Ineffizienz dieses biologistischen Sparprogramms wider, das die Psyche, die Familie und die Familiengeschichte des Kindes völlig ausblendet. Der Verdacht, das gängige medizinische „ADHS“-Konzept erwachse aus genau diesem Abwehrmechanismus, bietet sich zwanglos an.

Eine wirklich multimodale Therapie bei „ADHS“ muss deshalb in einer systemischen Familientherapie bestehen, in deren Rahmen sich kindbezogene Maßnahmen (auch eine Medikation) sinnvoll einbauen lassen müssen. Teamarbeit von Familie, Familientherapeut, Arzt, Kindertherapeut, Erzieherin bzw. Lehrer ist notwendige Voraussetzung. Besonders die Väter müssen in jedem Fall -auch bei geschiedenen Eltern- mit einbezogen werden. Die konfliktarme und konstruktive Zusammenarbeit der Eltern stellt den Hauptfakor eines hilfreichen Familiensystems dar. Aber auch Geschwister finden ihre Rolle im Kontext der familiären Veränderungen, die helfen können.

Eine allein auf das „ADHS-Kind“ zentrierte Problemsicht und Therapie ist jedenfalls in keinem Fall ausreichend. Die meisten Eltern, die darüber klagen, dass sie schon „alles“ versucht hätten und nichts geholfen habe (außer am Schluss Ritalin), waren nur aufs Kind zentriert. Sich selbst haben sie unfreiwillig ausgespart, mit Erzieherinnen und Lehrern lagen sie im Konflikt, und die Hilfseinrichtungen, mit denen sie es bisher zu tun hatten, haben sie darin unfreiwillig bestärkt.

Hilfesuchende Eltern sollten also immer ein familienorientiertes Therapiekonzept bei „ADHS“ zu finden versuchen. Nachfrage fördert auch in diesem Falle das Angebot. Am ehesten finden sie dies derzeit in Erziehungs- und Familienberatungsstellen, aber auch in immer mehr SPZs und FFZs. Systemische Psychotherapie ist seit Kurzem eine von den Krankenkassen anerkannte Therapiemethode. Die meisten Ärzte oder Psychotherapeuten in Einzelpraxen können sich ein solches teamorientiertes und familienbezogenes Vorgehen aus Kostengründen derzeit leider gar nicht leisten, obwohl sie es fachlich oftmals bevorzugen würden.

Literatur:

G. Esser, M.H. Schmidt: Epidemiologie und Verlauf kinderpsychiatrischer Störungen im Schulalter – Ergebnisse einer Längsschnittstudie. Nervenheilkunde 1987, 6, 27-35.

Weitere Literatur per PN

KINDLICHE TRAUMATA WIRKEN ÜBER DIE GENERATION HINAUS

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird von ihren Protagonisten einseitig als genetische, körperliche Krankheit dargestellt, obwohl es dafür keine validen wissenschaftlichen Belege gibt. Meist wird behauptet, ihr liege ätiologisch eine Hirnfunktionsstörung im Bereich der Transmitterregulation zugrunde (sog. Dopaminmangel). Belastende Kindheitserlebnisse („adverse childhood experiences“ (ACE)) werden weitestgehend ausgeblendet.

Die Korrelationen zwischen Genen und ADHS-Symptomatik haben sich bisher molekulargenetisch als minimal, unspezifisch und ohne klinische Bedeutung erwiesen. Sie sind nur von wissenschaftlichem Interesse, sind aber weder ätiologisch noch diagnostisch oder therapeutisch von irgendwelchem spezifischen Belang.

Ganz im Unterschied zu Forschungen, die die Beziehungen von Umweltbedingungen und Lernerfahrungen mit der ADHS-Symptomatik untersuchen. Die hier gefundenen Effekte überragen diejenigen der Molekulargenetik regelmäßig bei weitem.

Dies zeigt erneut eine aktuelle Studie in The Lancet, mit der Nora K. Moog von der Charité Berlin neben Forschern aus den USA der Frage nachgegangen sind, wie sich eine Misshandlung in der Kindheit späterer Mütter transgenerational auf ihre Kinder auswirkt.

Sie fanden u. a., dass sich die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose bei den Kindern von in der Kindheit misshandelten Müttern verdoppelte, ein Anstieg also um 100 %.

Dieser klinisch relevante Befund verdeutlicht erneut, dass Umweltbedingungen und Lernerfahrungen wie kindliche Traumata die bisherigen genetischen Befunde zur Ätiologie der ADHS-Symptomatik weit in den Schatten stellen.

Umso wichtiger muss es sein, in Zukunft ADHS nicht mehr als körperliche, genetisch bedingte Krankheit hinzustellen, sondern zu erkennen, dass es sich um eine lebensgeschichtlich begründete und verstehbare psychogene Problematik handelt.